Hilfe im Notfall Darum ist die freiwillige Feuerwehr so sexy
Die Zahl der ehrenamtlichen Einsatzkräfte bei der Feuerwehr steigt in ganz Deutschland. Vorn dabei ist die Gemeinde Ihlow mit einem Anstieg von 22 Prozent in nur fünf Jahren. Wie schafft sie das?
Ihlow - Wer die Augen von freiwilligen Feuerwehrleuten zum Leuchten bringen möchte, stellt ihnen eine einfache Frage: Was ist so sexy an der Feuerwehr? Die Frage drängt sich auf, denn während das Ehrenamt in vielen Bereichen Nachwuchssorgen hat, steigen die Zahlen der aktiven Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren bundesweit an. In Niedersachsen fällt der Anstieg seit 2017 mit 3,2 Prozent sogar noch deutlicher aus. 128.707 aktive Feuerwehrleute wurden hier im Jahr 2021 gezählt.
Was und warum
Darum geht es: Die Mitgliederzahlen der freiwilligen Feuerwehren steigen. Was lockt die Menschen in dieses Ehrenamt?
Vor allem interessant für: alle, die sich für das Phänomen Feuerwehr im Speziellen und Ehrenamt allgemein interessieren
Deshalb berichten wir: Bei der Pressekonferenz zum Jahresabschluss in der Gemeinde Ihlow fielen die guten Zahlen der Wehren auf. Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de
Der Ihlower Gemeindebrandmeister Heyo Voß ist ein absoluter Feuerwehr-Enthusiast. Sich bei ihm nicht mit der Begeisterung für den Dienst an der Spritze anzustecken, ist fast unmöglich. Für Voß ist es vor allem die intensive Kinder- und Jugendarbeit, die sich für die Feuerwehren auszahlt. „Mein Spruch ist immer: Keine aktive Feuerwehr ohne Jugendfeuerwehr und keine Jugendfeuerwehr ohne Kinderfeuerwehr“, sagt er. An das Motto halten sich die fünf Wehren im Gemeindegebiet.
40 Feuerwehrleute mehr in fünf Jahren
Ihlow liegt in der Mitte Ostfrieslands und kann mit spektakulären Zahlen beim Zuwachs aufwarten: Dort hat sich die Anzahl der aktiven Mitglieder seit dem Jahr 2017 von damals 179 um mehr als 22 Prozent im Jahr 2022 erhöht. Zuletzt zählte die Gemeinde 219 Einsatzkräfte. So viele, wie seit vielen Jahren nicht. Das Konzept geht offenbar auf. Auch Jugendfeuerwehrwart Sebastian Fernandez von der Wehr in Weene bekommt leuchtende Augen, wenn er von seiner Arbeit erzählt. Der 25-Jährige ist mittendrin in der Nachwuchsarbeit und sie macht ihm großen Spaß. „Der Höhepunkt ist das jährliche Zeltlager. Dann sind die Jugendlichen wie verwandelt“, sagt Fernandez mit einem breiten Lächeln.
„Die fünfte Jahreszeit“, nennt Voß die Woche zu Beginn der Sommerferien. Stille Kinder werden aktiv, laute Kinder kommen zur Ruhe, alle haben den ganzen Tag über viel zu tun und Spaß zusammen. Abends fallen alle müde in die Zelte und schlafen wie Steine. „Hier entstehen Freundschaften“, sagt Fernandez. Auch die sind wichtig für später funktionierende Teams bei den Einsätzen. „Man muss sich aufeinander verlassen können und jeder muss wissen, was er zu tun hat.“ Das Zusammenspiel werde schon in der Jugendfeuerwehr und im Zeltlager geübt.
Frauen tun der Feuerwehr gut
In der Kinder- und Jugendarbeit seien auch viele Mädchen dabei, berichten Voß und Fernandez. Eine Entwicklung, die beide freut. „Frauen sind wichtig für die Feuerwehr, sie bringen eine ganz andere Herangehensweise mit, die sich auch in den Einsätzen auszahlt“, sagt Heyo Voß. Ein ruhiges und überlegtes Vorgehen sowie viel Einfühlungsvermögen zählt Voß zu den besonderen Stärken der Frauen in der aktiven Wehr. 18 weibliche Einsatzkräfte waren es in Ihlow Ende 2022. Zehn mehr als noch vor fünf Jahren. Gerade sei eine Gruppenführerin aus Haxtum nach Ihlow gekommen und jetzt für die Nachbargemeinde im Einsatz. „Sie ist top und ein echter Gewinn für uns.“
Ein weiterer Punkt für die guten Zahlen in Ihlow sei wahrscheinlich die Unterstützung der Gemeinde und die neuen Wege, die zum Wohl der Einsatzkräfte gegangen werden. „Dazu zählt auch unser neues Hygienefahrzeug“, sagt Voß. Darin können die Feuerwehrleute nach einem Brand direkt am Einsatzort duschen und die Kleidung wechseln. Für die Gesundheit sei das ein großer Fortschritt. „Unsere Mitglieder merken, dass wir uns kümmern und fühlen sich gut aufgehoben“, sagt Voß und fügt nach kurzem Überlegen hinzu: „Es ist einfach ein gutes Gefühl, gemeinsam etwas für die Allgemeinheit zu tun und zu helfen“, vermutet Voß als weiteren Grund, warum die freiwillige Feuerwehr bei vielen punkten kann.
