Artikel 1, GG Wen interessiert eigentlich, was ich denke?
Mittwochs geht es hier um den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. Heute stellt sich unsere Kolumnistin die Frage, worin eigentlich der Sinn darin besteht, aus ihrem Leben zu berichten.
Seit einiger Zeit stelle ich mir immer wieder mal die Frage nach dem Sinn meiner Arbeit als Kolumnistin. Das hängt auch damit zusammen, dass ich eigentlich keine Anhängerin eines Formats bin, das in meiner Branche als „Ich-Journalismus“ bezeichnet wird.
Als ich vor rund 30 Jahren in den Beruf einstieg, gab es meiner Wahrnehmung nach – im Gegensatz zu heute – nur wenige Beiträge aus der persönlichen Perspektive; und wenn, dann handelte es sich vor allem um Kommentare. Die „Ichiritis“ lässt sich inzwischen bei vielen Kollegen diagnostizieren. Auch ich habe mich infiziert und lebe damit und leide an dieser Berufskrankheit.
Wen interessiert eigentlich, was ich über dieses oder jenes Thema denke? Was ich erlebt habe? Was mir widerfuhr? Woran ich mich aus meiner Kindheit erinnere? Diese und einige andere Fragen beschäftigen mich seit Jahresanfang ganz besonders, und in der vergangenen Nacht so sehr, dass ich nicht schlafen konnte und in einem Buch las, das mir mein Mann zur Lektüre empfohlen hatte.
Es heißt „Kummer aller Art“ und enthält Texte von Mariana Leky. Geschrieben hatte sie die als Kolumnenbeiträge für die Zeitschrift „Psychologie heute“ . Wie ich des Nachts die Kolumnen der Schriftstellerin über alltägliche Ereignisse und ihre Gedanken zu diesem und jenem Geschehen las, bemerkte ich, dass das Gelesene mich zu eigenen Gedanken inspirierte und Gefühle und Erinnerungen weckte; ich entspannte mich nach und nach und schlief wieder ein.
Morgens wachte ich auf und stellte fest, dass meine Zweifel zwar nicht verschwunden, aber doch weniger geworden sind. Es wäre anmaßend, mich mit der wunderbar schreibenden Mariana Leky zu vergleichen; denn ich bin keine Schriftstellerin, sondern nur eine Journalistin, die Kolumnen in der Hoffnung schreibt, dass das, was ich an Erlebtem und an Gedanken mitteile, andere zum Erinnern und zum Nachdenken und zum Weiterdenken inspiriert. Wenn das mir mit meinen Kolumnen gelingt, dann kann ich zufrieden sein.
Zur Person
Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.