Hamburg  Zehntausende neue Solaranlagen in Niedersachsen - doch das reicht lange nicht

Leon Grupe, Dirk Fisser
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Von Leon Grupe, Dirk Fisser
| 21.01.2023 12:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
In dieser Luftaufnahme ist Deutschlands größter Solarpark zu sehen. Die Photovoltaik-Freiflächenanlage im Landkreis Barnim, Brandenburg, ist in der Lage, im Jahr 130.000 Haushalte mit Strom zu versorgen. Foto: Christian Ender/Imago Images
In dieser Luftaufnahme ist Deutschlands größter Solarpark zu sehen. Die Photovoltaik-Freiflächenanlage im Landkreis Barnim, Brandenburg, ist in der Lage, im Jahr 130.000 Haushalte mit Strom zu versorgen. Foto: Christian Ender/Imago Images
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Am Rande von Autobahnen, auf Äckern und Wiesen: 2022 wurden so viele neue Solaranlangen angeschlossen wie lange nicht mehr – allein in Niedersachsen mehr als 42.000 Panels. Wie viele sind es insgesamt? Und in welchem Bundesland stehen die meisten? Der große Solar-Überblick.

Das Ziel ist klar: Bis zum Jahr 2030 will die Bundesregierung den Ausstoß des klimaschädlichen CO2 um 65 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 reduzieren. Der Anteil der erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch soll auf mindestens 80 Prozent steigen.

Auf dem Weg in eine klimafreundliche Zukunft muss Deutschland raus aus Kohle, Gas und Öl und rein in die erneuerbaren Energien. Dafür werden nicht nur deutlich mehr Windräder gebraucht, sondern auch Solaranlagen. Und wie bei der Windkraft will die Ampel-Koalition auch in den Ausbau von Solarparks ordentlich Schwung bekommen. Ein Überblick:

2022 stammten rund 49 Prozent des Nettostromverbrauchs – also der Strom, der aus der Steckdose kommt – aus „grünen“ Quellen wie Wind und Sonne. Der Anteil der Solarenergie stieg um 19 Prozent gegenüber 2021. Das berichtet das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme. Demnach erzeugten Fotovoltaikanlagen rund 58 Terawattstunden Strom, wovon rund 53 ins öffentliche Stromnetz gelangten.

Generell gilt: An sonnigen Tagen deckt die Solarenergie zeitweise über zwei Drittel des Strombedarfs in Deutschland ab.

Ob neben Autobahnen, auf Äckern oder auf Dächern – deutschlandweit wandeln gut 2,7 Millionen Solaranlagen Energie in Strom und Wärme um. Doch die Anlagen verteilen sich ungleich über die Republik.

In Sachen Solarkraft ist bundesweit ausgerechnet Bayern Spitzenreiter. Haftet an der bayerischen Landesregierung doch der Nimbus, einen ungenügenden Beitrag zur Energiewende zu leisten und Ausbau-Vorgaben aus Berlin naserümpfend hinzunehmen. Diese Haltung betrifft aber eher den Ausbau von Windparks. Im größten Bundesland standen laut Bundesnetzagentur bis einschließlich November 2022 rund 744.000 Solaranlagen, die unter optimalen Wetterbedingungen eine Leistung von 18.168 Megawatt erreichen können.

Auch Baden-Württemberg steht mit 469.609 Anlagen (8.232 Megawatt Leistung) ziemlich gut da. Im bundesweiten Ranking liegt der Südwesten damit auf Platz zwei.

Weiter nördlich in der Republik ist Niedersachsen - Primus beim Bau von Windrädern- deutlich weniger fortschrittlich. 256.267 neue Anlagen kamen im vergangenen Jahr bis November hinzu, mit einem Gesamtpotenzial von 5.582 Megawatt. Auch Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern kommen an die genannten Länder im Süden nicht heran. Hier stehen 71.907 Anlagen (Leistung: 2.310 Megawatt) beziehungsweise 30.427 Anlagen (3.303 Megawatt). Der Nordosten hinkt damit nicht nur beim Ausbau der Wind-, sondern auch der Solarenergie hinterher.

Grundsätzlich stimmt bundesweit der Trend, nur das Tempo ist zu langsam. Nach Angaben der Bundesnetzagentur wurden zwischen Januar und November 2022 insgesamt 6.735 Megawatt Solarleistung installiert, verteilt auf 345.675 Anlagen. Zwar liegen noch keine Zahlen für das Gesamtjahr vor. Der Bundesverband Solarwirtschaft erwartet jedoch einen Zuwachs von 7.700 Megawatt. Damit wäre das vergangene Jahr eines der erfolgreichsten für den Ausbau in Deutschland überhaupt.

Doch was nach einer Menge klingt, ist nur ein Bruchteil dessen, was noch folgen soll. Die Ampel-Koalition peilt einen Zuwachs von 22.000 Megawatt pro Jahr an. Das Vorhaben: Einen Anteil der Solarenergie an der Stromversorgung von 215 Gigawatt bis 2030. Experten gibt das zu denken: Bei Solaranlagen muss sich die Zubau-Geschwindigkeit mehr als verdoppeln, damit Deutschland seine Klimaziele nicht reißt, warnt der Thinktank Agora Energiewende.

Dem Bundesverband Solarwirtschaft zufolge wurden in den ersten zehn Monaten 2022 rund 37 Prozent der Anlagen auf Grünflächen oder Äckern errichtet. 34 Prozent wurden auf Wohnhäusern erbaut. Elf Prozent der Anlagen entstanden auf Gebäuden von Gewerbe, Handel und Dienstleistungen

Nach Angaben des Energiekonzerns ENBW steht der derzeit größte Solarpark Deutschlands in Barnim, Brandenburg. Die Panels erstrecken sich über eine Fläche von 164 Hektar. Die Gesamtleistung liegt dem Konzern zufolge bei 187 Megawatt.