Die Frage, ob Ihlow mit seiner rasanten Entwicklung zu den Spitzenreitern im Landkreis Aurich gehört, kann Kreisfeuerwehrsprecher Manuel Goldenstein nicht beantworten. Denn noch wurden nicht alle aktuellen Zahlen auf Gemeindeebene ausgewertet. Immerhin liegt Ihlow allein im Vergleichszeitraum von 2018 bis 2021 mit seiner Entwicklung mehr als zehn Prozent über dem Zuwachs auf Kreisebene. Ein gutes Zeichen dafür, dass hier einiges richtig läuft.
Als Quereinsteiger von der Bundespolizei dazugekommen
Im Herbst 2017 ist Michael Eilers aus Riepe in die freiwillige Feuerwehr seines Heimatortes eingetreten. Der heute 45-Jährige zählt damit zu den eher späten Quereinsteigern. Der Bundespolizist war in seinem Beruf 20 Jahre im technischen Dienst, hat „Castor-Transporte begleitet und Aktivisten aus den Schienen geschnitten“. Als er an den Dienstort Emden versetzt wurde, wurde das Leben ruhiger. Zu ruhig sogar. Deshalb machte der den Einsatz für die örtliche Feuerwehr zu seinem „Hobby“. Eilers musste, wie auch die 16-Jährigen aus der Jugendfeuerwehr, vor dem Einsatz im aktiven Dienst die Schulbank drücken und die erforderlichen Truppmannausbildungen absolvieren. „Am schwersten fiel mir, die ganzen Fachbegriffe zu lernen. Dabei hatten mir die anderen Teilnehmer, die aus der Jugendfeuerwehr kamen, einiges voraus“, sagt Eilers. Das habe er bewundert. Seine Kollegen in Riepe profitieren im Gegenzug von seiner Einsatzerfahrung und der Ruhe, die er dadurch mitbringt. Deshalb konnte er schneller bei den Einsätzen in der ersten Reihe starten als seine jungen Kollegen. Die Lehrgänge auf dem Weg dorthin seien aber nicht ohne gewesen. Allein der erste Lehrgang ging über vier Wochen und umfasste 130 Unterrichtsstunden – neben der Arbeit. „Das muss man schon wirklich wollen“, sagt Eilers.
„Schön ist, dass wir alle etwas gemeinsam machen“
Torben Roß aus Weene ist kurz vor seinem achten Geburtstag in die Kinderfeuerwehr seines Heimatortes eingetreten. Gemocht hatte er die Feuerwehr schon vorher, aber als drei seiner Freunde auch noch mitmachen wollten, stand seine Entscheidung fest. Inzwischen ist er zehn Jahre alt und gerade in die Jugendfeuerwehr des kleinen Ortes im Süden der Gemeinde Ihlow gewechselt. 22 Mitglieder zählt sie dort. Seitdem seine siebenjährige Schwester in die Kinderfeuerwehr eingetreten ist, ist Torben nicht mehr der Einzige in seiner Familie, der sich bei der Feuerwehr engagiert. In der Kinderfeuerwehr ging es anfangs langsam los: erst einmal die anderen Kinder kennenlernen, dann die Geräte. „Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Dinge dazu, die man als echter Feuerwehrmann wissen muss, wenn man Brände löscht“, sagt Torben. Statt alle zwei Wochen wie in der Kinderfeuerwehr trifft sich die Jugendfeuerwehr wöchentlich. „Ich finde es toll, dass man immer wieder was Neues lernt“, sagt Torben. An einem Tag lernt er etwas über den Schlauch, am anderen über Hydranten und am dritten, wie er beides zusammenbringt. Das gefällt ihm. „Auch schön ist, dass wir alle etwas gemeinsam machen und nicht jeder für sich ist“, sagt Torben. Im Team Aufgaben zu lösen, findet er besonders spannend.
Er hat seine ganze Familie zur Feuerwehr gebracht
Gemeindebrandmeister Heyo Voß wollte schon in die freiwillige Feuerwehr, seit er denken kann. Weil er sich fast ein Bein dafür ausriss und fleißig trainierte, wurde er schon mit 15 Jahren in die Einsatztruppe seines Heimatortes Ihlowerfehn aufgenommen. Eigentlich ist das erst im Alter von 16 Jahren möglich. „Damals gab es noch keine Jugendfeuerwehr, deshalb war das der einzige Weg, wie ich dabei sein konnte“, sagt Voß. Mit seiner Begeisterung hat er seine ganze Familie angesteckt – auch seine Kinder sind in der freiwilligen Feuerwehr. „Meine Frau ist zu Hause die einzige Normale“, sagt Voß und lacht. Sein Amt ist sehr zeitintensiv. „Momentan habe ich fast jeden Abend Termine“, so Voß. Versammlungen der Ortswehren, Absprachen zu neuen Feuerwehrgebäuden und Planungen von neuen Einsatzfahrzeugen. „Es geht viel Zeit dafür drauf, da müssen der Partner und die ganze Familie mitziehen.“ Ohne deren Unterstützung ginge es nicht. Seine Familie legte noch eine Schippe drauf: „Wenn es früher bei Einsätzen schnell gehen musste, hat meine Frau mir die Garage aufgemacht und mir den Autoschlüssel in die Hand gedrückt. Die Kinder standen oben am Dachfenster und horchten, wohin ich fahre“, sagt Voß mit einem Schmunzeln. Die Kinder kamen schon früh mit zu den Zeltlagern, die Voß damals organisierte. „Das hat ihnen gefallen und sie sind dabei geblieben.“
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