Marketing bei Lebensmitteln Der Sparzwang hat im Supermarkt das Probieren verdrängt
Vor der Pandemie konnte der Kunde im Supermarkt an Verkostungsständen naschen. Das ist immer noch passé. Dabei bringen solche Aktionen viele Vorteile.
Ostfriesland - Es ist ein appetitliches Bild: Am Rand eines Gangs im Supermarkt steht eine hochgewachsene blonde Frau in niederländischer Tracht mit einem gestärkten Käppi auf dem Kopf und bietet Käsehäppchen an. Wer möchte da nicht zugreifen? Verkostungen dieser Art sind in Ostfriesland pandemiebedingt in den vergangenen zwei Jahren storniert worden. Aus hygienischen Gründen war es verpönt und streckenweise auch verboten, Lebensmittel anzubieten. Jetzt wäre es eigentlich unbedenklich wieder möglich, doch Verkostungsstände sucht der Kunde in den ostfriesischen Supermärkten meist vergeblich. Woran liegt das?
Thomas Bruns vom E-Center am Dreekamp in Aurich vermutet, dass die Hersteller schlicht und einfach sparen wollen. Deshalb würden viele darauf verzichten. „Verkostungsstände sind bedauerlicherweise auch vor der Pandemie schon sehr rückläufig gewesen“, hat der Kaufmann beobachtet. Daher geht er davon aus, dass diese Art der Verkostung sich aus Sicht der Hersteller überlebt hat. Thomas Bruns möchte aber nicht darauf verzichten, weil er diese Appetithäppchen als schönen Service betrachtet. Er hat daraus die Konsequenz gezogen: Er bietet an seinen Frischetheken im Markt selbst Brettchen mit hübsch angerichteten Kostproben an. Gerade um ein neues Produkt einzuführen, ist das Geschmackserlebnis unverzichtbar.
Geschmack lässt sich kaum beschreiben
„Wie schmeckt Krokodil?“ Mit dieser Frage spricht die Promotion-Agentur Pearl Promotion (Maintal bei Frankfurt) den Besucher ihrer Homepage an. „Einzig mögliche Antwort: ,Wie Krokodil!‘“. Der Versuch, ein Geschmackserlebnis zu beschreiben, ist in der Regel zum Scheitern verurteilt, weil man nur mit Vergleichen arbeiten kann. Und die sind oft hölzern und treffen den Kern nicht. Damit eine Verkostungsaktion wirklich erfolgreich sei, müsse sie von geschultem Personal durchgeführt werden, stellt eine Sprecherin von Pearl Promotion klar: „Alle Promoter, die ihre Produkte zur Verkostung anbieten, kennen die Inhaltsstoffe, wissen, welche Fragen geklärt sein müssen und welche Vorteile der Kunde persönlich erhält.“
Offenbar fehlt bei den Herstellern das Vertrauen in diese Form des Marketings. Die Bünting-Unternehmensgruppe, die Famila- und Combi-Märkte im ganzen Nordwesten Deutschlands betreibt, teilte mit, nur noch selten Anfragen zu Verkostungsaktionen zu erhalten. „Aktuell bestehen keine Angebote beziehungsweise Anfragen seitens der Industrie“, sagte Bünting-Sprecher Johannes Booken.
Promotion am Fähranleger
Für die Auricher Molkerei Rücker sind Verkostungen indessen ein wichtiges Marketing-Instrument: „Wir persönlich halten sehr viel von Probierkontakten und der direkten Kommunikation mit den Verbrauchern. Auch unsere Online-Marketingaktivitäten in den sozialen Medien sind stark von Dialog geprägt. Nicht nur in unsicheren Zeiten schafft das Vertrauen bei den Menschen“, sagt Insa Rücker. Aktuell verzichte man im Handel noch auf Verkostungsstände. Das Unternehmen hat den Eindruck, dass bei vielen Menschen die Scheu, offene Ware zu probieren, noch stark ausgeprägt ist.
Das Unternehmen hat allerdings nach alternativen Wegen gesucht. Im vergangenen Jahr hat es an Promotionständen auf dem Campus verschiedener Universitäten Molkerei-Produkte verteilt. Weil die Ware verschlossen war, gab es keine Vorbehalte wegen möglicher Kontaminationen. „Auch am Fähranleger auf Norderney haben wir im Sommer verpackte Rücker-Produkte an die Urlauber in Norddeutschland verteilt“, sagt Insa Rücker. Diese beiden Aktionen seien sehr gut angenommen worden. Das Fazit der Firmen-Sprecherin: „Wir glauben, dass es noch eine Weile dauern wird, bis Verkostungen in den Supermärkten zurückkommen. Beim Einkaufen ist es wie beim Reisen: Die Menschen sehnen sich nach ihrem alten Leben.“