Hamburg Funken wie 1980: Wie deutsche Marder den Nato-Standard senken
Die schnelle Eingreiftruppe der Nato geht auf Zeitreise: Weil Deutschland das Kommando übernommen hat, müssen im Ernstfall alle wieder mit Sprechtafeln funken. Denn Deutschland ist das einzige Nato-Land, das noch die analoge Technik verwendet.
Wer im Schützenpanzer Marder funken will, braucht eine Tabelle. Denn der im Marder verbaute Funk der Bundeswehr ist analog und nicht verschlüsselt. Erst mithilfe der sogenannten Sprechtafel können die Funksprüche codiert werden, was bedeutet: Auch der Empfänger braucht diese Tabelle. Jeden Tag eine neue Verschlüsselung, sonst ist es nicht sicher.
Warum das jetzt relevant wird? Weil Deutschland als neue Führungsnation der schnellen Eingreiftruppe (Very High Readiness Joint Task Force: VJTF) das einzige Nato-Land ist, das noch so funkt. Analog. Mit Tabelle. Wie 1980. Auf diesem Stand etwa sind die im Marder verbauten Funkgeräte, und der Marder ist es ja, der jetzt wieder einspringen muss. Denn die modernen Pumas haben kurz vor dem Einsatz schlappgemacht.
Für die acht anderen Nationen, die unter Deutschlands Kommando die Ostflanke der Nato sichern sollen und die ihre Armeen längst mit Digitalfunk ausgerüstet haben, bedeutet der Mardereinsatz nun ebenfalls: Retro-Funk mit Tabelle. Denn Kommunikation ist im Gefecht die halbe Miete, und wenn die Bundeswehr den Nato-Standard nicht einhalten kann, muss die Nato eben runtergehen: Auf den Stand von 1980, in diesem Fall.
„Sehr umständlich“ sei das Funken im Marder, sagt Severin Pleyer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut Schmidt Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg.
Pleyer ist dort im Netzwerk Interdisziplinäre Konfliktanalysen (NIKA) tätig und weist auf ein weitergehendes Problem hin: „Die VJTF soll nur die Feuerwehr sein. Die Frage ist ja, was danach passiert und womit wir dann weiterkämpfen.“
Und auch da steht die Bundeswehr ziemlich blank da, denn selbst für die schnelle Eingreiftruppe muss sie sich das Material in anderen Truppenteilen zusammenleihen. „Dynamisches Verfügbarkeits-Management“ heißt das Prinzip, das 2011 noch unter Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg eingeführt wurde, später eigentlich wieder abgeschafft werden sollte und das dennoch bis heute dabei hilft, den Mangel je nach Sichtweise zu verschleiern oder zu verwalten.
Nur noch 70 Prozent der Vollausstattung sollten einzelne Einheiten erhalten. Was anderswo gebraucht wird, wird herumgereicht – mit der Folge, dass die abgebenden Einheiten dann nicht üben können, weil es eben fehlt. Mit diesem Prinzip bestreitet die Bundeswehr nun auch den VJTF-Einsatz.
Wäre alles besser gelaufen, wenn die eigentlich vorgesehenen Pumas nicht kurz vor dem Einsatz schlappgemacht hätten? „Die Grundproblematik beim Puma ist: Er ist nicht gefechtsbereit“, sagt Experte Pleyer. Und verweist auf den Bericht des Bundesrechnungshofes aus dem Dezember, der dem Puma massive Probleme attestiert hatte.
Zuletzt hatte es in Medienberichten geheißen, vor allem Abnutzung und Bedienungsfehler hätten zu dem gleichzeitigen Ausfall aller 18 eingeplanten Pumas geführt, die Industrie könne die Schützenpanzer schnell reparieren. Aber die Zweifel an dieser Version bleiben groß: „Ob man sich im Gefechtsfall auf den Puma verlassen kann, wissen wir nicht“, sagt Pleyer.
Und so geht es also analog in den Einsatz. Von der veralteten Technik immerhin sollte genug Ersatz da sein: Weil die Einführung des Digitalfunks wie vieles andere bei der Bundeswehr seit Jahren auf sich warten lässt, hat das Verteidigungsministerium im letzten Jahr kräftig investiert, um die alten Funkgeräte auf dem technischen Stand von vor 40 Jahren nachbauen zu lassen. Die Zeitreise kostet 600 Millionen Euro.