Berlin  Turnschuhe und Hülsenfrüchte: Wie war Klamroths „hart aber fair“?

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 06.01.2023 14:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Louis Klamroth moderiert am 9. Januar 2023 zum ersten Mal den ARD-Talk „hart aber fair“. Foto: WDR/ Thomas Kierok
Louis Klamroth moderiert am 9. Januar 2023 zum ersten Mal den ARD-Talk „hart aber fair“. Foto: WDR/ Thomas Kierok
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Der Neue trägt Turnschuhe und darf sogar „Scheiße“ sagen: Am Montag hatte Louis Klamroth Premiere als Plasberg-Nachfolger im ARD-Talk „hart aber fair”. Wie hat er sich geschlagen?

Das Nachrichtenjahr hat aufregend angefangen: An Silvester werden Rettungskräfte in Neukölln beschossen. In Lützerath warnt die Polizei vor gewalttätigen Ausschreitungen. Und fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Sturm aufs Kapitol werden jetzt auch in Brasilien Regierungsgebäude attackiert. An heißen Themen mangelt es nicht. Aber für seine erste „hart aber fair”-Ausgabe lässt Louis Klamroth sie alle liegen.

Stattdessen knöpfte der 33-Jährige sich die hohen Lebenshaltungskosten vor. Vielleicht auch deshalb, weil hier weniger Fallstricke drohen als in Migrationsdebatten nach dem Silvesterkrawall. Vom Kohleabbau gar nicht zu reden. In Lützerath trat schließlich gerade erst Luisa Neubauer vor die Kameras; dass Klamroth und die Aktivistin ein Paar sind, macht Klima-Talks zum Drahtseilakt, den der Moderator sich sinnvollerweise für eine spätere Ausgabe aufspart.

Immerhin fällt das Wort Brasilien noch, wenn auch nur am Ende, in Caren Miosgas Ausblick auf die nachfolgenden „Tagesthemen”. Da war es bei „hart aber fair” gerade so richtig gemütlich geworden: In der traditionellen Schlussrunde hatte Klamroth seine Gäste nach Hülsenfrucht-Rezepten befragt. Klingt ulkig, hatte aber Sachbezug: Schließlich steht gerade eine Mehrwertsteuersenkung im Raum, die Bürger bei Obst, Gemüse und eben Hülsenfrüchten entlasten soll. Und damit sind wir mitten in der Diskussion um Armut und Beschränkungen.

Dem SPD-Chef Lars Klingbeil missfällt an der Mehrwertsteuer-Idee, dass sie auch reichen Leuten nützt. CDU-Mann Jens Spahn ist ebenfalls eher für gezielte Maßnahmen, erhofft sich vom Wegfall der Mehrwertsteuer aber immerhin eine schnelle Wirkung. An diese These schließt er dann eine Großargumentation an, in der es auch um Atomkraftwerke und Landwirtschaft geht – und um die Abgabenlast von Engin Kelik. Dem Metallarbeiter, der als Mann aus dem Volke mit in der Talk-Runde sitzt, rechnet Spahn mitten in seinem Vortrag noch sein Netto vom Brutto aus.

Den ausufernden Monolog nutzt Klamroth dann für eine erste Duftmarke: „Das war ein ganz schöner Bogen; ich versuche den noch nachzuvollziehen”, sagt er in munterer Ignoranz und fragt die „Spiegel”-Journalistin Melanie Amann schlicht, ob sie von alldem irgendwas verstanden hat. In lustigen Gesten wie dieser scheint eine neue Flapsigkeit auf, für die das Erste Klamroth wahrscheinlich von ProSieben geholt hat. Immerhin ist er nur halb so alt wie sein Vorgänger Frank Plasberg (65). Folgerichtig moderiert Klamroth jetzt auch in Turnschuhen; einmal sagt er sogar das Wort „Scheiße”.

Was Klamroth nicht mitspricht, ist der Gender-Stern, den er zumindest als Gast anderer Talk-Shows verwendet hat. Den versiertesten Kritikern der Öffentlich-Rechtlichen dürfte damit ein zentrales Argument gegen den Neuen wegbrechen. Bei Twitter beschwert sich einer ganz ausdrücklich darüber, dass Klamroth zum Verachten einfach zu nett ist:

Stattdessen stürzen die Twitterer sich am Premierenabend auf Engin Kelik, den Familienvater, der sich selbst als arm bezeichnet. Und der wohl auch in exakt dieser Rolle eingeladen wurde. Erst kürzlich war der Mann aus Melle nämlich Protagonist einer „BILD”-Geschichte, die von der Armut unterm Tannenbaum handelte. („Oh du Wenige: So feiert Deutschland Sparnachten”) Bei „hart aber fair” erzählt er nun, dass er die Energiepauschale auf seinem Konto überhaupt erst wahrgenommen hat, als er sich auf seinen Talk-Auftritt vorbereitet hat. In der „BILD” hatte er damals moniert, dass er seinen Kindern diesmal keine Smartwatch für 400 Euro mehr schenken könne.

Auch die „hart aber fair”-Redaktion wählt verblüffende Beispiele für die Not der Bevölkerung: Ein eigener Einspieler informiert zum Beispiel darüber, dass neuerdings nicht nur die Rama-Packung bei gleichem Preis viel weniger Margarine enthalte. Die „Shrink-Flation”, erfahren wir, hat sogar den Packungsinhalt der Haribo-Gummibären schrumpfen lassen! Gummibären? Bei allem Spott über die Mehrwertsteuer auf Hülsenfrüchte – wo Bonbons zum Maßstab für unzumutbare Einschränkungen werden, muss Louis Klamroth die Diskussion dann vielleicht doch noch etwas nachjustieren.

Das Motto von Klamroths Premiere lautete „Ein Land wird ärmer – wer zahlt die Krisenrechnung 2023“. Diese Gäste diskutierten:

Sendetermin: „hart aber fair“ mit Louis Klamroth, Montag, 9. Januar 2023, 21.00 Uhr, Das Erste.

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