Osnabrück Tatort „Lenas Tante“ aus Ludwigshafen: Die sonderbare alte Dame
Der 77. Fall für Ulrike Folkerts als Lena Odenthal im Tatort heute Abend: In „Lenas Tante“ bekommt sie eigenwilligen Verwandtschaftsbesuch von ihrer Tante Niki (Ursula Werner).
Die schnöde Knarre hat ausgedient - heute mordet man zumindest im Sonntagskrimi der ARD lieber gepflegt mit Insulin. Das ist nicht so laut, hinterlässt keine Schmauchspuren und kommt auch längst nicht so vulgär rüber wie der aufgesetzte Kopfschuss.
Diesmal erwischt es Fritz Herrweg, einen 96-jährigen Bewohner eines Altenheims in Ludwigshafen. Den im Heim wegen seiner herrischen Art recht ungeliebten Senioren hat das ihm injizierte Insulin zwar nicht direkt ins Jenseits befördert, wohl aber in ein derart tiefes Koma versetzt, dass man ihn irrtümlicherweise im Krematorium in den Ofen schob. Aber wer könnte ein Interesse daran gehabt haben, einen derart betagten und zudem mittellosen alten Mann zu beseitigen?
Neben „Kanonen zu Insulinspritzen” ist die mehr oder weniger liebe Verwandtschaft gerade ein aktueller Tatort-Trend. Erst an Neujahr musste Freddy Schenk (Dietmar Bär) seine Tochter und deren Familie vor einem Kölner Clan bewahren - nun bekommt Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) Besuch von ihrer Tante Niki (Ursula Werner), bei der die Kommissarin ab ihrem zehnten Lebensjahr aufgewachsen ist.
Die Tante ist eine - um es zurückhaltend zu sagen - recht spezielle ältere Dame. Nicht nur, weil sie in Lenas Wohnung raucht wie ein Schlot. Eine ehemalige Staatsanwältin mit einem Ruf „wie Donnerhall”, äußerst resolut und brennend interessiert an den aktuellen Ermittlungen ihrer Nichte, deren beruflicher Werdegang in der „finstersten Provinz” ihr keinerlei Respekt abnötigt: „Ludwigshafen - wie hältst Du das bloß aus?”
Noch sonderbarer aber ist: Warum taucht Tante Niki mehrfach in dem Heim auf, in dem jemand Fritz Herrwegs letztes Stündchen vorziehen wollte? Und weshalb erzählt sie ihrer Nichte, sie sei im Karlsruher Zoo bei den Hyänen, während sie im Heim Erkundigungen einzieht? Immerhin nimmt Odenthals Kollegen Johanna Stern (Lisa Bitter) die richtige Witterung auf.
Ausgedacht hat sich diese Geschichte der Autor Stefan Dähnert, der schon das Drehbuch zu Lena Odenthals drittem Fall „Tod im Häcksler” (1991) lieferte und auch die Vorlage zu ihrem bislang letzten Auftritt in „Das Verhör” vor wenigen Monaten schrieb. Also jemand, dem man schon ein sehr vertrautes Verhältnis zur dienstältesten Tatort-Kommissarin unterstellen darf. Dem Buch-Routinier steht mit Tom Lass ein Regisseur gegenüber, der zum ersten Mal überhaupt einen Tatort inszenierte.
Auch wenn der ganze Fall etwas arg konstruiert ist, entwickelt sich dennoch ein durchaus sehenswerter Krimi, der mit zunehmender Spielzeit seine anfängliche Leichtigkeit und die unterschwellige humoristische Komponente komplett ablegt. Wobei das böse B-Wort - Befangenheit - einmal mehr keine Rolle spielt und auch „Lenas Tante” der Wirklichkeit weit entrückt ist.
Dafür ermöglicht der Krimi einen der seltenen Einblicke in Lenas privates Umfeld und ihre Wohnung in Ludwigshafen. Dennoch: Da Weihnachten nun auch schon wieder ein Weilchen vorüber ist, darf man hoffen, dass der Tatort in nächster Zeit erst einmal von weiteren Verwandtschaftsbesuchen absieht.
Tatort: Lenas Tante. Das Erste, Sonntag, 22. Januar, 20.15 Uhr
Wertung: (knapp) 5 von 6 Sternen