Im Gespräch  „Verkehrsführung in der Neutorstraße ist entscheidungsreif“

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 12.01.2023 19:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Die Zukunft der Emder Innenstadt liegt Oberbürgermeister Tim Kruithoff besonders am Herzen. Foto: H. Müller
Die Zukunft der Emder Innenstadt liegt Oberbürgermeister Tim Kruithoff besonders am Herzen. Foto: H. Müller
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Der Emder Oberbürgermeister Tim Kruithoff äußert sich im Interview zur weiteren Entwicklung des Verkehrs in der Innenstadt. Er sagt auch, warum er Blau mag.

Emden - Vor dem für Sonnabend geplanten Neujahrsempfang der Stadt Emden, der erstmals unter freiem Himmel im Stadtgarten stattfinden soll, hat sich Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) in einem großen Interview mit dieser Zeitung zu den wichtigsten Themen der Stadt geäußert. In diesem ersten Teil des Gespräches geht es um die umstrittenen Verkehrsexperimente in der Innenstadt und wie es damit in diesem Jahr weitergeht. Dabei hat Kruithoff noch offen gelassen, wie die endgültige Lösung in der Neutorstraße zwischen Rathausplatz und Agterum aussehen. Den Schwerpunkt des zweiten Teils des Interviews, den diese Zeitung am Sonnabend veröffentlicht, bildet die wirtschaftliche Entwicklung.

Frage: Herr Oberbürgermeister, mögen Sie eigentlich die Farbe Blau?

Tim Kruithoff: Ja, die Farbe Blau ist durchaus eine Emder Farbe. Es ist eine maritime Farbe, sie passt zum Hafen und es ist die Farbe des Logos der Stadt. Also ist die Farbe Blau grundsätzlich eine sehr schöne Farbe.

Frage: Sie haben Ihren Heimatverein Blau-Weiß Borssum und Kickers Emden als fußballerisches Aushängeschild der Stadt vergessen.

Kruithoff: Stimmt.

Frage: Sie ahnen, worauf die Frage abzielt – natürlich auf das Blau auf der Neutorstraße. Die Verkehrsexperimente in der Innenstadt sind aktuell eines der beherrschenden Themen in Emden. Wie geht es damit weiter? Und wann werden Entscheidungen getroffen?

Kruithoff: Wichtig bei den Verkehrsexperimenten ist, das Ganze in einen Kontext zu setzen. Einer der viel wichtigeren und größeren Wünsche als die Einspurigkeit der Neutorstraße ist es, das Thema der Straße Am Delft zu lösen. Ich glaube, dass das unser Postkartenmotiv ist und rund um den Delft und den Stadtgarten das Herz unserer Stadt schlägt. Aber dieses Thema Verkehr ist komplex. Einmal hat es viele Auswirkungen auf die Friedrich-Ebert-Straße und Umgehungsverkehre. Es ist auch abhängig von der Trogstrecke. Also gibt es viele Aspekte zu bedenken. Wir haben kürzlich im Stadtentwicklungsausschuss einen Zeitplan für dieses Jahr vorgestellt. Wir wollen in einigen Wochen eine sehr intensive Bürgerinformations- und Beteiligungsveranstaltung dazu durchführen. Dazu sind alle eingeladen, um ihr Feedback zu diesem Thema zu geben. Wenn Klarheit bezüglich der Trogstrecke herrscht – dort sieht es so aus, als ob keine Vollsperrung mehr notwendig sein wird – wollen wir in diesem Sommer eventuell eine Sperrung oder Teilsperrung am Delft ausprobieren.

Frage: Noch einmal nachgehakt. Lässt sich denn schon sagen, wann endgültige Entscheidungen fallen werden? Vielen dauern die Experimente schon zu lange.

Kruithoff: Ich glaube, dass die Verkehrsführung in der Neutorstraße entscheidungsreif ist. Das muss jetzt entsprechend aufbereitet, mit der Politik besprochen und in diesem Jahr schnellstmöglich zur Entscheidung gebracht werden.

Frage: Mit dem Szenario, wie es sich jetzt in der Neutorstraße als Fahrradstraße darstellt?

Kruithoff: Wer weiß? Ich persönlich glaube das nicht, aber es wird sicherlich ein ähnliches Szenario. Das aktuelle Szenario habe ich als Radfahrer nicht als Wohlfühlszenario empfunden. Wichtig ist, dass die Bürger*innen nachvollziehen können, dass die jetzige Situation nur zum Testen und zum Üben ist. Die endgültige Version wird eine hochwertige bauliche Lösung sein. Stellen Sie sich vor, wenn man aus der sanierten Fußgängerzone Zwischen Beiden Sielen kommt und man merkt in der Gestaltung der Straßen keinen Unterschied. Es wird eine angeglichene und auch baulich optimierte Version. Wir müssen miteinander auch überlegen, ob die gläserne Neutor-Galerie so wie jetzt noch zeitgemäß ist. Möglicherweise gibt es dafür bessere Lösungen. Man wird das komplett neu denken und eben auch baulich anpassen müssen. Und auch die mobilen Stadtmöbel sollen heute nur ein Gefühl dafür vermitteln, wie es werden könnte. Natürlich wird es am Ende alles schick und schön. Aber bevor man dort Millionen investiert, war es wichtig, zu testen, ob das eigentlich funktioniert.

Frage: Funktioniert denn die blaue Farbe?

