Hamburg  „Dreigroschenoper“ feiert umjubelte Premiere auf dem Hamburger Kiez

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 15.01.2023 17:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Halunken unter sich: Gustav Peter Wöhler (links) als Peachum und Michael Rotschopf als Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“ im St. Pauli Theater in Hamburg. Foto: Kerstin Schomburg
Halunken unter sich: Gustav Peter Wöhler (links) als Peachum und Michael Rotschopf als Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“ im St. Pauli Theater in Hamburg. Foto: Kerstin Schomburg
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Das Bettler- und Gangster-Stück von Bertolt Brecht und Kurt Weill ist nicht totzukriegen. Und es passt bestens ins Hamburger Rotlichtviertel. Armut, Lügen, Sex und andere Abgründe – das Publikum hat Spaß.

Oh ja, dieser Haifisch hat Zähne und auch nach 95 Jahren noch jede Menge Biss: Am St. Pauli Theater hat am Sonnabend Bertolt Brechts „Die Dreigroschenoper“ umjubelte Premiere gefeiert. Mit viel Rasanz im Revue-Stil, Rotlicht-Atmosphäre und bekannten Namen bringt die Inszenierung die zeitlos treffende Kapitalismuskritik auf die Bühne am Spielbudenplatz.

Bemerkenswert: Die Regisseure Peter Jordan und Leonhard Koppelmann rücken die mitreißende Musik von Kurt Weill in den Vordergrund. Großartig umgesetzt von den zehn Musikern unter der Leitung von Uwe Granitza. Ihre schwungvoll-schrägen Klänge rufen in Erinnerung: Die 1928 uraufgeführte „Dreigroschenoper“ war das erste deutschsprachige Musical.

Das Stück erzählt den Kampf um die Vorherrschaft in Londons Unterwelt, Verbrecherkönig Macheath (Mackie Messer) gegen Bettler-Baron Peachum. Es geht um Armut, Ungerechtigkeit, Gewalt, Korruption, Lügen, Sex – also um all die ewigen menschlichen Schwächen und Konstruktionsfehler dieser Welt.

Auf der mit Videoprojektionen beeindruckend gestalteten Bühne des kleinen Kieztheaters gibt es große Schauspielkunst. Michael Rotschopf überzeugt restlos als Gangsterboss Macheath im Dandy-Modus, mit rotem Hut und akkuratem Oberlippen-Bärtchen. Seinen Kontrahenten mimt der als Rampensau berüchtigte Gustav Peter Wöhler in einem Mix aus Lust am Swing und Verschlagenheit.

Und doch: Mögen die beiden Hauptrollen auch männlich sein, ohne die Frauen im Ensemble wäre „Die Dreigroschenoper“ nicht einmal die Hälfte wert. Nadja Petri ist eine mit allen Wasser gewaschene Spelunken-Jenny. Anne Weber besticht als Celia, Peachums weise-berechnende Ehefrau, die in der Gauner-Ehe in Wahrheit die Hosen anhat. Anneke Schwabe als Polly und Victoria Fleer als Lucy teilen das Schicksal, mit Mackie Messer verheiratet zu sein. Ihren Zickenkrieg tragen sie musikalisch und handgreiflich aus. Das ist amüsant, voller Energie, aber bisweilen ein bisschen überdreht.

Unter den Besuchern zeigte sich viel Prominenz. Premierengäste am Spielbudenplatz waren unter anderem Kultursenator Carsten Brosda, die Schauspieler Christian Redl und Sebastian Bezzel mit Ehefrau Johanna Christine Gehlen, Sportmoderator Gerhard Delling mit Lebensgefährtin Christina Block sowie Albert Wiederspiel (Filmfest Hamburg), der Ehemann von Gustav Peter Wöhler.

Verlassen kann sich die Inszenierung auf den durchschlagenden Erfolg der vertrauten Gassenhauer – von „Und der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht“ über „Soldaten wohnen auf den Kanonen“ bis – natürlich – zur ikonenhaften ewigen Brechtschen Weisheit: „Wie ihr’s auch immer dreht, wie ihr’s auch immer schiebt, erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.

Dass die süffige Gesellschaftskritik zum Hamburger Kiez passt wie die Faust aufs Gangsterauge, liegt auf der Hand. An Aktualität hat die Story nichts verloren. „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“, lässt Brecht rhetorisch fragen. Und wohl kaum jemand im Publikum, der nicht an Cum-Ex und Co. denkt.

Am Ende gab es verdientermaßen heftigen Applaus für Ensemble, Orchester und Regie.

„Die Dreigroschenoper“, St. Pauli Theater, Spielbudenplatz, bis 26. Februar, 19,90 bis 74,90 Euro. Ticket-Hotline: (040) 4711 0 666 und st-pauli-theater.de

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