Japanische Naturheilkunde in Ostfriesland Wie Waldbaden im Winter wirkt
Atem- und Achtsamkeitsübungen inmitten von Bäumen: Waldbaden soll Stress abbauen und entschleunigen. Gelingt das auch im Winter? Wir begleiten die Kursleiterin Linda Goosmann im Stikelkamper Wald.
äHesel - Der erdige, matschige Boden gibt bei jedem Schritt leicht nach, Äste knacken, der Wind rauscht durch die kahlen Bäume. Einzelne vertrocknete Blätter, die sich noch immer an den Ästen halten, flattern. Mit jedem Windstoß rauschen Regentropfen, die vom letzten Regen an den Ästen hängengeblieben sind, zu Boden oder zerplatzen auf dem Geäst. Am Rand des Stikelkamper Walds bei Hesel steht an einem Januartag Linda Goosmann. Sie legt den Kopf in den Nacken und blickt an einem großen kahlen Baumstamm empor in den wolkenverhangenen, grauen Himmel.
Was und warum
Darum geht es: Waldbaden soll im besten Fall Stress abbauen und entschleunigen. So kann ein Kursus im Winter aussehen.
Vor allem interessant für: alle, die gerne in Wäldern unterwegs sind und gewohnte Pfade beim nächsten Spaziergang einmal anders wahrnehmen wollen
Deshalb berichten wir: Kurse im Waldbaden werden häufig in den Frühlings- und Sommermonaten angeboten. Wir wollten wissen, ob es auch im Winter Vorzüge hat. Die Autorin erreichen Sie unter: n.kraft@zgo.de
„Bäume faszinieren mich. Sie geben mir etwas und stärken mich“, sagt sie. Linda Goosmann ist zertifizierte Kursleiterin im Waldbaden.
Zur Ruhe kommen und das Bewusstsein stärken
Seit etwa einem Jahr führt die 59-Jährige unter anderem durch den Stikelkamper Wald. Meistens leitet sie Gruppen bis etwa 13 Personen oder auch einzelne Interessierte, die ihre Kurse buchen. „Wir sind immer auf der Rushhour des Lebens, immer auf der Überholspur unterwegs. Aber irgendwann ist das Limit erreicht“, sagt Goosmann, während sie auf einem mit Pfützen übersäten Fußweg tiefer in den Wald hineingeht. „Wir wollen beim Waldbaden zur Ruhe kommen und unser Bewusstsein stärken.“
An einer großen Linde am Wegesrand macht Goosmann Halt und deutet mit ausgestrecktem Arm auf ein großes Astauge im dicken Stamm des Laubbaums. „Das Auge begrüßt uns. Zudem erinnern die Wurzeln an die Krallen eines Hahns. Und Hähne krähen zum Morgen.“ Ein Zeichen für einen Beginn.
Botenstoffe gegen hohen Blutdruck und Stress
„Wir kommen beim Waldbaden ganz bewusst mit dem Wald in Berührung“, sagt Goosmann, etwa beim Ertasten der Baumstämme oder beim Auflesen besonders geformter Äste. Darüber hinaus soll das Mycobacterium vaccae, das im Waldboden reichlich vorhanden ist und beim Atmen aufgenommen wird, die Darmgesundheit fördern und die Stimmung aufhellen. Waldluft ist außerdem reich an pflanzlichen Botenstoffen, sogenannten Phytonziden. Diese können unter anderem den Stresspegel senken und laut Studien etwa innere Ruhe, ein starkes Immunsystem und besseren Schlaf fördern.
Nachdem die Kursleiterin über die Vorzüge des Waldbadens aufklärt, leitet sie eine Atemübung an: Ihre Augen sind dabei geschlossen, sie breitet ihre Arme weit aus, holt tief Luft mit der Nase, führt die Arme vor die Brust und atmet mit der Bewegung durch den Mund aus. Nach mehreren Wiederholungen setzt sie den Gang durch den Wald fort. Vereinzelt zwitschern Vögel, an die Hosenbeine spritzt geräuschvoll der matschige Waldboden. Sonst herrscht Stille. Im Sommer sei das nicht immer der Fall, sagt Linda Goosmann. Zahlreiche Menschen ziehe es dann in den Stikelkamper Wald.
Die Kraft der Bäume
Es sei unbestritten, dass ein Aufenthalt im Wald dem Menschen guttue, sagt Jörn Hons, Pressesprecher der AOK Bremen/Bremerhaven. „Aber den gleichen Effekt kann man auch in den Bergen, im Stadtpark oder am Meer erzielen“, sagt er. Goosmann sagt, dass auch sie am Meer oder in den Bergen zur Ruhe komme, aber der Wald mit seinen unzähligen, häufig alten Bäumen, für sie einzigartig sei. „Die Stärke der Bäume ist etwas Besonderes, sie überträgt sich auf mich.“ Außerdem verändere der Wald sich stetig. „Altes vergeht, Neues entsteht.“
Im Winter sei der Wald offen, der Blick gehe dann weit durch die kahlen Bäume hindurch. In der wärmeren Jahreszeit sei die Nachfrage für ihre Kurse deutlich höher. Kursteilnehmer könnten den Waldboden dann auch barfuß erfühlen oder sich ins Moos setzen. Auch, wenn die Kurse im Winter weniger gefragt sind und der Wald an einem kalten, verregneten Januartag auf den ersten Blick ungemütlich wirkt und er weniger Möglichkeiten bietet, mit ihm in Berührung zu kommen: Achtsames Bewegen in der Natur gelingt zu jeder Zeit, wenn man sich darauf einlässt.