Kirchen Was sich im Religionsunterricht ändert
Die beiden christlichen Kirchen und die niedersächsische Landesregierung wollen den Religionsunterricht umkrempeln. Sie verfolgen damit gleich mehrere Ziele.
Leer/Hannover - In Niedersachsen wird dieser Tage mit Hochdruck daran gearbeitet, den Religionsunterricht in den allgemeinbildenden Schulen neu zu gestalten. Zurzeit wird eine Expertenkommission zusammengestellt, Schulbuchverlage sollen beauftragt werden, die Kirchen und auch das Kultusministerium sind mit im Boot. Das ganz große Rad also. Gerade für die Kinder wird sich einiges ändern. Und auch die Eltern werden sich wohl ein wenig umgewöhnen müssen. Susanne Bei der Wieden, Kirchenpräsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche mit Sitz in Leer, hofft, dass die Ökumene durch das Schulprojekt noch einmal einen Schub erhält.
Katholiken und Protestanten könnten in Niedersachsen schon bald einen gemeinsamen Religionsunterricht in der Schule bekommen. Die katholischen Bistümer des Landes, das katholische Offizialat Vechta und die Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen haben sich dafür ausgesprochen, mit der Landesregierung in entsprechende Verhandlungen einzutreten. Denkbar sei eine Einführung des sogenannten Christlichen Religionsunterrichts (CRU) zum Schuljahr 2025/2026, teilten die Kirchen Anfang der Woche mit. Dafür müssten allerdings unter anderem das Schulgesetz und die Lehrpläne geändert werden.
Was hält die Landesregierung von der Idee?
Kultusministerin Julia Willie Hamburg teilte der Deutschen Presse-Agentur (DPA) mit, das Land stehe einem gemeinsam von evangelischer und katholischer Kirche verantworteten Religionsunterricht positiv gegenüber. „Diese Pionierleistung der Kirchen aus Niedersachsen ist ein tolles Zeichen und birgt viel Potenzial für guten Unterricht für die Schülerinnen und Schüler“, sagte die Grünen-Politikerin. Zum Zeitplan äußerte sich Hamburg nicht. Sie wies allerdings darauf hin, dass die Ausgestaltung komplex sei und gut vorbereitet werden müsse. Man freue sich auf „zeitnahe weitere Gespräche“. Im Koalitionsvertrag von SPD und Grünen heißt es, man wolle den Weg der Kirchen zu einem gemeinsamen Religionsunterricht unterstützen. Darüber hinaus wolle man auch die Weiterentwicklung des Fachs Werte und Normen begleiten und mit den Religionsgemeinschaften abklopfen, „wie ein gemeinsamer konfessionsgebundener und konfessionsloser Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler entwickelt werden kann“.
Was ändert sich an den Schulen?
„Es wird an den normalen Schulen in Niedersachsen keinen konfessionellen Religionsunterricht mehr geben“, sagt Kirchenpräsidentin Bei der Wieden im Gespräch mit unserer Redaktion. „Der Christliche Religionsunterricht wird zunächst an den Grundschulen und erst danach auch in den weiterführenden Schulen eingeführt.“ Da Religion wie zuvor ein ordentliches Unterrichtsfach sei, hätten die Eltern weiterhin die Möglichkeit, ihre Kinder vom Christlichen Religionsunterricht auch abmelden zu können – etwa wenn sie einer anderen Religionsgemeinschaft angehörten.
Was kommt auf die Religionslehrer zu?
Nach Auskunft der Präsidentin der Reformierten müssen die Lehramtsstudenten nun darauf vorbereitet werden, beide Konfessionen „gleichermaßen wertschätzend“ zu unterrichten. „Das ist eine didaktische Frage“, sagt Bei der Wieden, die bis zum Start im Schuljahr 2025/2026 gelöst werden könne. Die beiden Kirchen hätten sich bereits darauf verständigt, die jeweils unterschiedlichen Zugangswege zum religiösen Lehramt gegenseitig anzuerkennen beziehungsweise anzupassen. Lehrer beider Konfessionen können dann also den Unterricht erteilen. Bei den Katholiken heißt dieser Zugang Missio canonica; die Erlaubnis für den Einsatz im evangelischen Religionsunterricht nennt sich Vokation. Laut Bei der Wieden seien auch Schwierigkeiten zum Beispiel bei der Zulassung wiederverheirateter katholischer Lehrer nicht mehr vorhanden.
Was erwartet die Schüler und die Eltern?
Die Unterrichtspläne und die Schulbücher werden komplett neu erstellt. Das Religionsbuch von einem älteren Geschwisterteil zu nutzen, wird also nicht möglich sein. „Es wird gerade eine Kommission eingerichtet, die aus sieben Mitgliedern der katholischen, der lutherischen und der reformierten Gemeinden bestehen soll“, sagt Bei der Wieden. Sie selbst werde der Kommission aber nicht angehören. Die Expertenrunde kümmert sich zunächst einmal um die Unterrichtsinhalte. Die Gespräche münden dann in Empfehlungen für das Kultusministerium, das in dieser Frage das letzte Wort hat. „Vor allem für die Grundschüler wird sich vielleicht gar nicht so viel ändern“, meint die Präsidentin der reformierten Kirche. Das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter werde in beiden Konfessionen sicher ziemlich ähnlich erzählt. „Aber natürlich sollen die Kinder sehr wohl die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Kommunion und Konfirmation kennenlernen – vielleicht sogar mehr als früher“, so Bei der Wieden.
Ist das alles religiöses Neuland?
Ja und nein. Wenn der Christliche Religionsunterricht tatsächlich eingeführt wird, würde Niedersachsen bundesweit Neuland betreten. So etwas gibt es sonst nirgends in Deutschland. Allerdings haben einige Bundesländer bereits Erfahrungen mit dem sogenannten Konfessionell-kooperativen Religionsunterricht, kurz KoKoRU, sammeln können. Außerdem wird über den Christlichen Religionsunterricht in Niedersachsen bereits seit zehn Jahren diskutiert. Zudem war von den Kirchen ein juristisches Gutachten in Auftrag gegeben worden, das im Mai vergangenen Jahres grünes Licht für die anstehenden Entscheidungsprozesse gegeben hat.
Machen die Kirchen das nicht nur, um der schwindenden Zahl an Schülern, die einer christlichen Kirche angehören, begegnen zu können?
Das ist nicht auszuschließen. Um einen Religionsunterricht durchführen zu können, müssten mindestens zwölf Schüler zusammenkommen, erläutert Bei der Wieden. In Ostfriesland zum Beispiel sei es kein Problem, zwölf Schüler eines Jahrgangs mit der gleichen Konfession zu finden – in einigen Großstädten sehr wohl. „Das Wichtigste ist für uns aber, dass wir gemeinsam Verantwortung für den Religionsunterricht übernehmen wollen“, betont Bei der Wieden im Gespräch. „Und wir hoffen auch, dass die Ökumene damit noch einmal einen Schub erhält.“