Hamburg/Esterwegen  Umweltskandal im Moor oder Klimawandel? Firma aus dem Emsland droht Ärger

Dirk Fisser, Tobias Boeckermann
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Von Dirk Fisser, Tobias Boeckermann
| 29.12.2022 10:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Torfabbaugebiet Esterweger Dose aus der Luft. Foto: Imago Images/imageBROKER/FarinaxGraßmann
Torfabbaugebiet Esterweger Dose aus der Luft. Foto: Imago Images/imageBROKER/FarinaxGraßmann
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Umweltskandal, ein Versehen oder Folge des Klimawandels? In Niedersachsen ist die Wiedervernässung einer großen Torfabbau-Fläche gefährdet. So sollte eigentlich der Ausstoß klimaschädlicher Gase aus dem trockengelegten Moor gestoppt werden. Wer hat Schuld daran? Eine Spurensuche im Emsland:

Torfabbau ist sehr schlecht fürs Klima. Und trotzdem ist er in Deutschland nach wie vor erlaubt. Behörden erteilen immer noch Genehmigungen. Vor allem in Niedersachsen graben sich Unternehmen durch trockengelegte Moorböden, um den Rohstoff abzubauen. Er eignet sich hervorragend als Pflanzendünger. Seine Gewinnung setzt aber auch Unmengen klimaschädlicher Gase frei und gefährdet dadurch Klimaziele.

Eine Bedingung: Die Abbau-Firmen müssen die Flächen später wiedervernässen und renaturieren. So soll der Ausstoß der Klimagase aus den alten Moorböden gestoppt werden. Das funktioniert aber nur, wenn eine gewisse Restschicht Torf im Boden verbleibt - ein halber Meter gilt als Untergrenze. Auf einer sehr großen Abbaufläche im niedersächsischen Niemandsland gibt es jetzt aber genau mit dieser Vorgabe Probleme.

Im Abbaugebiet „Esterweger Dose 1-4” im Grenzland zwischen den Landkreisen Emsland, Cloppenburg und Leer ist möglicherweise nicht mehr genug Torf vorhanden, um die Fläche wiederzuvernässen. Das bestätigt der zuständige Landkreis Emsland auf Anfrage unserer Redaktion.

Eine Sprecherin teilt mit: 2020 habe der Kreis den Torfabbau in der Region stillgelegt. Bei anschließenden Messungen habe sich der Verdacht der Behörde bestätigt, dass entsprechende Abbauhöhen bereits unterschritten gewesen sind.

Der Landkreis nennt Zahlen: Demnach fehlen auf der Fläche gut 19.800 Kubikmeter Torf. Umgerechnet entspricht das rund 283.000 handelsüblichen 70-Liter-Blumenerde-Säcken im Baumarkt.

Vertreter des örtlichen Naturschutzbundes (Nabu) sprechen von einer Katastrophe und einem Skandal. Sie hatten entsprechende Unterlagen des Landkreises gesichtet und kommen zu dem Schluss: Das Abbauunternehmen Klasmann-Deilmann hat in der Esterweger Dose schlichtweg zu viel Torf abgebaut.

Bei Klasmann-Deilmann, einer der großen Akteure in Europa in Sachen Torf, ist man sich aber keiner Schuld bewusst. Es sei nicht zu viel Torf abgebaut worden, betont ein Sprecher. Hintergrund der Probleme seien die trockenen Sommer der vergangenen Jahre - mithin der Klimawandel. Dadurch sei die sogenannte Torfzehrung beschleunigt worden. Dabei gelangt Sauerstoff an die trockengelegten Torfböden und beschleunigt dadurch deren Zersetzung. Der Torfboden schrumpft zusammen.

Dieser Effekt sei auch auf einer zweiten Abbaufläche innerhalb der Esterweger Dose eingetreten, teilt der Sprecher des Unternehmens mit Sitz in Geeste, Landkreis Emsland, mit. Deswegen sei auch hier der eigentlich noch bis 2029 genehmigte Abbau beendet worden.

Das Unternehmen betont: „Obgleich der trockene Sommer 2022 zu einer weiteren Schrumpfung der Torfauflage führte, ist die Wiedervernässung nicht gefährdet.” Der Prozess sei eingeleitet und werde fortgesetzt.

Der Landkreis Emsland hat daran aber offenbar noch Zweifel. „Wir befinden uns noch in der Beweisaufnahme”, heißt es aus dem Kreishaus in Meppen. Unter anderem werde überprüft, wie viel Torf als Deckschicht noch vorhanden ist. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass doch zu viel Torf abgegraben wurde, wäre das Verstoß gegen die Abbaugenehmigung und damit eine Ordnungswidrigkeit. Eine entsprechende Geldstrafe wäre dann fällig.

Bestätigt sich indes die Angabe von Klasmann-Deilmann, stellt sich die Frage nach den Konsequenzen für weitere Abbaugebiete in Niedersachsen. Auf Hunderten Hektaren wird Torf abgebaut, bei vielen Landkreisen liegen Anträge auf eine Ausweitung zur Genehmigung vor. Die jährliche Abbaumenge schwankt zwischen 6.500.000 und 7.000.000 Kubikmeter Torf.

Daran ändert sich auch unter der neuen rot-grünen Landesregierung erst einmal nichts. Zwar will das Land laut Koalitionsvertrag aus dem Torfabbau aussteigen. Ein konkretes Enddatum gibt es aber nicht.

Bedrohen trockene Sommer nicht überall die Wiedervernässung? Müssten nicht auch andernorts maximale Abbaumengen im Zweifelsfall schon überschritten sein? Das Umweltministerium in Hannover - die Oberste Naturschutzbehörde in Niedersachsen - kann darauf keine Antwort geben. Die Zuständigkeit liege bei den Landkreisen, heißt es aus Hannover.

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