Im vergangenen Jahr haben alle Bundesländer beim Ausbau zugelegt. Jedoch verteilt sich der Zuwachs sehr ungleich. Während Hamburg seine Solarleistung zwischen Januar und November 2022 um rund 18 Prozent steigern konnte, konnte Thüringen nur einen Anstieg von etwas über sechs Prozent verzeichnen. Das geht aus Daten der Bundesnetzagentur hervor.

Im bundesweiten Ausbau-Ranking sticht insbesondere Nordrhein-Westfalen hervor. Im bevölkerungsreichsten Bundesland sind 2022 sogar so viele Fotovoltaikanlagen wie noch nie in einem Jahr ans Netz gegangen. 70.000 neue Anlagen wurden in NRW errichtet. Gesamtleistung: 842,6 Megawatt. 

Und der Norden, wo der Wind zwar weht, die Sonne aber zumindest gefühlt seltener scheint? Im Ausbau-Ranking schafft es Niedersachsen ins obere Mittelfeld. Über 42.000 Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund 519 Megawatt wurden zwischen Januar und November 2022 in Betrieb genommen. Bis Ende 2035 will Niedersachsen mindestens 65 Gigawatt Solarstrom produzieren. Allerdings ist das Bundesland erst bei 5,5 Gigawatt angekommen.

Niedersachsens Nachbar Mecklenburg-Vorpommern hat in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres 6.000, vermutlich besonders leistungsstarke, Einheiten angeschlossen. Sie verfügen über 287 Megawatt. Schleswig-Holstein hat mit 11.500 fast doppelt so viele Module installiert. Deren Potenzial liegt dagegen „nur” bei 260 Megawatt.

Beachtet man ausschließlich die Zahl der neu gebauten Solaranlagen, schneiden - wenn auch wenig überraschend - Berlin (3.362), Hamburg (1.600) und Bremen (785) deutlich schlechter ab. Die Stadtstaaten sind dicht bebaut, es mangelt an Freiflächen für Fotovoltaik. Die Panels werden vor allem auf Hausdächern, Gebäuden und Fassaden installiert. Die sind jedoch weniger ertragreich als die großen Solarparks auf Wiesen und Äckern.

Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen behindern langwierige Genehmigungsverfahren einen schnelleren Zubau. Allein die Baugenehmigung eines Solarparks dauert in der Regel ein bis zwei Jahre, sagt Carsten Körnig. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarenergie plädiert: „Überzogene Restriktionen bei der Standortwahl für die Errichtung neuer Solarparks sollten ebenso abgebaut werden wie steuerrechtliche Hindernisse.”

Zudem beklagt der Branchenverband eine zu niedrige Quote bei der Solarisierung von Mietshäusern und Betrieben. „Hier müssen Förderanreize weiter verbessert und Bürokratie abgebaut werden”, mahnt König. Besser sieht es hingegen bei privaten Wohneigentümern aus. „Rund 20 Prozent von ihnen wollen am liebsten schon in diesem Jahr eine Solaranlage zur Strom- oder Wärmeerzeugung auf Ihrem Dach sehen.”

Doch es sind nicht nur bürokratische Hürden, die den Ausbau bremsen. Denn damit eine Solaranlage funktioniert, braucht es unter anderem Elektriker, Techniker, speziell ausgebildete Dachdecker. Und genau die fehlen: In der Solar- und Windenergie klaffte 2021 eine Lücke von rund 216.000 Fachkräften. Zu dem Ergebnis kommt eine Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft.

Darüber hinaus steht die Solarindustrie vor einem weiteren Problem, das sich durch viele Branchen zieht: Lieferschwierigkeiten. Weil viele Komponenten aus dem Ausland importiert werden müssen, kann es schon mal ein Jahr dauern, bis eine Solaranlage beim Kunden ankommt.

Einst galt die Branche in Deutschland als Erfolgsgeschichte, deren Hochphase in den Nullerjahren begann. Weltweit waren hiesige Produzenten führend bei der Entwicklung der Fotovoltaik-Technologie. Jahr für Jahr gingen Anlagen ans Netz, die mehr als sieben Gigawatt Strom produzierten, so viel wie sieben größere Kohlekraftwerke. Das änderte sich vor rund zehn Jahren; die damalige Bundesregierung hatte die Einspeisevergütung für die Fotovoltaik stark gekürzt.

In der Folge brach der Zubau ein, immer mehr deutsche Hersteller gingen pleite. Seitdem findet die Produktion hauptsächlich im Ausland statt. Vor allem die Chinesen dominieren den Markt. Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, schätzt, dass Deutschland beim Import von Solarzellen zu 90 Prozent von asiatischen Ländern abhängig ist.

Doch plötzlich hat der kleine Rest der Solarbranche in Deutschland wieder mehr zu tun. Steigende Strompreise und die Sorge vor Engpässen in der Energieversorgung haben eine große Nachfrage ausgelöst. Der Bundesverband Solarwirtschaft spricht sogar von einem „bundesweiten Solarboom”, der auf ein sprunghaft gestiegenes Interesse privater Immobilienbesitzer zurückgehe.

„Deren Investitionsbereitschaft war bereits während der Corona-Pandemie deutlich gestiegen und hat infolge der jüngsten Energiekrise nochmals einen erheblichen Schub bekommen”, teilte der Verband Anfang Januar der dpa mit.

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