BERLIN  Warum das Gas im Großhandel fällt – aber (noch) nicht für Verbraucher

Leon Grupe
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Von Leon Grupe
| 16.01.2023 10:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Nachdem es monatelang einen rasanten Anstieg gab, ist der Gaspreis gesunken. Bloß: Viele Endkunden bekommen davon nichts zu spüren. Foto: Imago Images
Nachdem es monatelang einen rasanten Anstieg gab, ist der Gaspreis gesunken. Bloß: Viele Endkunden bekommen davon nichts zu spüren. Foto: Imago Images
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Gas ist so billig wie lange nicht. Erste Versorger bieten deswegen wieder preiswertere Tarife an. Die meisten Kunden ächzen aber noch unter enormen Abschlägen. Lohnt sich jetzt der Anbieterwechsel? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Die gute Nachricht zuerst: Nachdem es monatelang einen rasanten Anstieg gab, ist der Gaspreis gesunken. Inzwischen liegt er wieder auf dem Niveau vom Dezember 2021 – wenige Wochen vor Ausbruch des Ukraine-Kriegs. Auch Engpässe in der Energieversorgung sind zum Glück ausgeblieben. 

Noch im Herbst befürchteten Vertreter aus Politik und Wirtschaft, dass die Gasvorräte wegen fehlender Lieferungen aus Russland nicht die übliche Quote erreichen könnten. Doch zu Jahresbeginn sind die Gasspeicher nahezu voll. Laut Bundesnetzagentur liegt der Füllstand bei 90 Prozent. Zwischen 2017 und 2021 waren die Speicher im gleichen Zeitraum durchschnittlich „nur” zu rund 70 Prozent gefüllt.

Ein positiver Trend, die sich jedoch in den Nebenkostenabrechnungen kaum niederschlägt. Zum Jahreswechsel haben tatsächlich viele Menschen Abschlagserhöhungen für Strom und Gas vom Versorger erhalten. Wie passt das zusammen?

Milde Temperaturen und große Vorräte dämpfen die Gaspreisentwicklung. Auch die gestiegenen Importe von Flüssigerdgas (LNG) drücken die Preise. Zuletzt kostete eine Megawattstunde Gas am Handelsplatz TTF in den Niederlanden teilweise unter 70 Euro. So günstig war europäisches Erdgas zuletzt im Februar 2022. 

Grundlage sind vor allem die Beschaffungsstrategien, mit denen Gasversorger am Markt einkaufen. Weil in Deutschland kaum Erdgas gefördert wird, schließen die Versorger am sogenannten Terminmarkt langfristige Lieferverträge mit Importeuren wie beispielsweise Uniper ab. Solche Deals basieren auf langjährigen Durchschnittspreisen. Als infolge des Ukraine-Kriegs Gas immer teurer wurde, kauften die Versorger dennoch im Voraus ein, um verlässlich Gas an Privathaushalte liefern zu können.

Der Preis, der jetzt beim Endkunde ankommt, stammt also aus Lieferverträgen, die die Versorger in den vergangenen Monaten geschlossen haben, zu deutlich höheren Einkaufspreisen als das Gas an der Strombörse aktuell wert ist. Fallen die Preise kurzfristig, schlägt das erst mit Verzögerung in den Haushalten durch.

Nach Angaben des Vergleichsportals CHECK24 ist der durchschnittliche Gaspreis für Verbraucher im Dezember sogar gestiegen, nachdem er im November noch leicht gesunken war.

Das Vorgehen der Gasversorger hat aber auch einen Vorteil. Aufgrund der langfristigen Verträge sind Versorger weniger anfällig für Preisschwankungen. Kurzfristige und besonders hohe Preisanstiege werden nicht eins zu eins an die Privathaushalte weitergegeben. Als sich der Gaspreis an der Strombörse 2022 im Vergleich zu Anfang 2021 zeitweise verzwölffachte, stieg er für Endverbraucher „nur” um rund das Fünffache.

