Kritik am Flüssigerdgas  Das LNG und seine Gegner

Imke Oltmanns
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Von Imke Oltmanns
| 03.01.2023 20:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Mehrere hundert Mitglieder der Gruppierung „Ende Gelände“ hatten im August eine der LNG-Baustellen in Wilhelmshaven lahmgelegt. Hier kampieren sie in den Rohren, aus denen später die neue LNG-Leitung entstand. Foto: Oltmanns
Mehrere hundert Mitglieder der Gruppierung „Ende Gelände“ hatten im August eine der LNG-Baustellen in Wilhelmshaven lahmgelegt. Hier kampieren sie in den Rohren, aus denen später die neue LNG-Leitung entstand. Foto: Oltmanns
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Die deutsche Abhängigkeit von russischer Energie nimmt ab, auch dank der neuen LNG-Terminals, die an der Küste entstehen. Kritik gibt es trotzdem, vor allem von Umweltschutzverbänden. Doch warum?

Wilhelmshaven - Die neuen LNG-Terminals an der deutschen Nord- und Ostseeküste stoßen nicht überall auf Begeisterung, oder auch nur Erleichterung. Umwelt- und Tierschutzverbände sind wenig angetan, auch Bürger in der Nachbarschaft dieser schwimmenden Industrieanlagen haben so ihre Bedenken. Ob man künftig überhaupt noch im Meer vor Wilhelmshaven oder Hooksiel baden könne, wollte kürzlich ein Anwohner bei einer Infoveranstaltung in Wilhelmshaven wissen. Selbstverständlich könne er das, wurde der Mann vom damaligen Umweltminister Olaf Lies (SPD) beschieden. Der im gleichen Atemzug davor warnte, ein Problem herbeizureden, wo keines sei.

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Die Frage ließ vor allem ein Gefühl von Unsicherheit erkennen über das, was da in den kommenden Jahren vor der eigenen Haustür geschieht. Immerhin soll Wilhelmshaven noch ein zweites schwimmendes LNG-Terminal bekommen. Was bedeuten diese Industrieanlagen für die Nordsee, für das Wattenmeer, für die Gesundheit des ganzen Ökosystems an der Küste? Fragen, die zum einen von Umweltverbänden gestellt, zum anderen aber auch von ihnen befeuert werden. Aber um was geht es genau?

Das Klima

LNG ist nichts anderes als Erdgas, nur eben in verflüssigter Form. Die Abkürzung leitet sich von der englischen Bezeichnung für verflüssigtes Erdgas ab, also „liquified natural gas“. Das Gas wird lediglich für den Transport verflüssigt und damit verdichtet. Sonst wäre das Volumen für den Transport zu groß. LNG ist also ein fossiler Rohstoff, ein Energielieferant, den Umweltschutzverbände ablehnen. In den Import dieses fossilen Rohstoffs nun noch neue große Investitionen zu stecken, ist für viele LNG-Gegner rausgeschmissenes Geld.

„Hier wird eine fossile Energiestruktur festgeklopft, die überhaupt nicht zu unseren Klimazielen passt“, sagt etwa Imke Zwoch vom BUND Wilhelmshaven. Aus Umweltschutzorganisationen heißt es immer wieder, man wünsche sich die gleiche Entschlossenheit und Zielstrebigkeit, die für den Ausbau der LNG-Struktur an den Tag gelegt wird, auch für den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Das Fracken

Viele Umweltschützer lehnen LNG auch deshalb ab, weil sie annehmen, dass es sich dabei um sogenanntes Fracking-Gas handelt. Fracking ist eine Technik, bei der eine meist mit Chemikalien versetzte Flüssigkeit durch ein Bohrloch unter hohem Druck in eine Erdgaslagerstätte eingepresst wird – so ist es beim niedersächsischen Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) nachzulesen. Durch den Druck entstehen feine Risse im Speichergestein, über die der Rohstoff dann besser erreicht wird. Die Frage ist: Was passiert mit den Das LNG und seine GegnerChemikalien im Boden und welchen Einfluss haben sie oder das ganze Verfahren auf das Grundwasser? Zudem kann durch das Verfahren die Geologie des Bodens gestört werden, es kann zu Beben kommen.

Das mit verflüssigtem Erdgas beladene Tankschiff „Maria Energy“ (hinteres Schiff) liegt am schwimmenden Terminal, dem Spezialschiff „Höegh Esperanza“ vor Wilhelmshaven. Foto: Schuldt/dpa
Das mit verflüssigtem Erdgas beladene Tankschiff „Maria Energy“ (hinteres Schiff) liegt am schwimmenden Terminal, dem Spezialschiff „Höegh Esperanza“ vor Wilhelmshaven. Foto: Schuldt/dpa

Fracking wurde früher laut LBEG auch in Niedersachsen angewendet, mittlerweile aber nicht mehr. Heute wird es vor allem in den USA eingesetzt. Woher auch die „Maria Energy“ kommt, der erste LNG-Tanker, der am Dienstag am schwimmenden Terminal in Wilhelmshaven festmachte und seine Ladung übergab. Das Schiff kam direkt aus dem Golf von Mexiko, wo es nach Angaben des Energieunternehmens Uniper am 19. Dezember 2022 beladen wurde. Uniper betreibt Deutschlands erstes schwimmendes Terminal, die „Hoegh Esperanza“ vor Wilhelmshaven. „Dass gleich das erste Schiff aus den USA kommt und dreckiges Fracking-Gas an Bord hat, ist schon ein echter Warnruf“, findet Constantin Zerger von der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

