Davos Neue Weltordnung? Was wirklich hinter dem "Great Reset" steckt
Die globale Wirtschaft diskutiert einen "Großen Neustart" für mehr Nachhaltigkeit und fairen Profit. Doch es gibt Menschen, die dahinter eine Verschwörung "von oben" vermuten. Worum geht es hier wirklich?
Wieso nicht die Corona-Pandemie nutzen für einen großen Neustart der globalen Wirtschaft? Einen solchen „Great Reset“ schlug das Weltwirtschaftsforum (WEF) 2020 vor. Verschwörungstheoretiker kaperten den Begriff jedoch und spinnen absurde Szenarien zusammen. Wie die Ursprungsidee eigentlich aussah und welche grotesken Auswüchse sie angenommen hat – ein Überblick.
Während im ökonomisch-politischen Diskurs schon häufig für "große Umbrüche" geworben wurde, prägte WEF-Gründer Klaus Schwab zuletzt den Begriff. Schwab veröffentlichte im Sommer 2020 ein Buch namens "Covid-19: The Great Reset". Darin analysiert er mit dem französischen Ökonom Thierry Malleret die volkswirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie und wirbt für den nachhaltigen Wiederaufbau der globalen Wirtschaft mit "Technologien der vierten Industriellen Revolution".
Schon vorher, beim WEF-Treffen im Januar 2020, wurde über einen "Great Reset" gesprochen. Gemeinsam mit dem britischen Thronfolger Prinz Charles stellte Schwab einen Plan vor, der vor allem die Privatwirtschaft in die Pflicht nimmt, künftig sozial- und umweltverträglicher zu agieren.
2020 stand das WEF-Treffen unter dem Motto "The Great Reset". Statt persönlich im schweizerischen Davos diskutieren die internationalen Spitzenköpfe aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft virtuell über Zukunftsfragen. 2023 lautet das Motto „Cooperation in a Fragmented World“.
Video: Weltwirtschaftsforum erklärt: "Was ist der Große Neustart"? (auf Englisch)
Die Forderung nach einem verantwortungsvollen Kapitalismus sei nicht neu, monieren Kritiker und verweisen auf ältere Vorträge von Schwab und seinen Gästen beim WEF. Auch andere Thinktanks und Stiftungen haben das Thema nachhaltige Wirtschaftssysteme schon beackert und Entwürfe vorgestellt. Die UN-Agenda 2030 enthält ähnliche Forderungen.
Einige Spitzenpolitiker schlossen sich der Idee vom "besseren Wiederaufbau" bereits an: Kanadas Premier Justin Trudeau, Großbritanniens damaliger Regierungschef Boris Johnson, Pakistans damaliger Premier Imran Khan, US-Präsident Joe Biden sowie die EU-Kommission konkretisierten Pläne zur Idee "build back better".
Weil das Weltwirtschaftsforum nur vage beschreibt, wie ein "Great Reset" aussehen könnte und sogar aktiv um Ideen aus der Wirtschaftselite bittet, bleibt viel Interpretationsspielraum für krude Theorien.
Gerade für viele nordamerikanische Ohren klingt der Plan wie eine sozialistische Ideologie. Die aus den USA stammende rechtsradikale Verschwörungsbewegung QAnon sowie libertäre Thinktanks und Meinungsführer rechtskonservativer Medien verbreiten die Auffassung, die WEF-Elite wolle die Pandemie nutzen, um der Welt einen radikalen sozialen und wirtschaftlichen Wandel aufzuzwingen. Liest man sich die offizielle Agenda durch, klingt vieles pathetisch, manches radikal, doch nirgendwo ist von Zwang die Rede. Zudem hat das WEF auch gar keine direkte Entscheidungsgewalt. Es ist mehr Netzwerktreffen der Mächtigen als Gesetzesschmiede.
Doch auch in Massenmedien werden extreme Interpretationen verbreitet: Videos der Sendung von Fox-News-Moderatorin Laura Ingraham nach der Wahl Joe Bidens zum Präsidenten erhielten Millionen Klicks. Darin behauptet sie zunächst, "mächtige Leute" und später "Bidens Handlanger" planten einen "Great Reset" des Kapitalismus, um globale Ressourcen fairer zu verteilen. Der Sender Sky News Australia, der lange von der umstrittenen Murdoch-Unternehmerfamilie geleitet wurde, stilisierte Schwab in einem Beitrag zum gefährlich wirkenden Drahtzieher hinter einer Elitenverschwörung für eine marxistische Weltordnung.
Längst hat sich die Debatte um die WEF-Initiative verselbstständigt – und die Erzählungen werden immer abstruser. Mittlerweile warnen weltweit Systemkritiker in Youtube-Videos und Blogs vor einer "neuen Gesellschaftsordnung nach den Vorstellungen der Industrie". Der "Great Reset" sei in Wahrheit eine "technokratische Allmachtsfantasie", die in einem "Überwachungsstaat" münden werde.
