Geburten in Emden  Werden „echte“ Emder zu einer bedrohten Spezies?

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 06.01.2023 11:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Anisa ist eines der ersten Emder Babys dieses Jahres. Das Mädchen erblickte am Neujahrstag um 10.33 Uhr im Borromäus-Hospital in Leer das Licht der Welt. Es ist das erste Kind von Eileen und Nasat Zöller aus Emden. Foto: Wolters
Anisa ist eines der ersten Emder Babys dieses Jahres. Das Mädchen erblickte am Neujahrstag um 10.33 Uhr im Borromäus-Hospital in Leer das Licht der Welt. Es ist das erste Kind von Eileen und Nasat Zöller aus Emden. Foto: Wolters
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Im vergangenen Jahr haben in Emden nur vier Babys das Licht der Welt erblickt. Aber muss man eigentlich in der Stadt geboren sein, um ein „echter“ zu sein?

Emden- Jetzt zeigt es sich auch statistisch, was schon lange absehbar war: „Echte“ Emder und Emderinnen werden zur bedrohten Spezies. Schon in ein paar Jahrzehnten werden sie wohl in der Minderheit sein. Denn laut einer inoffiziellen Regel darf sich nur derjenige als „echter“ Emder bezeichnen, der in der Seehafenstadt das Licht der Welt erblickt hat. Seit der Schließung der Geburtsstation im Emder Klinikum im März 2021 gibt es aber in Emden allenfalls noch Geburten, bei denen die Frau zu Hause oder auf der Fahrt in eine Klinik im Rettungswagen entbindet.

Was und warum

Darum geht es: Geburten in Emden und die Frage, wer sich als „echte“ Emderin oder „echter“ Emder bezeichnen kann

Vor allem interessant für: Emderinnen und Emder und solche, die es werden wollen

Deshalb berichten wir: Das Standesamt der Stadt Emden hat in dieser Woche seine Statistik für 2022 vorgelegt. Darin geht es auch um die Geburten. In Emden ist das ein sensibles Thema.

Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Das Standesamt der Stadt Emden hat laut seiner in dieser Woche veröffentlichten Statistik im vergangenen Jahr nur noch vier Geburten von Emder Mädchen beurkundet. Es waren alles Hausgeburten. Zufall oder nicht: Für sich genommen ist das eine ungewöhnlich hohe Zahl.

Geburtsstation ist seit März 2021 geschlossen

Denn in den beiden Corona-Jahren 2020 und 2021 registrierten Standesamtsleiterin Monika Friesenborg sowie deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur eine Geburt im Rettungswagen beziehungsweise eine Hausgeburt. 2019 hatte in Emden keine Frau zu Hause entbunden.

Die Geburtsstation im Emder Krankenhaus war Ende März 2021 trotz heftiger Proteste endgültig geschlossen worden. Frauen aus Emden müssen deshalb in Kliniken in Aurich, Leer oder außerhalb Ostfrieslands fahren, um ihr Kind auf die Welt zu bringen. Im Jahr vor der Schließung waren im Emder Klinikum noch 413 Babys zur Welt gekommen, 2019 waren es 616.

Die Debatte wirkt bis heute nach

Die Entscheidung der gemeinsamen Trägergesellschaft der Kliniken in Aurich, Emden und Norden, die Geburtshilfe in der Ubbo-Emmius-Klinik in Aurich zu konzentrieren, hatte in Emden eine emotionale Debatte ausgelöst, die bis heute nachwirkt. Gegner der Schließung hatten auch damit argumentiert, dass Emden als Geburtsort nicht mehr in der Geburtsurkunde und anderen Personalpapieren auftaucht.

Der parteilose Emder Oberbürgermeister Tim Kruithoff hielt damals dagegen. Emderin oder Emder werde man „nicht durch das, was im Personalausweis steht, sondern dadurch, dass man in Emden ‚sozialisiert’ wird, dass man die Geschichte kenne, sich mit der Stadt identifiziert, hier lebt, ein Heimatgefühl hat und die Stadt liebt“, sagte er damals dieser Zeitung im Interview.

Man kann es auch locker sehen

Diese Definition weicht von der inoffiziellen Regel ab, nach der ein „echter“ Emder und eine „echte“ Emderin diejenigen sind, die auch in der Seehafenstadt geboren wurden. Als „waschechte“ Emderin und „waschechter“ Emder gilt man demnach hingegen erst, wenn mindestens die Eltern und Großeltern bereits in Emden geboren wurden.

Man kann es aber so wie Tim Kruithoff auch lockerer sehen. „Echte“ Emder oder „echte“ Emderinnen können also auch Leute sein, deren Familien keine lange Historie in der Stadt haben. Man muss vielleicht sogar nicht einmal in Emden geboren sein, um als „echte“ Emder durchgehen zu können.

20 Dinge, an denen man echte Emder erkennt

Unsere Zeitung hat einige Beispiele zusammengestellt, die erklären, woran man in Emden lebende, geborene oder waschechte Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt erkennen kann und welche Dinge sie ausmachen. Diese Liste ist selbstverständlich augenzwinkernd gemeint und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Echte Emderinnen und Emder . . .

  • ... haben mindestens schon einmal im Leben einen Matjes gegessen.
  • ... lieben Otto Waalkes und haben eine Abneigung gegen Uli Hoeneß.
  • ... trinken Thiele Tee Broken Silber.
  • ... haben mindestens einmal im Leben auf dem Rathausturm gestanden.
  • ... haben den Film „Das Boot“ von Wolfgang Petersen schon gesehen.
  • ... sagen „Moin“, denn „Moin, Moin“ ist Gesabbel.
  • ... wissen, wer „Bernie“ ist.
  • ... gehen am Silvestervormittag zum „Elführtje“ in den Stadtgarten.
  • ... haben schon ein Fußballspiel von Kickers Emden gesehen.
  • ... wissen, wie die „Kulisse“ von innen aussieht.
  • ... sind schon einmal mit einem Boot durch die Kesselschleuse gefahren.
  • ... sind schon einmal im Van-Ameren-Bad geschwommen.
  • ... haben schon einmal eine Bratwurst bei Wolfram gegessen.
  • ... kennen die Wirkung von österreichischem Pflaumenwein.
  • ... wissen, wer die Kunsthalle stiftete.
  • ... sind schon einmal mit dem Rad über blaue Flächen in der Neutorstraße gefahren.
  • ... haben schon einmal eine Hafenrundfahrt gemacht.
  • ... kennen Parkplätze in der Innenstadt, auf denen keine Gebühren gezahlt werden müssen.
  • ... wissen, wer Miss Larrelt ist.
  • ... wissen, dass es „Echte Emder“ auch in gelben Bonbontüten gibt.
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