Greifswald  Menü aus der Tonne: Wie sich drei Frauen aus Norddeutschland von Supermarkt-Müll ernähren

Katharina Golze
|
Von Katharina Golze
| 10.01.2023 22:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Artikel teilen:

Grüne und FDP wollen das Containern legalisieren. Doch wie groß ist die Ausbeute im Supermarkt-Müll? Unterwegs mit drei norddeutschen Frauen, die containern gehen.

An einem regnerischen Sonntagmittag, während die meisten bei Braten und Mischgemüse sitzen, ziehen Noa, Juli und Martha los für ihren Wocheneinkauf. Mit etlichen Taschen beladenem Lastenrad und Fahrradanhänger radeln sie in Arbeitshose und Gummistiefeln durch die Greifswalder Innenstadt (Mecklenburg-Vorpommern). Durch die Menschenschar, die beim verkaufsoffenen Sonntag bummelt. Und biegen auf den Parkplatz der Tafel ein. Ein Bewohner grüßt im Vorbeigehen.

Er schert sich wenig darum, dass die drei Frauen ihre Arbeitshandschuhe überstülpen und mit einer gekonnten Bewegung das verschlossene Tor zu den Mülltonnen öffnen. Schon hängt Juli kopfüber in einer Tonne. „Hier siehts nicht so gut aus. Hier waren schon welche“, sagt sie nach einigem Wühlen. Die drei Frauen sind nicht die einzigen, die in Greifswald containern gehen. Hier gibt es mehrere aktive WGs, eine Telegram-Gruppe, sogar eine Einführungstour für Erstsemester. „In Greifswald gibt es mehr oder weniger eine unausgesprochene Toleranz“, sagt Juli.

Vor einer Woche sprach sich Bundesernährungsminister Cem Özdemir (Grüne) für eine Legalisierung des Containerns aus. Am Dienstag folgte Bundesfinanzminister Marco Buschmann (FDP): „Wenn sich Menschen weggeworfene Lebensmittel mit nach Hause nehmen, ohne dabei eine Sachbeschädigung oder einen Hausfriedensbruch zu begehen, muss das mMn nicht weiter strafrechtlich verfolgt werden.“

Gemeinsam werben Özdemir und Buschmann bei den Justizministern und -senatoren der Länder für einen Vorschlag des Landes Hamburg von 2021. Dieser sieht eine Änderung der Richtlinien für das Straf- und Bußgeldverfahren vor, die nicht auf Bundesebene, sondern von den Ländern beschlossen werden könnte.

„Ergebnisoffen werde ich den Vorschlag aus Berlin prüfen“, teilt MVs Justizministerin Jacqueline Bernhardt (Linke) mit. Der Lebensmittelverschwendung wirksam zu begegnen, habe Rot-Rot im Koalitionsvertrag festgeschrieben. „Ob eine Änderung der Richtlinien für das Straf- und das Bußgeldverfahren hierfür das geeignete Instrument ist, ist zu untersuchen“, so Bernhardt. Bereits jetzt könne die Staatsanwaltschaft die Verfahren einstellen. Fakt ist, dass am Greifswalder Amtsgericht gerade eine Frau wegen Hausfriedensbruchs angeklagt ist.

Als Noa, Juli und Martha zu ihrer Container-Tour losziehen, ahnen sie noch nichts von dieser Debatte. Die drei Frauen nutzen Pseudonyme. Sie wissen, dass sie etwas Illegales tun. Sie überklettern Zäune, schlüpfen unter Absperrungen durch, öffnen Schlösser, wühlen im Müll der Supermärkte. „Wenn ich erwischt werde, werde ich eben erwischt“, sagt die 24-jährige Martha, die das erste Mal in Dänemark containerte. Dort gibt es eine Regelung, wie sie jetzt Grüne und FDP empfehlen.

Die Studentin sagt: „Dass wir es uns in Europa leisten, so viel wegzuwerfen, ist ethisch schlimm.“ Konkret sind es 800.000 Tonnen Lebensmittelabfälle, die laut Statistischem Bundesamt im Handel anfallen. Insgesamt sind es elf Millionen Tonnen pro Jahr, darunter das allermeiste in privaten Haushalten.

Neben dem Container auf dem zugänglichen Hinterhof eines Edeka-Marktes durchwühlt Martha einen blauen Sack. „Oh geil“, jubelt sie und blickt auf sieben Gläser Gewürzgurken, von denen sich das Etikett gelöst hat. „Hier ist eine Tüte voll mit Zeug, mit richtig gutem Zeug“, ruft Noa dazwischen.