Eine deutsche Protestwebsite wähnt "Gleichschaltung" und eine Degradierung der Menschheit zu "sozial isolierten Konsumsklaven". Anlasslos wird dort behauptet, "dubiose Gestalten von oben" würden eine Weltregierung planen und "die Abschaffung aller Völker und Kulturen sowie von Selbstbestimmung und Demokratie".
Es seien solche Verschwörungserzählungen, die die Demokratie gefährdeten, entgegnete WEF-Gründer Schwab in der Schweizer "Weltwoche". Sie drohten das Vertrauen der Gesellschaft in alles zu untergraben, "was etabliert ist, nicht nur in Eliten, sondern auch in Parteien und Institutionen".
Um diese "Stakeholder" (Interessensgruppen) gehe es Schwab und seinem Forum eigentlich. Nicht nur Manager und Politiker sollen den Kapitalismus mitgestalten, sondern auch Journalisten, Aktivisten, Wissenschaftler und vor allem die jüngere Generation. Unternehmen müssten sich darauf konzentrieren, die Bedürfnisse aller Stakeholder zu befriedigen. "Nachhaltige Wertschöpfung" werde wichtiger, betont Schwab.
Damit widerspricht er dem seit Jahrzehnten eingetrichterten "Shareholder"-Ansatz, bei dem sich Unternehmen auf Gewinnmaximierung konzentrieren und sich lediglich um ihre Aktionäre kümmern. Diese Philosophie führt dazu, dass Konzerne dereguliert agieren – weitgehend ohne Verpflichtungen gegenüber der Stakeholder, also im weitesten Sinne auch der Gesellschaft und der Umwelt, analysiert Soziologe Markus Zürcher. "Die Folge davon war und ist die rücksichtslose Ausbeutung des Humankapitals und der natürlichen Ressourcen, die Erosion der Wirtschaftsordnung und deren Institutionen sowie eine Dominanz der Ökonomie über die Politik." Statt dem propagierten Wohlstand für alle wachse eine Schere zwischen Arm und Reich.
In der Pandemie verstärkt sich dieses Bild der Ungerechtigkeit. Ausgerechnet die Big-Tech-Firmen profitierten erheblich von der Krise und steigerten ihre Umsätze, während kleinere Unternehmen Einbußen verzeichneten und Millionen Menschen arbeitslos wurden. All das nährt das seit Jahren wachsende Misstrauen in die Elite aus Chefs von Regierungen sowie einflussreichen Konzernen. Vor allem Firmenchefs wird im öffentlichen Diskurs häufig die Legitimität ihrer Macht abgesprochen, da sie nicht demokratisch gewählt sind.
Nun sollen diese globalen Konzerne laut Schwab den "Großen Neustart" unterstützen. Ihr jetzt schon großer Einfluss auf Politik und Leben der Weltbevölkerung würde also noch wachsen. Laut dem Politik- und Wirtschaftsforscher Ayad Al-Ani klingen ihre Motive grundsätzlich edel: "Im Gegensatz zur nationalen Politik und dem wirtschaftlich zurückhaltenden, neoliberalen Staat sind globale Unternehmen daran interessiert, Konflikte nicht ausufern zu lassen, globale Innovationen und Wertschöpfungsketten zu stärken, aber auch ökologischen Raubbau und soziale Ungleichheit in den Griff zu bekommen."
Demnach könnte der Einfluss mächtiger Firmenchefs sogar helfen, die komplexen Probleme in der globalisierten Welt zu lösen, wozu die nationalen Regierungen offenbar nicht fähig sind. Zum Beispiel beim Klimawandel: Hier hat die politische Elite viel Wählervertrauen verloren, da jahrzehntelang durch entsprechende Gesetze nur wenig erreicht wurde. Die Wirtschaftselite wurde dagegen häufig erst aktiv, wenn sich der Wandel zur Nachhaltigkeit finanziell lohnte. Schwabs Initiative fordert von Unternehmen mehr Engagement abseits des Profitgedankens.
Allerdings werde ein "Great Reset" die Agenda der Konzerne verändern, schreibt Al-Ani im IPG-Journal. Weltweit agierende Unternehmen zeigten bereits Anzeichen von Staatlichkeit. Demnach verfolgten sie eine eigene prinzipiengeleitete Politik und Doktrin. Als Beispiel nennt er Microsoft, das im chinesisch-amerikanischen Handelskonflikt bestimmte Daten nicht an die US-Regierung herausrückte.
Al-Ani: "Bislang nutzte der Staat Unternehmen, um indirekt Macht auszuüben. In Zukunft können Konzerne ganze Nationen in ihrem Sinne beeinflussen, ohne die große Bühne zu betreten – wobei auch Letzteres nicht mehr ausgeschlossen werden kann."