Wie schnell sich der gefallene Gaspreis an der Strombörse auf die Abschlagszahlungen der Endkunden auswirkt, hängt auch vom jeweiligen Gastarif ab. In Deutschland gibt es zwei Arten von Verträgen. Bei der Grundversorgung kann der Versorger den Gaspreis laufend anpassen. Inzwischen ist solch ein Tarif am teuersten, wie eine Auswertung des Vergleichsportals Verivox zeigt. 

„Für Kunden in der Grundversorgung und für Bestandskunden wurde es zum Jahreswechsel noch einmal deutlich teurer”, sagt Lundquist Neubauer von Verivox. „Wir haben insgesamt über 500 Preiserhöhungen von Versorgern registriert – um durchschnittlich 50 Prozent.” Demnach haben Grundversorger zwischen September und Mitte Januar die Preise von 12,7 auf 17,7 Cent je Kilowattstunde angehoben. Ein Plus von 39 Prozent.

In Sonderkundenverträgen – das andere Tarifmodell – legen Versorger die Preise mit einer Garantie befristet auf ein oder zwei Jahre fest. Die Preise lassen sich erst ändern, wenn die Garantie ausgelaufen ist.

Zeit für ein Beispiel: Ein Musterhaushalt mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden zahlt CHECK24 zufolge aktuell im Schnitt 3688 Euro im Jahr für Gas. Das entspricht einem durchschnittlichen Preis von 18,4 Cent pro Kilowattstunde. Damit liegt er zwar 16 Prozent unter dem Höchststand von September, doch die Kosten bleiben weiter enorm. Im Dezember 2021 hatte der jährliche Gaspreis noch 2036 Euro betragen –knapp 45 Prozent weniger.

Anders sieht die Situation für Neukunden aus. Denn die niedrigen Börsenpreise sorgen für einen starken Wettbewerb und viele Anbieter machen wieder günstige Angebote. Derzeit kostet eine Kilowattstunde Gas im Mittel 14,3 Cent für Neukunden (Stand vom 12. Januar). Anfang September mussten sie noch 40 Cent zahlen. Das bedeutet einen Rückgang von 64 Prozent.

Das lässt sich pauschal nicht sagen. „2022 sind viele Menschen zu den Stadtwerken zurückgekehrt”, erklärt Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. „Jetzt beobachten wir seitens der Verbraucher wieder ein gestiegenes Interesse an Lieferanten und Discountern.” Dem Energieexperte zufolge kann es sich zwar lohnen, den Versorger zu wechseln. Da aber auch Kunden in der Grundversorgung von der Gaspreisbremse profitieren, fallen die Unterschiede zu marginal aus, um zum Anbieterwechsel zu raten.

Voraussichtlich wird die Gaspreisbremse von März bis Ende April 2024 wirken. Bei der Entlastungsmaßnahme werden Haushalte sowie kleine und mittlere Unternehmen 80 Prozent ihres bisherigen Gasverbrauchs zu einem Bruttopreis von zwölf Cent pro Kilowattstunde garantiert. Wärmekunden zahlen unter der 80-Prozent-Grenze einen geringeren Betrag von 9,5 Cent. Für die restlichen 20 Prozent des Verbrauchs soll der ganz normale Vertragspreis gelten. Das gilt rückwirkend auch für Januar und Februar.

Eine klare Prognose lässt sich nicht treffen. Experten bezweifeln aber, dass der Gaspreis in absehbarer Zukunft wieder auf das Vorkrisenniveau fällt. In den vergangenen Jahrzehnten pendelte er für eine Megawattstunde zwischen zehn und 20 Euro.

Der Energiekonzern E.on teilte dazu mit: „Vieles spricht dafür, dass wir weiterhin mit hohen oder noch weiter steigenden Preisen an den Großhandelsplätzen rechnen müssen.“

In einer Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln (EWI) erwarten Fachleute hingegen einen langfristigen Rückgang. „Ginge die EU-Gasnachfrage bis zum Jahr 2030 um 20 Prozent gegenüber 2021 zurück, könnten sich Großhandelspreise auf dem Niveau von 2018 einstellen – unabhängig davon, ob der Gashandel mit Russland beschränkt ist oder nicht.“

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