Ostfriesland und sein Essen  Speckendicken – Oh, wat lecker oder Bääh?

Karin Lüppen Michael Kierstein
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Von Karin Lüppen und Michael Kierstein
| 30.12.2022 12:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Antje de Vries hat Speckendicken in der Pfanne gebacken. Stimmt es wirklich, dass nur Ostfriesen das mögen? Foto: Ortgies
Antje de Vries hat Speckendicken in der Pfanne gebacken. Stimmt es wirklich, dass nur Ostfriesen das mögen? Foto: Ortgies
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Zum Jahresende gibt es im Landkreis Leer vielerorts Speckendicken. Die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Zwei Reporter beißen zu.

Leer - Jedes Jahr ist es dasselbe Spiel. Sobald die Ankündigungen von Vereinen eintrudeln, die im Advent oder zu Silvester Speckendicken anbieten, schütteln sich in der Redaktion die Kollegen, die von auswärts stammen, während die Ostfriesen „Hmm, lecker“ seufzen. Mögen nur Einheimische dieses spezielle Gebäck? Das wollten wir wissen.

Was und warum

Darum geht es: Ostfriesen lieben Speckendicken, Zugereiste hassen sie. So scheint es zu sein, aber stimmt das wirklich? Karin Lüppen und Michael Kierstein haben in das deftige Gebäck mal reingebissen.

Vor allem interessant für: Alle, die kulinarisch das Besondere lieben

Deshalb berichten wir: In der Redaktion verziehen regelmäßig die Kollegen von außerhalb das Gesicht, wenn das Wort Speckendicken fällt. Wir wollten wissen, warum das so ist.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de

Michael Kierstein hat noch nie Speckendicken gegessen, Karin Lüppen kommt aus Lütetsburg, wo der deftige Pfannkuchen nicht so verbreitet ist. Beide Reporter haben sich zum Testessen verabredet, aber dabei stellt sich das erste Problem: Wer backt die Speckendicken? Glücklicherweise hilft uns Antje de Vries: Sie rührt für uns den Teig an, und zwar nach einem Rezept ihrer Mutter aus Mitling-Mark.

Es kommt nicht nur auf Zutaten an

Jedes Jahr backt Antje de Vries kurz vorm Jahresende große Mengen von Speckendicken für eine Runde von Freundinnen, die extra dafür zu ihr kommen. „Mir haben schon Leute gesagt, dass sie eigentlich nicht so dafür sind, aber meine Speckendicken ihnen doch schmecken“, erzählt sie.

Oh, wat lecker – findet jedenfalls Ostfriesin Karin Lüppen. Der Kollege Michael Kierstein scheint nicht überzeugt zu sein. Foto: Ortgies
Oh, wat lecker – findet jedenfalls Ostfriesin Karin Lüppen. Der Kollege Michael Kierstein scheint nicht überzeugt zu sein. Foto: Ortgies

Auf jeden Fall muss für Speckendicken das richtige Mehl her. Es wird traditionell von Mühlen im Landkreis Leer extra gemahlen und gemischt. Wolfgang Bohlen von der Mühle Bohlen in Warsingsfehn sagt zwar, dass es Roggenschrot und Weizenschrot enthält, „aber in welchem Verhältnis, das verrate ich nicht“. Denn jeder Müller habe seine eigene Mischung. Antje de Vries hat das Speckendickenmehl aus Warsingsfehn schon am Abend vor unserem Test zu dem Teig angerührt. Denn dieser müsse unbedingt die richtige Konsistenz haben: „Er muss in Streifen vom Holzlöffel abreißen“, erklärt sie. „Es gibt auch Rezepte mit Milch“, sagt de Vries, die viele Jahre zum Vorstand des Kreislandfrauenvereins gehört hat. Andere wiederum fügen Speck hinzu. Jeder schwöre wohl auf die Zubereitung, die er gewöhnt ist.