Kruithoff: Es ist tatsächlich so, dass es in Deutschland keine Vorgaben gibt, welche Farbe eine Fahrradstraße haben muss. In Emden hat man in der Vergangenheit auf Rot gesetzt, wenn man sich zum Beispiel die Grasstraße und auch andere Fahrradstraßen anguckt. Mittlerweile gibt es eine Tendenz zur Farbe Blau, weil Rot mit Gefahr verbunden wird und das Piktogramm für Fahrradstraßen auch blau ist. In der Hermann-Löns-Straße haben wir das gemacht. Dort hat das Blau spannenderweise nicht zu Diskussionen geführt.

Die Verkehrsführung auf der Neutorstraße im Abschnitt zwischen Agterum und Rathausplatz ist nach wie vor umstritten. Foto: Ortgies/Archiv
Die Verkehrsführung auf der Neutorstraße im Abschnitt zwischen Agterum und Rathausplatz ist nach wie vor umstritten. Foto: Ortgies/Archiv

Der Hintergrund für die blaue Färbung der Neutorstraße war das Feedback, wonach die dritte Phase des Verkehrsversuchs zunächst unübersichtlich war und die Leute die Verkehrsführung nicht verstanden haben. Die Idee des Fachdienstes Straßenverkehr und der Stadtplaner war es, das deutlicher und klarer zu machen, damit der Test valide Ergebnisse bringt. Wir wollen ein gutes Ergebnis haben und kein Ergebnis, dass dadurch verfälscht wird, dass die Leute die Verkehrsführung nicht verstanden haben. Es wird auch immer so getan, als hätte ich höchstpersönlich das darauf gepinselt. Natürlich bin ich für alles verantwortlich, was in dieser Verwaltung passiert. Aber in diesem Fall habe ich es vorher nicht einmal gewusst. Es ist rein aus der Fachlichkeit entstanden. Ich finde es aber auch gut, dass meine Mitarbeitenden die gewollte Verkehrsführung durch die neue Gestaltung deutlich gemacht haben.

Frage: Verstehen Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger denn jetzt, wie der Hase in der Neutorstraße läuft? Es gibt nach wie vor Kritik. Das Durcheinander sei noch groß, sagen selbst Radfahrer, die jetzt dort Vorrang haben.

Kruithoff: Ja, das geht mir – ganz persönlich gesprochen – genauso. Deswegen auch mein Zögern auf Ihre Frage, ob die aktuelle Version die endgültige Lösung wird. Ich finde es zum Beispiel ganz schwierig, wenn man vom Rathaus in Richtung Agterum fährt, dass man in den Gegenverkehr gelenkt wird. Das finde ich persönlich nicht logisch und ich fühle mich dort als Radfahrer auch nicht wohl. Genau solche Erkenntnisse wollen wir aber doch gewinnen. In der Theorie ist das Konstrukt der Fahrradstraße, wie wir sie jetzt haben, erstmal ein gutes. Aber wir müssen uns fragen, ob sich das in der Praxis bewährt und wir eigentlich schon die Reife haben, also ob alle Verkehrsteilnehmer das schon können. Oder ist das etwas, was wir in Schritten entwickeln müssen? Also, dass wir zuerst einen Schritt gehen und vielleicht in einem nächsten Schritt einen „Shared Space“ tatsächlich umsetzen. Vielleicht ist es vorher noch mal wichtig, dass die Leute ihre Bereiche haben, weil sie sich vielleicht zunächst daran gewöhnen müssen.

Frage: Aber es ist doch lange genug experimentiert worden.

Kruithoff: Genau. Deswegen kann es auch zu einer Entscheidung kommen. Aber mir ist immer wichtig, alle Beteiligten mitzunehmen. Das heißt: Erstmal die Ergebnisse an die Politik, die Ergebnisse mit den Bürgerinnen und Bürgern besprechen, auch Anregungen aufzugreifen und dann zu entscheiden. Das ist der Weg.

Rund um den Delft und den Stadtgarten schlägt für Oberbürgermeister Tim Kruithoff das Herz der Stadt. Foto: Tobias Bruns/Archiv
Rund um den Delft und den Stadtgarten schlägt für Oberbürgermeister Tim Kruithoff das Herz der Stadt. Foto: Tobias Bruns/Archiv

Frage: Noch einmal zurück an den Delft. Es betrifft zwar nur einen einzelnen gastronomischen Betrieb, aber der endgültige Rückzug der Kaffeerösterei Baum ist doch ein herber Rückschlag insbesondere im Hinblick auf eine neue Flaniermeile am Delft.

Kruithoff: Das war eine große Enttäuschung, bei allem Verständnis für die Entscheidung von Andreas Baum. Wir haben das mit sehr viel Aufbruch verknüpft. Es ist aber nicht so, dass das ein wesentlicher Baustein für eine Flaniermeile war. Es geht dort eigentlich mehr um die Entwicklung des Behördenviertels an der Ringstraße. Ziel ist es auch hier, die Verkehre anders zu sortieren, irgendwann zu einem Parkhaus zu kommen und den Grünstreifen in der Mitte der Ringstraße anders zu gestalten. Für dieses Quartier wäre das Café ein schöner Treffpunkt gewesen. Die Idee gebe ich aber nicht auf und ich glaube auch, dass wir gemeinsam mit der Gewoba einen anderen Mieter für die Haifischbar finden werden, der das entsprechend darstellen kann.

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