Sie steht knietief in blauen und weißen Müllsäcken des riesigen Müllcontainers und reicht die besten Funde zum Sortieren nach draußen. Heute gibt es Milchschnitte und Kinder Pinguin en masse. „Das sind Dinge, die würde ich mir niemals kaufen, aber containert sind sie geil“, sagt Noa. Die Pappverpackung ist aufgerissen, manche Schnitten liegen einzeln. Vielleicht hat sich ein Kunde bedient. Haltbar sind sie noch.

In einem Sack finden die drei Frauen etliche Eierpappen. Oftmals ist nur ein Ei zerbrochen, die beschmierten, aber unversehrten übrigen neun sortiert Juli in ihre mitgebrachten Eierpappen. Am Ende der Tour werden es etwa 140 Stück sein.

In den Tonnen eines Drogeriemarktes und eines Deko-Geschäfts nebenan entdecken sie nur ein paar ungeöffnete Glitzerblätter. „Die große Aussortierladung nach Weihnachten kommt noch“, sagt Juli. Hygieneartikel sind dieses Mal nicht dabei. Noa kauft nur Toilettenpapier dazu. Alles andere holt sie aus dem Müll: Waschmittel, Duschbad, Handcremes, Holzzahnbürsten. „Oft sind die Packungen etwas offen, wir füllen sie uns zu Hause ab“, sagt Juli, die bereits als Kind in Altglascontainern und Sperrmüll stöberte.

Fragt man bei den einzelnen Supermarkt-Ketten von Aldi, Netto, Rewe, Penny und Edeka nach, betonen deren Pressesprecher den verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln, berichten von tagesgenauen Bestellungen mit intelligentem Bestellvorschlagssystem, korrektem Transport für möglichst wenige Restbestände und reduzierten Preise kurz vor Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums.

Rewe- und Penny-Märkte verkaufen im Jahresdurchschnitt mindestens 98 Prozent ihrer Lebensmittel, heißt es von der Rewe-Group. „Alle nicht mehr verkaufs-, aber noch verzehrfähigen Lebensmittel werden in der Regel gespendet“, teilt Joachim Wehner für Aldi mit. Die angefragten Supermarkt-Ketten kooperieren mit der Tafel und gemeinnützigen Organisationen der Region. Teilweise auch mit Bauernhöfen und Tierparks.

Aldi-Nord-Märkte bieten zudem mit der Aktion „Brot vom Vortag“ Backwaren für 50 Cent an, Rewe und Penny kooperieren mit Foodsharing-Initiativen, bei Netto können Kunden seit 2021 Reste-Tüten über die App „Too Good to Go“ reduziert kaufen. So würden keine oder nur eine sehr geringe Menge an Lebensmitteln im Restmüll entsorgt, die in der Regel nicht mehr verzehrfähig seien, heißt es von Netto. Mehrere Supermärkte raten vom Containern ab.

„Durch unterbrochene Kühlketten oder Schimmelbefall können diese gesundheitsschädlich sein, so dass eine Entnahme aus den Containern nicht sinnvoll ist“, heißt es von Netto. Aus haftungsrechtlichen Gründen könnte Aldi das Containern nicht tolerieren, so Joachim Wehner, „unter anderem, da die weggeworfenen Lebensmittel teilweise für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet sind und dies optisch nicht immer feststellbar ist. Auch aus diesem Grund sind unsere Abfallbehälter in der Regel nicht zugänglich.“

Das trifft auch auf den Müllcontainer des zweiten Supermarktes zu, zu dem Juli und Noa radeln. Für ihre Wochenration fehlen noch Obst und Gemüse. In der Tonne, eingezäunt in einem meterhohen Metallkasten, hoffen sie dies zu finden. Gekonnt klettert Juli über das eine, schmale Schlupfloch hinein, öffnet den Deckel, und: „Heute gibt es viel Obst.“

Eine Tüte mit Äpfeln, Netze mit Orangen und Zitronen, eingeschweißte Dreier-Packs mit Paprika. Die eine matschige Frucht, weshalb die Tüte vermutlich im Müll landete, sortiert Juli aus. Die anderen kullert sie unter der Umzäunung zu Noa. Sie haben einen Blick dafür, was noch genießbar ist. Die welken Gurken und Champignons lässt Juli liegen, die drei Pakete aufgetautes Eis schiebt sie aber zu Juli. Nochmal eingefroren bilden sich zwar Eiskristalle, den Frauen schmeckt es dennoch.

