Schönig kocht  Eintopf von der anderen Seite des Großen Meers

Jens Schönig
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Von Jens Schönig
| 28.12.2022 15:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit einem gelungenen Chili wird Weihnachten erst richtig festlich und eine Gasmangellage kein Thema mehr. Foto: Schönig
Mit einem gelungenen Chili wird Weihnachten erst richtig festlich und eine Gasmangellage kein Thema mehr. Foto: Schönig
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Ostfriesische Eintopfgerichte haben sich in Jens Schönigs Küche ja bereits bewährt. Mit dem heutigen Rezept startet ein lockerer Kulturaustausch rund um den Eintopf.

Wiesmoor - Die Idee, Fleisch, Gemüse und Sättigungsbeilagen in einen großen Topf zu werfen und für einen längeren Zeitraum der reinigenden beziehungsweise mürbemachenden Kraft des Feuers zu überlassen, zieht sich als eine der genialsten Ideen der Zivilisation durch die Kulturgeschichte aller Kontinente (mit Ausnahme der Antarktis vielleicht, von Pinguin-Eintopf à la Neumayer III habe ich zumindest noch nie gehört).

So genial einfach das Konzept ist, so ist es doch generationenübergreifend nicht unumstritten. Als Kind und Jugendlicher stand ich den in der Familie gängigen und überlieferten Eintöpfen (Erbsen, Steckrüben, Grünkohl etc.) noch nahezu durch die Bank kritisch gegenüber. Die geschmacklichen und vor allem arbeitspraktischen Vorteile erschlossen sich mir erst im Laufe meiner Studentenzeit, als die Nahrungszubereitung in meine eigene Verantwortung überging.

Nebelschwaden ziehen auf, als Fleisch und Gemüse im Topf vor sich hinschmoren. Foto: Schönig
Nebelschwaden ziehen auf, als Fleisch und Gemüse im Topf vor sich hinschmoren. Foto: Schönig

Ein Feuerchen zum Fest der Liebe

Hilfreich war dabei aber auch im wahrsten Sinne des Wortes der Blick über den Tellerrand, beziehungsweise in die Töpfe anderer Länder und Kulturen. Unter den Eintopfgerichten internationalen Ursprungs war Chili con Carne so ziemlich das erste, das meine ungeteilte Zustimmung fand. Dass Wikipedia es nicht als Eintopf, sondern als Ragout beschreibt, soll mich an dieser Stelle nicht irritieren. In unbeschwerten Studentenjahren und darüber hinaus wurde Chili zu einem meiner Lieblingsgerichte. Zumal auch kein anderes Gericht so kongenial als magenfüllende Basis für feucht-fröhliche Auseinandersetzungen meiner jungen Jahre herhalten konnte und zugleich meinen gesellschaftlichen Status innerhalb der mich umgebenden Bezugsgruppen festigte. Die Party wurde gut, wenn es dem Schönig sein Chili gab. In dieser Eigenschaft eignet sich das heutige Rezept auch hervorragend zum Abfüttern bevorstehender Silvesterparties.

Die Einfachheit der Zubereitung und die Tatsache, dass ich längere Zeit kein Chili mehr hatte, kam mir im Vorfeld zurückliegender Feiertage spontan wieder in den Sinn. Da ich über Weihnachten Dienst schob und demnach keinerlei Gäste erwartete, hielt sich meine Motivation zu aufwendigen, „festlichen“ Gerichten in diesem Jahr in Grenzen. Was lag da näher als ein ehrliches, bodenständiges Weihnachts-Chili? Zumal ich die meisten Zutaten (mal wieder) schon im Haus hatte: Bohnen, Mais und Tomaten harrten bereits in Dosen in meiner Prepper-Abstellkammer aus, Paprika- und Peperonischoten lagen im Kühlschrank und an dem Tag, an dem ich keine Zwiebeln im Haus habe, werde ich vermutlich direkt tot umfallen.

Es muss nicht immer Hackfleisch sein

Fehlte zuvörderst noch Fleisch. Und da habe ich im Laufe der Zeit meine eigene Variante entwickelt. Statt des für Chili gängigen Rinderhacks (oder halb und halb, ich habe sogar schon einmal Hackepeter vom Vortag im Chili recycelt) bevorzuge ich mittlerweile schieres Fleisch. Für das Weihnachts-Chili fiel meine Wahl auf Rinderrouladen aus der Keule.

Schnippelphase: Das Gemüse hat es schon hinter sich. Foto: Schönig
Schnippelphase: Das Gemüse hat es schon hinter sich. Foto: Schönig

Ich weiß, es wird langsam mal Zeit für die Zubereitung. Also: Die Rouladen habe ich zur besseren Handhabung fest aufgerollt und dann vom Rand herunter in feine Streifen geschnitten, etwa so breit wie die Roulade dick ist. Zwiebeln, Knoblauch, Paprikaschoten und Peperoni werden ebenfalls kleingeschnitten, Formen je nach persönlicher Vorliebe. Die Fleischstreifen briet ich scharf an, um die Röstaromen aus dem Proteingewebe zu locken. Kurz mitangeröstet wurde ein Esslöffel Tomatenmark (wie gut sich die Tomaten konzentrieren können, ist relativ egal). Ansatz wurde mit etwas Gemüsebrühe abgelöscht, dann kam das Gemüse hinzu und durfte mit der illustren Runde eine gute halbe Stunde vor sich hinschmoren. Dann kamen die restliche Gemüsebrühe sowie Bohnen, Tomaten und Mais dazu, die sich noch einmal für eine Viertelstunde im Topf durchwärmen konnten. Zum Würzen macht neben dem Pfeffer vor allem Rauchsalz eine gute Figur, normales Salz tut’s freilich auch. Nach Belieben eignen sich hier natürlich auch Paprika, Cayennepfeffer, Koriander, Kreuzkümmel und Zimt (oder ein guter Schuss Jack Daniels Tennessee Fire).

Dann kann die feurig-rote Pracht auch schon auf den Teller. Hat man sich beim Würzen etwas zu sicher gefühlt, hilft ein Klecks saure Sahne oder Crème fraîche als Löschschaum für den Kaminbrand in der Speiseröhre. Er macht sich außerdem optisch beim Servieren gut, ebenso wie etwas gehacktes Grünzeug wie etwa Petersilie oder Möhrengrün. In der Verfassung der USA gibt es vermutlich einen Zusatzartikel, der besagt, dass dazu Bier getrunken werden muss. Südstaatler werden versichern, dass das schon in der Bibel steht. Wer übrigens Chili im „Texas Style“ haben will, lässt die Bohnen und den Mais weg. Bohnen sind so ein Arizona-Ding, sagen die Texaner. In New Mexico wiederum kommen verschiedene frische Chilischoten zum Einsatz. Das macht das Gericht bunter, aber es gilt zu bedenken, dass man später auf dem Klo auf sich allein gestellt ist. Yeeehaaw!

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