Berlin Ermittler-Elend: Kommissar Faber als „Tatort“-Autor – geht das gut?
Der Dortmunder „Tatort: Du bleibst hier” stürzt seine Kommissare ins Elend. Das Besondere: Diesmal hat Hauptdarsteller Jörg Hartmann den Krimi geschrieben.
Morgengrauen über dem Pott. Im Umland von Dortmund steht ein Opel Manta im Wald, die Scheiben dunstverhangen. Was aussieht wie ein Tatort, ist in Wahrheit ein Schlafplatz. Und der bärtige Wilde, der im Auto haust – das ist Kommissar Faber persönlich. Der Tod seiner Kollegin Bönisch hat ihn aus der Bahn geworfen.
Im letzten Dortmunder „Tatort” erlitt die Kommissarin einen Bauchschuss und starb in Fabers Armen. Und ob der Kommissar – der bei einem früheren Verbrechen schon Frau und Kind verloren hatte – danach selbst wieder ins Leben zurückfindet, scheint fraglich. Dass er sich etwas antun könnte, war die große Sorge der Sterbenden: „Du bleibst hier”, das Titelzitat der aktuellen Folge, waren damals ihre letzten Worte. Als Zuschauer muss man sich das alles jetzt noch mal in Erinnerung rufen.
Im Unterschied zum Helden dürfte das Publikum mit der Trauerphase schon durch sein: Der letzte „Tatort” aus Dortmund lief vor elf Monaten; da vergisst man schon mal was. Umso haariger ist es, dass sich der neue Fall jetzt intensiv auf die Ermittler stürzt und die Episoden-übergreifenden Konflikte weiterspinnt: Die RAF-Mutter von Kommissarin Herzog, die Junkie-Ehefrau von Kommissar Pawlak, seine Nöte mit der gemeinsamen, früher wohl auch schon mal entführten Tochter – das alles greift der Krimi auf. Das ganze Kommissariat ist nah an der Selbsthilfegruppe. Irgendwann gehen sich alle besaufen.
Bei so viel Ermittler-Elend bleibt wenig Platz für den eigentlichen Fall. Folgerichtig macht sich sogar die Leiche dünne, und das im Wortsinn: Statt eines kompletten Opfers findet die Spurensicherung erstmal nur Blut – das allerdings in solchen Mengen, dass man vernünftigerweise auch einen Toten erwarten darf. Vorerst ist der allerdings wie vom Erdboden verschluckt. Immerhin: Einen Verdächtigen gibt’s; und wie sich herausstellt, ist es Fabers Vater.
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Dass Richard Hubers (Regie) Film damit noch tiefer in die Psyche des Kommissars abtaucht, ist kein Zufall: Das Drehbuch hat dessen Darsteller Jörg Hartmann nämlich selbst geschrieben. (Gemeinsam mit dem Routinier Jürgen Werner.) Hartmann macht den Fall zu einer Studie über Verlusterfahrungen – die von den Kommissaren über die Zeugen bis ins Tatmotiv hinein alle Aspekte der Geschichte durchdringen. Ganz wirklichkeitstreu ist es vielleicht nicht, dass Faber im Umfeld des eigenen Vaters ermittelt – aber dafür effizient: Wie sonst ließe sich bei der Seelenschau nebenbei noch ein Verbrechen aufklären?
Der Hauptdarsteller schreibt sich sein eigenes Drehbuch: Jörg Hartmann hat für sein Debüt als Autor eine zentrale Folge erwischt: „Nichts wäre für mich unerträglicher gewesen, als nach dem Tode Martinas einfach weiterzumachen, so als wäre nichts geschehen“, sagt er im Presseheft zu seinem Vorgehen. „Ich glaube, auch die Zuschauerinnen und Zuschauer hätten uns das nie verziehen.“
Den Wunsch zu schreiben hat Hartmann schon seit langem, und das unabhängig vom aktuellen Fall: „Vor mittlerweile fünf Jahren hatte ich eine erste, noch völlig andere Idee für ein Buch“, sagt er. Die tiefe Krise, aus der seine Figur sich in der aktuellen Episode herauskämpfen muss, erweist sich allerdings als gute Grundlage, um nicht nur als Darsteller, sondern auch als Autor in den schwierigen Charakter des Ermittlers abzutauchen.
Auch für die anderen Darsteller ist Hartmanns Rolle am Set ungewohnt. Macht es nervös, wenn ein anderer Schauspieler einem in die eigene Rolle reinquatscht? „Ü-BER-HAUPT NICHT!“, antwortet Stefanie Reinsperger, die im Dortmunder „Tatort“ die vergleichsweise neue Rolle von Kommissarin Rosa Herzog spielt. „Jörg arbeitet schon ungeheuer lange an dem Drehbuch. Er hat uns alle einbezogen und gemeinsame Ideen aufgegriffen.“ Man darf, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion, Hartmann nicht mit seinem schroffen Kommissar Faber verwechseln. Reinsperger: „Umgänglicher als Jörg Hartmann kann man nicht sein.“
Weil ein „Tatort“ besonderen Regeln folgt, hat Hartmann sich bei seinem ersten Buch Hilfe vom erfahrenen Drehbuch-Schreiber Jürgen Werner geholt. Wie viel hat denn nun wer der beiden beigetragen? „Die Idee, die Figuren, das Setting, der ganze Plot, das alles kam von Jörg Hartmann“, sagt Werner und beschränkt den eigenen Anteil auf das Handwerkliche. „Es ist sein Film. Seine Kreativität, sein Herz und seine Seele stecken in jeder Szene und jedem Dialog.“
Sendetermin: „Tatort: Du bleibst hier“. Das Erste, Sonntag, 15. Januar, 20.15 Uhr. Wertung: Drei von sechs Sternen.