Deko-Artikel nehmen sie nur noch selten mit. Zu oft finden sie Krimskrams. Im dritten Supermarkt, an dem sie auf dem Heimweg kurz halten, thronen unversehrte Glücksklees in kitschigen Würfel- und Kleeblatttöpfen auf dem Müll. Ein paar Töpfe packt Noa für die Verschenkekiste ihrer WG ein, die Pflanzen bleiben zurück.

In Noas WG angekommen, beginnt Part II des Containerns: abwaschen, sortieren, Tüten packen für die Verteiler. In der Stadt gibt es mehrere Verteilstationen, an denen sich Bedürftige und Obdachlose Containertes abholen können. Juli spült das Toastbrot, die 30 Actimel-Fläschchen, die 18 Milchkartons, Martha trocknet sie ab. Zwischendurch naschen sie die containerten Kinder-Riegel und stapeln ihre Beute. Oftmals ist diese mehrere hundert Euro wert und besteht auch aus bio oder veganen Produkten.

Zukaufen müssen sie kaum etwas. „Ich kaufe nur Knoblauch, Zwiebeln, Öl und Gewürze“, berichtet Juli. Für Martha deckt das Containern eher den Grundbedarf, für einen guten Käse lasse sie dann mehr Geld im Supermarkt. Noa investiert das Gesparte in saisonales Gemüse einer Solidarischen Landwirtschaft. Juli betont: „Uns geht es primär nicht darum, uns billig zu ernähren. Es geht darum zu zeigen, dass es einen Wandel braucht, diese Lebensmittel zugänglich zu machen.“

Klassische Kohlenhydrate wie Reis oder Kartoffeln fehlen dieses Mal. Nur eine aufgerissene Tüte Buchstaben-Nudeln haben sie aus dem Müll gezogen. Noch zehren sie von der jüngsten Fuhre mit Reis, Hirse, Nudeln und Quinoa. Warum sowas im Müll landet, können die drei Frauen nur mutmaßen. „Zu viel bestellt und keine Lagerkapazitäten“, sagt Noa. Bei großen Mengen googeln sie nach Lebensmittelrückrufen. Auch heute Entwarnung.

Dann wird aufgeteilt, was Juli in ihre Acht-Personen-WG mitnimmt und was in Noas 20-Personen-Haushalt bleibt. „Wollt ihr Parmesan?“, fragt Juli und packt die einzige Brötchentüte und eine Erdnusssoße für ihre Mitbewohnerin ein. Ein Geschenk aus dem Müll. Zu Weihnachten schmolz die Greifswalderin zerbrochene Schokoladenweihnachtsmänner ein und verarbeitete sie zu Nussschokolade für Freunde. In der Coronazeit packten sie Geschenketüten für andere WGs.

„Ich würde etwas von der Butter, Milchschnitte und Tofu-Wurst behalten“, antwortet Noa. Dass sie Fleisch und Fisch ungekühlt weitergeben, stört sie kaum. Schinken und Salami seien konserviert, Fisch brate sie gut durch, sagt Noa. „Mit der Zeit stumpft man ab.“ Sie vertraut auf eine Geruchs- und Geschmacksprobe. „Ich hatte noch nie was“, sagt die 28-Jährige. „Es ist immer erstaunlich, wie lange Produkte noch haltbar sind“, sagt Martha.

Mittlerweile drucken einige Hersteller den Hinweis von „Too Good to Go“ auf die Verpackungen. Aldi hat seit 2018 einen eigenen Slogan „Riech mich! Probier mich! Ich bin häufig länger gut!“, der bisher auf einer Vollmilch steht. Ist die Packung beschädigt – fehlt der Deckel, das Etikett der Platz im Laden – oder das Datum doch überschritten, rettet das scheinbar nicht vor der Tonne.

„Auch die Tafeln müssen sich ans Mindesthaltbarkeitsdatum halten“, so Noa. Daher starten sie ihre Tour dort. Ob eine rechtliche Änderung Juli, Noa und Martha nützt, ist fraglich. Sind die Lebensmittel, die sie in Greifswald aus dem Müll fischen, doch oft weggeschlossen und nicht zugänglich.

Ähnliche Artikel