Die Biozide

Einer der großen Kritikpunkte an dem vor Wilhelmshaven liegenden schwimmenden LNG-Terminal ist der Einsatz von Bioziden. Mit diesen Chemikalien sollen die Rohrsysteme an Bord frei von Meeresorganismen gehalten werden, damit sie nicht nach und nach verstopfen oder uneffektiver werden. Sie gelangen beim Durchspülen auch in die Nordsee. „Wir haben bei unseren Recherchen festgestellt, dass es im Bereich dieser geplanten Biozid-Einleitungen zu erheblichen Fehlern gekommen ist in den Gutachten, die vorgelegt wurden vom Betreiber Uniper“, hatte die Vorsitzende des BUND Niedersachsen, Susanne Gerstner, bei einer Infoveranstaltung Ende November erklärt. Die Biozid-Konzentrationen seien deutlich höher als angegeben. Außerdem gebe es Alternativen, um diese Leistungssysteme frei zu halten, mechanische Verfahren etwa.

„Klimaschutz und Umweltschutz sind bei uns total hoch auf der Agenda“, hält der Uniper-Manager Holger Kreetz den Kritikern entgegen. Die „Hoegh Esperanza“ habe eine Betriebsgenehmigung mit sehr vielen Umweltauflagen, an die man sich halten werde. Er erklärt aber auch: „Was wir über die Betriebsjahre verbessern können, werden wir verbessern.“

Klagen und Widersprüche

Diese Genehmigung zum Betrieb der „Esperanza“ kam übrigens erst am 16. Dezember, einen Tag nachdem sie in Wilhelmshaven festmachte und einen Tag bevor Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sie offiziell eröffnete. Und sie wird nicht ohne Widerspruch bleiben. Die Deutsche Umwelthilfe will nach Auskunft von Constantin Zerger bis zum 16. Januar Widersprüche einlegen gegen die wasserschutzrechtliche Genehmigung durch den NLWKN und gegen die immissionsschutzrechtliche Genehmigung durch das Gewerbeaufsichtsamt in Oldenburg.

Außerdem liege beim Bundesverwaltungsgericht eine Klage gegen den Betrieb der LNG-Pipeline vom Terminalschiff zum nächsten Gas-Anschlusspunkt bei Etzel. Konkret will die DUH die Genehmigung so ändern lassen, dass die Durchleitung von Erdgas auf zehn Jahre beschränkt wird. Tatsächlich wurde die Leitung nach Angaben ihres Erbauers und Betreibers Open Grid Europe (OGE) so konzipiert, dass sie auch Wasserstoff transportieren kann. Politiker und Unternehmen hatten von Beginn an immer wieder betont, dass der LNG-Import nur eine Übergangslösung sein solle auf dem Weg zu Produktion und Import von grüner Energie, grünem Wasserstoff etwa. Im Juni soll es vor Gericht eine erste Anhörung zu der DUH-Klage geben.

Die Protestform

Die Form des Protests gegen die neue LNG-Infrastruktur ist übrigens sehr unterschiedlich. Die meisten Aktionen verlaufen eher ruhig und friedlich, und haben außerdem einen gewissen aufklärerischen Charakter. Ende November etwa hatten sich mehrere Naturschutzverbände zusammengeschlossen und einen großen Informationsabend in Wilhelmshaven angeboten. Davor gab es in Wilhelmshaven auch schon ein sogenanntes Klimacamp mit Vorträgen und Infoständen sowie einen Protestmarsch. Am Tag nach der offiziellen Einweihung durch den Bundeskanzler traf sich schließlich die BUND-Gruppe aus Wilhelmshaven zu einem „Kluntje-ohne-Chlor“-Teetrinken am Hooksieler Außenhafen. Mit Blick auf das Terminalschiff also.

„Kluntje ohne Chlor“ nannte der BUND Wilhelmshaven diesen Protest am Hooksieler Außenhafen. Im Hintergrund das schwimmende LNG-Terminal "Hoegh Esperanza", das am Vortag von Bundeskanzler Scholz (SPD) eingeweiht worden war. Foto: BUND
„Kluntje ohne Chlor“ nannte der BUND Wilhelmshaven diesen Protest am Hooksieler Außenhafen. Im Hintergrund das schwimmende LNG-Terminal "Hoegh Esperanza", das am Vortag von Bundeskanzler Scholz (SPD) eingeweiht worden war. Foto: BUND

Es ging aber auch schon anders: Im August waren mehrere hundert Mitglieder der Gruppierung „Ende Gelände“ angereist, marschierten maskiert und in weißen Schutzanzügen auf eine der LNG-Baustellen in Wilhelmshaven, stellten sich vor Kräne und Bagger und legten den Betrieb einfach mal einen Tag lang lahm. Warum? Die Baustelle war für sie ein „Klima-Tatort“.

LNG-Protest auf einer Baustelle in Wilhelmshaven. Foto: Oltmanns
LNG-Protest auf einer Baustelle in Wilhelmshaven. Foto: Oltmanns