Kolumne „Alles Kultur“  Toi, toi, toi

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 09.01.2023 09:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Am Montag geht es in unserer Kolumne immer um Kultur. Heute beschäftigt sich unsere Kolumnistin mit dem Aberglauben, dem nicht nur Künstler verfallen, wenn sie auf die Bühne treten.

Ich habe gerade wie viele mit Atemwegsinfekten zu kämpfen – in den oberen, unteren, mittleren, also allen Wegen, die dafür benötigt werden, Sauerstoff in die Lunge einströmen zu lassen. Um einen Ton mit den Stimmbändern zu erzeugen, braucht der Mensch aber Luft, denn sonst kann nichts in Schwingung geraten – und Töne sind Schwingungen. Ich war also auf der Weihnachtstour stimmlich nicht auf der Höhe. So weit der Ausflug in die Akustik und Phoniatrie.

Zur Person

Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.

Immer wenn ich einen weiteren Abend wieder „über die Bühne gebracht“ hatte, dachte ich: „Das muss das letzte Mal gewesen sein, ich hatte Glück. Der nächste Auftritt wird richtig in die Hose gehen.“ Aber ich habe es immer wieder geschafft, manchmal schlechter, manchmal gar nicht so gut, doch geschafft.

Nach jedem Schaffen dachte ich, dass mich das Glück nun verlassen wird, ich bin regelrecht einem Aberglauben verfallen und habe die immer gleiche Kette als Talisman getragen. Ich bin ein sehr rational denkender Mensch, der sich gern auf wissenschaftliche Erkenntnisse beruft. Gut, wenn an einem Freitag, den 13. eine schwarze Katze von links unter einer Leiter durchläuft, auf der Wäsche zwischen den Jahren trocknet, da pflücke selbst ich ein Kleeblatt und klopfe auf Holz, allein für die ganzen Seemänner. Doch bei aller Ratio dachte ich, das Glück wird mich nun verlassen müssen, was für ein Druck.

Wir kennen ja alle diesen kleinen Alltagsaberglauben, der nicht weiter schlimm ist. Wobei die Panik in den Augen mancher, wenn beim Zuprosten sich nicht intensiv in die selbigen geschaut wird, anderes vermuten lässt.

Fast jeder dritte Deutsche bezeichnet sich als abergläubisch. In Ostfriesland zelebrieren wir das sogar in all den Traditionen rund um Festtage wie Hochzeiten und nennen es Brauchtum. Der Aberglaube hat natürlich hier auch viel mit Landwirtschaft oder Wetter zu tun: „Neeijahr lecht un klaar, gifft’n früchtbaar Jahr.“ Doch sind Bauernregeln tatsächlich Aberglaube oder überlieferte Weisheiten? Und ist mein Glück wirklich irgendwann aufgebraucht? Oder war es gar kein Glück? Drückt mir die Daumen.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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