Tumult in Timmel  Mutmaßlicher Giftködermischer belastet sich selbst

Jens Schönig
|
Von Jens Schönig
| 06.01.2023 18:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Warnungen vor Giftködern gibt es derzeit auch für Hundehalter am Timmeler Meer. Grund ist eine bizarre Drohung. Foto: Schuh/dpa
Warnungen vor Giftködern gibt es derzeit auch für Hundehalter am Timmeler Meer. Grund ist eine bizarre Drohung. Foto: Schuh/dpa
Artikel teilen:

Giftköder-Anschläge auf Hunde landen immer wieder in den Schlagzeilen. In Timmel ist es bis jetzt bei einer Drohung geblieben. Aber die geht schon steil.

Timmel - Immer wieder mal erfreut sich irgendwo im Land ein psychisch gestörter Hundehasser vorübergehender Aufmerksamkeit, nachdem er einen präparierten Köder ausgelegt hat, um einem Hund den qualvollen Garaus zu machen. Zuletzt hatte in Leer eine Hundebesitzerin vergiftete Köder in ihrem eigenen Garten gefunden. Hajo Otten wurde in Timmel bis jetzt „nur“ damit gedroht, seine Hunde zu vergiften. So ernst und bedrohlich so eine Situation auch ist, lassen sich einige Umstände seines Falls allerdings als ziemlich kurios bezeichnen.

Ähnliche Artikel

Was und warum

Darum geht es: Ein seltsamer Fall von Giftköder-Bedrohung macht gerade in Timmel die Runde.

Vor allem interessant für: Hundebesitzer und Feriengäste mit Hund.

Deshalb berichten wir: Herr Otten schilderte uns seinen Fall, nachdem er von der Attacke in Leer gelesen hatte.

Den Autor erreichen Sie unter: j.schoenig@zgo.de

Familie Otten, die in Baden-Württemberg wohnt, besitzt ein Ferienhaus an einem Seitenkanal am Timmeler Meer. An dem Kanal liegen viele Ferienhäuser, einige sind sogar dauerhaft bewohnt. „Das ganze Jahr über sind auf diversen Grundstücken Hunde, die natürlich immer mal wieder bellen, so auch unsere Hunde“, sagt Otten. Fängt ein Hund an, entfaltet sich nicht selten eine bellende Talkshow über den gesamten Kanal hinweg. „Und unsere zwei Briards sind nicht die einzigen, die auch ein ziemliches Organ haben“, sagt Otten. „Wie für eine Feriensiedlung üblich, gibt es außerdem immer mal Feierlärm bis in die Nacht. Das stört aber auch so gut wie niemanden. Wer dauerhaft in ein Feriengebiet zieht, rechnet halt damit.“

Unbekannter droht mit Giftattacke

Irgendjemanden scheint es aber zu stören. Und das so sehr, dass dieser Jemand gegen Otten verbal Amok lief. „Wir erhielten per Post einen Drohbrief, in dem wir und unsere Hunde beschimpft und bedroht werden“, sagt Otten, der aus Leer stammt. „Es wird außerdem Hausfriedensbruch und physische Gewalt sowie das Auslegen von Giftködern angedroht.“ Nähere Einzelheiten aus dem Brief möchte Otten vorerst nicht öffentlich machen. „Abseits von der erbärmlichen Sprache, die zu lesen man niemandem zumuten möchte, enthält der Brief durch die Wortwahl und darin erwähnte Fakten klare Hinweise auf den Absender“, erklärt Otten. „Das sollte aktuell nicht öffentlich diskutiert werden. Wir haben nämlich auch diverse Hinweise auf die Person und sogar auf mögliche Mitwisser erhalten. Als ich den Brief der Polizei zeigte und sagte, wo ich wohne, hatten sogar die schon eine gewisse Vermutung.“

Bei der Polizei erstattete Hajo Otten Anzeige, die Staatsanwaltschaft Aurich ermittelt derzeit. „Ferner haben wir unsere Bekannten und Nachbarn in Timmel sowie die Gemeinde informiert, weil wir eine Gefahr auch für andere Hunde und vor allem für kleine Kinder sehen. Die Tourismus GmbH hat dann umgehend alle Vermieter informiert.“

Täter scheint selten dämlich zu sein

Bei allem Schreck über die Drohung ist Otten, der selbst Anwalt ist, gelinde gesagt verblüfft. „Soviel Dummheit habe ich mein Lebtag noch nicht gesehen“, sagt er. „Da produziert jemand regelrecht Beweise gegen sich selbst und verteilt sie auch noch. Und neben dem Inhalt gibt der Brief auch andere Anhaltspunkte zur Identifikation der Person. Wenn sich jetzt in Timmel tatsächlich irgendein Vorfall mit Giftködern oder Angriffen auf Hunde ereignet, weiß im Prinzip das halbe Dorf, bei wem man zuerst suchen kann. Das verstehe, wer will.“

Polizeisprecherin Wiebke Baden sind Meldungen über Giftköder nicht unbekannt. „Solche Meldungen kommen immer in Wellen, aktuell ist es eher ruhig“, sagt sie. Es gebe aber auch eine deutliche Diskrepanz zwischen Meldungen und gesicherten Fällen. „Zum Teil stellt sich ein gemeldeter Giftköder dann als ein harmloses Leckerli heraus, das ein vorheriger Hundebesitzer einfach verloren hat“, so Baden. „Bei einem Stück Fleisch mit Angelhaken drin ist die Sachlage wiederum klar.“ Erschwert wird die Arbeit dadurch, dass in sozialen Netzwerken oft schon mit erfundenen Bedrohungen Panik unter Hundebesitzern verbreitet wird. Nutzer, die sich für einen Tag wichtig machen wollen, teilen zum Beispiel in ihrer örtlichen Facebook-Gruppe ein altes Giftköder-Bild aus dem Internet mit Hinweis auf einen konkreten angeblichen Fundort. „Einen gesicherten Fall haben wir so oft erst, wenn ihn ein Tierarzt feststellt und uns meldet“, sagt Wiebke Baden.

Wer Giftköder gegen Hunde auslegt, begeht zunächst einmal eine versuchte Sachbeschädigung. „Nimmt ein Hund Schaden, ist es ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz“, sagt Baden. Überführten Tätern drohen bis zu 25.000 Euro Geldstrafe, heißt es auf der Webseite des Mainzer Tierrechtsanwalts Andreas Ackenheil. Ist der Vergifter selbst Tierhalter, kann ihm das künftig vom Veterinäramt untersagt werden. Besitzer, deren Hund einen Giftköder gefressen hat, sollten deshalb laut Ackenheil nach dem Tierarztbesuch unbedingt auch Strafanzeige erstatten. Zudem sollten das zuständige Veterinäramt und das Tierheim informiert werden. Damit das nicht nötig wird, rät Wiebke Baden zu generellen Vorsichtsmaßnahmen. „Der Hund sollte möglichst angeleint sein und man sollte nie aus den Augen lassen, ob er gerade etwas findet und fressen will.“ Grundsätzlich ist es außerdem hilfreich, die Impulskontrolle des Hundes zu trainieren, sodass er ein „gefundenes Fressen“ nicht sofort aufnimmt.