Essen aus dem Müll Das sagen Supermärkte im Landkreis Leer zum Containern
Wer sich sein Essen aus Müllcontainern von Supermärkten fischt, soll nach Willen von FDP und Grünen künftig nur in Ausnahmefällen bestraft werden. Bei Händlern sorgt die Idee für scharfe Kritik.
Landkreis Leer - Wer abgelaufene Lebensmittel aus den Müllcontainern von Supermärkten fischt, um sie anschließend zu verzehren, muss bislang mit Strafe rechnen. Auch wer sich etwas aus dem Müll nimmt, begeht einen Diebstahl. Doch geht es nach dem Willen von Grünen und FDP, könnte sich das bald ändern. In einem gemeinsamen Vorstoß fordern die Koalitionspartner in Person von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) und Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) keine Gesetzesänderung. Sie wollen den Landesjustizministerien aber vorschlagen, dass Strafverfahren in solchen Angelegenheiten eingestellt werden, wenn keine Sachbeschädigung oder ein Hausfriedensbruch vorliegt.
Was und warum
Darum geht es: Darum, was Supermärkte gegen Lebensmittelverschwendung tun und warum Händler das Containern kritisch sehen.
Vor allem interessant für: Menschen, denen die Umwelt am Herzen liegt.
Deshalb berichten wir: Zwei Bundesminister fordern eine Straffreiheit für „Mülltaucher“. Den Autor erreichen Sie unter: t.ruemmele@zgo.de
Bei Lebensmittelhändlern im Landkreis Leer kommt diese Idee nicht überall gut an. „Ich wundere mich, dass das so vorangetrieben wird“, sagt Multi-Chef Matthias Brahms. Er sei absolut dafür, dass möglichst wenig Lebensmittel weggeschmissen werden, doch eine generelle Straffreiheit sende ein völlig falsches Signal. „Wer dafür ist, das zu erlauben, muss sich fragen, ob es für ihn auch in Ordnung ist, wenn fremde Menschen in seinem Müll rumwühlen“, so Brahms. Zudem verweist er auf Sicherheitsaspekte. So müssten etwa manchmal Waren nach einer Rückrufaktion von den Märkten entsorgt werden. Ihr Verzehr könnte gesundheitliche Folgen haben, die für einen „Mülltaucher“ nicht nachvollziehbar seien.
„Da reinzusteigen, wäre lebensgefährlich“
„Was wir wegschmeißen, schmeißen wir weg, weil wir es wegschmeißen müssen“, betont er. Multi kooperiere seit vielen Jahren mit den Tafeln, spende dorthin viele Nahrungsmittel und gebe außerdem viele Lebensmittel kurz vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stark vergünstigt an Kunden ab. Das alles reduziere das Aufkommen von Müll auf ein Minimum. Wer trotzdem bei Multi containern möchte, begibt sich nicht nur rechtlich in Gefahr. „Was wir wirklich wegschmeißen müssen, kommt in eine Müllpresse. Da reinzusteigen, wäre lebensgefährlich“, warnt Brahms.
Unmöglich ist das Containern auch bei den Combi-Märkten, wie Bünting-Sprecher Johannes Booken gegenüber der Redaktion erklärt. „Das Thema Containern ist für unsere Standorte nicht relevant, da die entsprechenden Behälter direkt mit dem jeweiligen Marktgebäude verbunden und nicht von außen frei zugänglich sind“, so Booken. Auch Bünting betont, dass man ein großes Interesse daran habe, Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken und verweist auf eine langjährige Zusammenarbeit mit den örtlichen Tafeln. Auch wirtschaftlich sei es schlecht, unverkaufte Lebensmittel wegwerfen zu müssen. Deshalb plane das Unternehmen den Einkauf so, dass nahezu alle Waren verkauft werden, um eine Vernichtung zu minimieren, erklärt Booken.
Große Mehrheit unterstützt Straffreiheit
Zum Vorstoß innerhalb der Ampel-Koalition äußert sich Bünting aber nicht im Detail. Genauso verfährt ein Betreiber mehrerer Edeka-Märkte im Landkreis, der auf Anfrage keine Stellungnahme dazu abgeben möchte. Das könnte auch daran liegen, dass die Vorbehalte, die der Handel gegen das Containern hat, in der Bevölkerung nicht populär sind. Einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey zufolge, sind 79 Prozent der Deutschen für die Straffreiheit beim Containern – nur 14 Prozent sprechen sich dafür aus, dass nach wie vor Strafen verhängt werden.
Scharfe Kritik an der Idee der zwei Bundesminister kam zuletzt aber dafür vom Handelsverband Lebensmittel. Dessen Hauptgeschäftsführer Franz-Martin Rausch sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, dass das Containern keine wirksame Maßnahme gegen Lebensmittelverschwendung sei. Der Anteil des Handels an den Lebensmittelabfällen betrage gerade einmal sieben Prozent. Offen für den Vorschlag zeigten sich dagegen Vertreter der Tafeln. Der Vorsitzende der Tafeln in Niedersachsen, Uwe Lampe, sagte: „Das Containern macht den Tafeln nicht das Leben schwer, da besteht keine Konkurrenz.“