Kritik an Plänen der Ampel Wirtschaft hält ein Jahr bezahlten Bildungsurlaub für unrealistisch
Die Wirtschaft in Ostfriesland kann sich für die Pläne des Bundesarbeitsministers nicht begeistern. Es gibt scharfe Kritik. Zuspruch kommt dagegen von der Leeraner IG Metall.
Landkreis Leer - Manche Arbeitnehmer dürften sich bereits gefreut haben, als Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) seine Pläne für eine sogenannte „Bildungszeit“ ins Spiel brachte. Das Konzept sieht vor, dass Arbeitnehmer sich bis zu ein Jahr lang weiterbilden können und dabei aus Mitteln der Arbeitsagentur auch während der Weiterbildung bezahlt werden. Voraussetzung solle eine Verständigung von Arbeitgeber und -nehmer sein. „Das lässt sich auch als Bildungsteilzeit in zwei Jahren organisieren“, so Heil gegenüber der DPA.
Was und warum
Darum geht es: Reaktion auf die Weiterqualifizierungspläne des Arbeitsministers.
Vor allem interessant für: Unternehmer, Angestellte
Deshalb berichten wir: Das Vorhaben der Regierung ist sehr weitreichend. Wir wollten wissen, was die heimische Wirtschaft davon hält. Den Autor erreichen Sie unter: t.ruemmele@zgo.de
Doch die Antwort der Arbeitgeber ließ nicht lange aus sich warten. Auch vom ostfriesischen Arbeitgeberverband kam scharfe Kritik. „Der Bogen wird wieder einmal überspannt“, sagt Verbandschef Johann Doden. Auch in Ostfriesland sei Fachkräftemangel problematisch. Sich für ein ganzes Jahr aus dem Betrieb zu verabschieden, sei auch gerade deshalb nicht praxistauglich. Stattdessen sollten die Unternehmen berufsbegleitende oder Halbtags-Weiterbildungen anstreben. „Das findet bereits heute oft statt“, betont Doden. So funktioniere es auch am besten. Heils Pläne seien für kleine Unternehmen im Landkreis Leer schlicht nicht umsetzbar. „Das geht vollkommen an der Praxis vorbei“, sagt Doden. „Das Thema Fortbildungen ist auch bei uns wichtig. Aber es muss leistbar sein.“
Gewerkschafter fordert mehr Angebote
Widerspruch erhält Doden von Thomas Gelder, Erster Bevollmächtigter der Leeraner IG Metall. „Ich finde den Vorschlag des Ministers sehr wichtig“, sagt der Gewerkschafter. Alle Betriebe in der Region seien derzeit im Umbruch. Weiterqualifizierungen seien deshalb ein wesentlicher Teil, um mit der digitalen Transformation Schritt zu halten. Für den Landkreis Leer sieht Gelder derzeit viel zu wenige Angebote, die Unternehmen ihren Beschäftigten machen. Als etwa im Zuge der Corona-Pandemie viele Unternehmen Kurzarbeit anmelden mussten, hätte diese Zeit für Weiterbildung genutzt werden können. Doch das sei kaum passiert. „Gerade bei der Aus- und Weiterbildung gibt es einen riesigen Bedarf“, sagt Gelder.
Nachfrage bei einem großen Industrie-Arbeitgeber im Landkreis Leer: Zinkpower verzinkt in Uplengen bis zu 11,5 Tonnen schwere Bauteile in einem der größten Kessel in Deutschland. Ob der Betrieb für mehrere Monate auf Mitarbeiter verzichten könnte, müsse im Einzelfall betrachtet werden, erklärt Werksleiterin Helga Fischer. „Grundsätzlich ist Zinkpower Remels ein Dienstleister, der für seine Kunden verlässlich verfügbar sein muss. Für mittelständisch geprägte Firmen wie wir dies sind, sind einjährige Qualifizierungsmaßnahmen schwierig zu überbrücken.“ Das Unternehmen halte die berufsbegleitenden Angebote für den Mittelstand für besser, nachhaltiger und effizienter.
Auch Kabinettskollege bremst Heils Pläne
Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, hilft sich Zinkpower selbst. Es gebe seit einigen Jahren ein internes Weiterbildungsprogramm, erläutert Fischer. Dabei würden die Mitarbeiter aber praxisbezogen und berufsbegleitend geschult. Eine Abwesenheit über mehrere Monate ist nicht vorgesehen.
Ob Hubertus Heil seine Pläne durchsetzen kann, erscheint indes nicht nur wegen des Widerstandes der Arbeitnehmer zweifelhaft. Am Freitag meldeten mehrere Medien, dass auch Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) von den Vorhaben nicht begeistert ist. Die DPA berichtet, damit sei die Idee einer einjährigen Bildungszeit vorerst auf Eis gelegt.