Speckendicken polarisieren

Aber die Leeranerin weiß auch, dass die Speckendicken nicht jedermanns Geschmack sind. „Die polarisieren tatsächlich“, ist ihre Erfahrung. Man mag sie, oder man mag sie nicht. Antje de Vries hat noch einen Tipp für uns: Die fertigen Speckendicken ein wenig ruhen lassen. „Meine Gäste kommen um sieben Uhr, dann fange ich um fünf Uhr an zu backen und halte die fertigen Speckendicken im Backofen bei etwa 70 Grad warm. Dann schmecken sie am besten“, findet sie.

Wir gehen ganz unbefangen an die Speckendicken ran, die Antje de Vries frisch für uns gebacken hat. Und so hat es uns geschmeckt.

Das findet Karin

Als Kind „van d’ Nörder Kant“ habe ich Speckendicken erst kennengelernt, nachdem meine Schwester jahrelang in Rhauderfehn gewohnt hatte. Sie lernte das zur Jahreswende beliebte Essen und dessen Zubereitung von ihren Nachbarn kennen. Selbst habe ich allerdings noch nie Speckendicken gebacken. Deshalb bin ich dankbar für die Unterstützung durch Antje de Vries.

Jetzt kommen die Speckendicken auf den Teller. Man kann sie auch aus der Hand essen. Foto: Ortgies
Jetzt kommen die Speckendicken auf den Teller. Man kann sie auch aus der Hand essen. Foto: Ortgies

Was soll ich sagen: Mir schmeckt es! Es ist eine interessante Mischung zwischen dem kernigen Teig, dem leicht süßen Geschmack und der kräftigen Mettwurst. Was mir an dem Rezept von Antje de Vries gefällt: Es ist nicht so übermäßig stark gewürzt. Ich habe schon Speckendicken gegessen, die ein Aroma beinahe wie Neujahrskuchen hatten. Das war mir persönlich zu viel des Guten. Hier halten sich Anis und Kardamom dezent im Hintergrund, das ist sehr lecker. So fettig, wie manche Kollegen behaupten, ist das Ganze ganz und gar nicht. Nicht schlimmer als Reibekuchen, erst recht nicht wie Pommes oder Bratwurst. Mal sehen, vielleicht versuche ich mich mal selbst an dem Rezept. So groß, wie ich gedacht habe, ist der Aufwand nämlich gar nicht, und dafür bekommt man dann ein schönes, traditionelles Essen.

Das findet Michael

Als die Idee aufkommt, ich sollte mal Speckendicken probieren, wehre ich mich mit Händen und Füßen. Allein der Klang des Wortes verheißt für mich nichts Leckeres. Irgendwas zwischen fettigem Speck und Butterschmalz. Bah. Doch, als Zugereister möchte ich mich etwas der hiesigen Kultur annähern. Also sage ich doch zu.

Der Teig, den Antje de Vries mitbringt, erinnert mich allerdings eher an die Linsensuppe meiner Oma. Ich bereue die Zusage umgehend. Wirklich attraktiv sehen die Teigflatschen in der Pfanne auch nicht aus. Aber Antje de Vries gibt sich so viel Mühe, mir alles zu erklären, dass ich doch probiere (ich esse am Ende sogar zwei Stück). Den Geschmack zu beschreiben, fällt mir schwer. Irgendwie leicht süß, aber nicht pappig. Gleichzeitig das deftige der Mettwurst und eine Konsistenz von richtig gutem Schwarzbrot. Am Ende bleibe ich irgendwie ratlos zurück.

In der Pfanne müssen die Speckendicken von unten garen, bevor man sie umdreht. Foto: Ortgies
In der Pfanne müssen die Speckendicken von unten garen, bevor man sie umdreht. Foto: Ortgies

Speckendicken sind spannend, aber so bald muss ich sie nicht wieder essen. Vielleicht ist es im kommenden Jahr wieder die Zeit, ein oder zwei zu essen und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Es ist weder so, dass ich Speckendicken nun liebe, aber ich finde sie auch nicht ekelig. Es ist irgendwas dazwischen. Dankbar bin ich auf jeden Fall dafür, dass mein erstes Erlebnis mit Speckendicken durch ein Familienrezept zustande kam. Ich könnte mir vorstellen, dass solche, in denen noch zusätzlich Speckwürfel oder gar Rosinen enthalten sind, für mich zu viel wären.

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