Osnabrück Der große Daniel Barenboim dankt ab: Die erwartete Überraschung
Daniel Barenboims Rücktritt kommt plötzlich, aber nicht überraschend. Was bleibt, ist seine unglaubliche Lebensleistung. Aber wer folgt auf den umtriebigen Maestro?
An der Staatsoper unter den Linden genießt Daniel Barenboim gottgleichen Status. Das spürt man, wenn das Publikum ihm zu jubelt, das spürt man, wenn man überlegt, wer gerade Intendant der Staatsoper ist: Die alles beherrschende Gestalt ist Daniel Barenboim.
Es gibt kaum einen Dirigenten und Pianisten, der so viel in seinem Leben bewegt hat wie Daniel Barenboim. Als Pianist hat er Epochales geleistet, einige seiner Einspielungen genießen Referenz-Status. Als Dirigent hat er fulminante Opernabende und Konzerte dirigiert, in der Staatsoper Unter den Linden wird Barenboim wie ein Gott verehrt, von Publikum und Musikern gleichermaßen. Nicht umsonst hat ihn die Staatskapelle Berlin zum Dirigenten auf Lebenszeit ernannt.
Der Rücktritt kommt jetzt plötzlich, aber nicht überraschend. Nach langer Krankheit im letzten Herbst hat er kürzlich Beethovens Neunte dirigiert. Jetzt der Abschied, nach über 30 Jahre als musikalischer Chef der Staatsoper und der Staatskapelle. Durch seinen Rücktritt endet aber nicht nur die Ära Barenboim. Gleichzeitig geht die Epoche der Pultstars zu Ende, die ihrem Orchester in langjährigen Beziehungen verbunden waren. Heutige Dirigenten erreichen spätestens nach zehn Jahren im Amt das Stadium der Überreife - höchste Zeit für einen Wechsel.
Auch Barenboims Zeit in Berlin war keineswegs krisenfrei. Gerade vor seinem krankheitsbedingten Rückzug hat es hinter den Kulissen gekracht, weil Musiker gegen Barenboims despotische Art aufbegehrt haben.
Seine künstlerische Leistung schmälert das nicht: Ob als Pianist oder Dirigent - Barenboim ist über jeden Zweifel erhaben. Sogar die letzte Gesamteinspielung der 32 Klaviersonaten von Beethoven verzeiht man ihm, weil er vorher oft genug bewiesen hat, dass er zu den großen Pianisten seiner Generation zählt.
Parallel dazu ist er zum großen Dirigenten geworden. Den Bayreuther Festspielen bescherte er Sternstunden, als musikalischer Chef der Mailänder Scala und immer wieder: seiner Staatsoper Unter den Linden. Mit einer Armbewegung konnte er verhindern, dass ein Opernensemble aus dem Ruder läuft, und die Werke von Mozart, Beethoven und natürlich Richard Wagner wurden unter seiner Leitung zum atemberaubenden Erlebnis. Barenboim war eine Jahrhundertgestalt am Pult.
Ebenso wichtig ist dem Argentinier sein Engagement auf dem politischen Parkett geworden. Oft fragte man sich, wie er das alles schafft, neben seinen kräftezehrenden Klavierabenden, den Dirigaten in der Oper und auf dem Konzertpodium. Tatsache ist: Dank ihm hat Berlin die Staatsoper Unter den Linden nicht nur renoviert, sondern mit einem zusätzlichen Stockwerk in den Originalzustand zurückversetzt - für gigantische 400 Millionen Euro statt der ursprünglich veranschlagten 240 Millionen Euro. Parallel dazu schuf er im ehemaligen Kulissendepot der Staatsoper die Barenboim-Said-Akademie, allein 20 Millionen Euro hat der Bund dazugegeben, für eine hochkarätige Hochschule für Stipendiaten aus dem Nahen Osten, bei der die musikalische Ausbildung eingebettet ist in einen umfassenden humanistischen Kanon. Abgerundet wird die Ausbildungsstätte durch den hochklassigen Konzertsaal, den Barenboim nach seinem Freund Pierre Boulez benannt hat.
Und dann ist da noch sein Einsatz für den Frieden in Israel, seiner zweiten Heimat nach Argentinien. Die Annäherung zwischen Israelis und Palästinensern ist ihm ein Herzensanliegen, ein Baustein seines Engagements ist das West-Eastern Divan Orchester (als dessen akademische Fortsetzung er die Barenboim-Said-Akademie gegründet hat). Dort sitzen junge jüdische und arabische Musiker nebeneinander, um aktive Verständigungs- und Friedensarbeit zu leisten.
Im Kampf um die Aussöhnung von Israelis und Palästinensern ist Barenboim keinem Streit aus dem Weg gegangen. Mit einer Rede vor der Knesset hat er diese Verständigung eingefordert und damit einen Eklat ausgelöst. Oder er hat Musik des in Israel verhassten Richard Wagner aufgeführt und damit einen weiteren Entrüstungssturm ausgelöst. Musiker, Künstler die ähnlich stark politisch Position beziehen sind selten: Igor Levit fällt einem dazu ein.
Für die Staatsoper Berlin stellt sich nun die Frage der Nachfolge. Das bedeutet nichts weniger als eine grundsätzliche Richtungsentscheidung: Will das Haus Barenboims musikalisches Erbe fortführen? Dann wäre Christian Thielemann ein möglicher Kandidat für die Nachfolge - er hatte ja Barenboim bereits bei Wagners „Ring“ an der Staatsoper vertreten und bei der Asientournee der Staatskapelle, beides vergangenen Herbst.
Bei allen unbestreitbaren Qualitäten auf dem wichtigen Feld der großen spätromantischen, deutschen Oper: Ein zukunftsgerichteter Dirigent ist Thielemann allerdings nicht. Um neues Repertoire zu erschließen, neues Publikum zu finden, neue Wege in der Oper und auf dem Konzertpodium zu gehen, scheidet die naheliegende Lösung also aus. Aber so oder so: Für seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger hat Barenboim die Messlatte sehr, sehr hoch gelegt.