Hamburg/Munster  Unterschätzt: Darum wäre gerade der Leopard 1 für die Ukraine sinnvoll

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 20.01.2023 11:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Leopard 1A5 wird im AUsland teilweise immer noch genutzt. Kann er der Ukraine helfen? Foto: imago/StockTrek Images
Der Leopard 1A5 wird im AUsland teilweise immer noch genutzt. Kann er der Ukraine helfen? Foto: imago/StockTrek Images
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Der Kampfpanzer Leopard 2 als Hilfe für die Ukraine ist in aller Munde. Sein Vorgänger ist hingegen fast außen vor. Zu Unrecht, sagt ein Experte. Der Leopard 1 könnte der Ukriane helfen, ohne Deutschland zu schwächen.

„Uralt-Panzer“ nannte ihn der Spiegel schon im vergangenen April. Als „eine Erfolgsstory“ beschreibt ihn sein Hersteller, Rüstungskonzern „Krauss-Maffei-Wegmann“ (KMW). Dazu zeigt sich der Leopard 1 volksnah, unter anderem im vorpommerschen Grimmen können Abenteuerlustige über einen Erlebnisgeschenke-Anbieter mit ihm fahren. Die Angebote gehen bei 30 Euro los.

Doch ist der Leopard 1 womöglich auch die Lösung in einer nicht enden wollenden Debatte um die Lieferung von Kampfpanzern in die Ukraine? „Grundsätzlich wäre das eine sinnvolle Aktion”, sagt Ralf Raths.

Der Historiker und Direktor des Panzermuseums in Munster merkt, dass „Leo 1“ zu Unrecht ein bisschen aus dem Fokus rückt. Richtig eingesetzt, könne er den Ukrainern große Dienste leisten. „Auch ein älterer Panzer ist, richtig eingesetzt, immer noch ein sehr machtvolles Instrument“, sagt der ausgewiesene Panzer-Experte.

Öffentlich wird zumeist nur über den Nachfolger Leopard 2 diskutiert. Mehrere Nato-Staaten und auch der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski im „ARD Brennpunkt“ erhöhen den Druck auf die Bundesregierung um Kanzler Scholz und den neuen Verteidigungsminister Boris Pistorius (beide SPD).

Genehmigung oder eigene Lieferung? Die Entscheidung ist noch offen. Das Vereinigte Königreich hat es mit der Ankündigung, den Kampfpanzer Challenger 2 in die Ukraine zu entsenden, vorgemacht: Das ist ein Panzer, der ungefähr aus derselben Zeit wie der Leopard 2A4 stammt, um den sich die aktuellen Liefer-Debatten derzeit drehen.

Der Leopard 1 wurde ein paar Jahrzehnte vorher konzipiert und stammt aus den Sechzigern. Der Leopard 1A5 war seine letzte Version. „Die Ablösung war notwendig, weil es ein neues Modell gab, aber der Leo 1 war damit nicht unbrauchbar”, sagt Ralf Raths. Bei der Bundeswehr ist der Kampfpanzer seit 2003 außer Dienst gestellt.

Trotz vieler Nachrüstungen bleibt der Leopard 1 ein veraltetes Modell, kleiner und langsamer als der Nachfolger, mit schlechterer Panzerung und kleinerem Geschütz. Dem von Russland hauptsächlich eingesetzten Panzern wäre er somit unterlegen. „In einer großen Panzerschlacht hat er natürlich nichts zu suchen”, betont Ralf Raths. Doch er könne als schnelles, mobiles Fahrzeug kampfstarke Aufklärung fahren, Feuerunterstützung für die vorrückende Infanterie geben, Flanken sichern und auch gegen ältere Panzer antreten, zählt der Museumsdirektor auf.

Den russischen T-62-Modellen wäre der „Leo 1“ noch gewachsen. Und nach Recherchen von „ntv” hat Russland tatsächlich auch die alten T-62 in die Ukraine entsandt. Womöglich aus den gleichen kriegstaktischen Überlegungen, die nun auch Ralf Raths für den Leopard 1 beschreibt.

Doch mit einer Leopard-1-Lieferung würde die Bundeswehr auch einer Zwickmühle entkommen, schätzt Raths. Dieser Kampfpanzer würde keine Lücke in die eigene Wehrhaftigkeit reißen. Will Deutschland Panzer vom Typ Leopard 2 liefern, müssten diese wohl aus den Beständen der Bundeswehr kommen.

Die Bundeswehr hat laut Raths nur noch sehr wenige Leopard 2 und diese in den sehr teuren Versionen 2A6 oder 2A7. Unter anderem wurden im Zuge des „Ringtausches“ bereits vergangenen Mai 15 Leopard 2A4 nach Tschechien geliefert.

Zwar stehen noch „ungenutzte“ Fahrzeuge der Version A4 in den Hallen des Rüstungsunternehmen Rheinmetall, doch dessen Vorstandschef Armin Pappenberger hat jüngst via „Bild am Sonntag“ bekannt gegeben, dass es bis zur Lieferung ein gutes Jahr dauern kann. Gleiches solle für die insgesamt 88 Leopard 1A5 gelten.

Die alten Fahrzeuge müssen erst wieder kampffähig gemacht werden. Das klang vor einem Dreivierteljahr noch anders: Damals sprach Pappenberger laut Handelsblatt noch von wenigen Wochen, ehe der erste Leopard 1in die Ukraine geschickt werden könnte.

„Einzelne Fahrzeuge helfen dem Kunden ja nur wenig, es kommt auf eine größere Stückzahl an – und das dauert länger“, erläutert Rheinmetall nun auf Anfrage unserer Redaktion.

Einen klaren Zeitraum für eine Lieferung will das Unternehmen wenige Tage nach dem „Bild“-Interview nun aber nicht mehr benennen.

Denn generell ändere sich die Gemengelage von sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen bis hin zu wechselnden Prioritäten bei den Aufträgen stetig, teilte das Unternehmen weiter mit.

Heißt wohl auch: Je stärker der politische Druck und die dazugehörige Unterstützung, desto eher werden die Kampfpanzer geliefert werden können.

Rüstungskonzern Krauss Maffei-Wegmann, hauptverantwortlich für die Leoparden-Familie, hat nach Informationen unserer Redaktion hingegen gar keine verfügbaren Fahrzeuge, die für die Ukraine losgeeist werden können.

Panzer-Experte Raths widerspricht auch gängigen Befürchtungen, dass die Ukrainer mit den alten Fahrzeugen womöglich zu wenig anfangen können. „Man muss es so sagen: Die Ukrainer sind aufgrund der Umstände die Kriegspraktiker in Europa schlechthin“, sagt er.

Schon, was sie aus den Flugabwehrkanonenpanzer Gepard herausholen, hätten vorher wenige für möglich gehalten. Der Leopard 1 sei, so resümiert Ralf Raths, eine völlig risikofreie Lieferung. „Und der Ukraine kann sie helfen. Wenn Deutschland das möchte, führt kein Weg an dieser Option vorbei.“

So sieht es offenbar auch die Unionsfraktion im Bundestag. Sie forderte in einem Antrag diese Woche auch die sofortige Lieferung der altgedienten Leoparden 1.

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