Frauen in der Backstube  Es ist ein harter Job, aber er bringt sie immer zum Lächeln

Susanne Ullrich
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Von Susanne Ullrich
| 27.12.2022 15:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mit geschickten Handgriffen formen Bianca Edzards (links) und Ann-Kathrin Werb aus Teig Brote. Foto: Ullrich
Mit geschickten Handgriffen formen Bianca Edzards (links) und Ann-Kathrin Werb aus Teig Brote. Foto: Ullrich
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In der Backstube von Johann Hinrichs herrscht Gleichberechtigung. Mit Erfolg: Bianca Edzards wurde jüngst Kammersiegerin und Ann-Kathrin Werb ließ das erste Lehrjahr direkt links liegen.

Neuharlingersiel - Mit geschickten Handgriffen werden aus zwei unförmigen Klumpen Teig wohlgeformte Brote. Mit Bianca Edzards und Ann-Kathrin Werb sind in der Backstube Fachfrauen am Werk. In der Bäckerei von Johann Hinrichs ist das Normalität. Er und Astrid Baetke legen in ihrem Traditionsbetrieb am Neuharlingersieler Hafen Wert auf ein gutes Betriebsklima, moderne Technik zur Arbeitserleichterung – und Motivation. Letztere ist bei seinen weiblichen Azubis regelmäßig hervorragend, verrät der Chef. „Die Mädchen sind meist fixer als die Jungen.“ Und das für den Job notwendige technische Verständnis brächten die genauso mit.

Was und warum

Darum geht es: Frauen in der Backstube sind in der Neuharlingersieler Bäckerei Hinrichs längst keine Ausnahme mehr. Zuletzt wurde hier eine Kammersiegerin ausgebildet.

Vor allem interessant für: alle, die mit Genuss Brot und Brötchen essen

Deshalb berichten wir: Viele Männerberufe sind längst deutlich weiblicher als früher. Und doch hat das Handwerk Nachwuchssorgen.

Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de

Seit gut 20 Jahren bilde er Frauen aus, überschlägt der Bäckermeister im Gespräch mit dieser Zeitung. Seither werde das Handwerk weiblicher. „Früher wurde alles in 50-Kilo-Säcken geliefert“, erinnert er sich. Mehl, Zucker, sämtliche Zutaten. Wer backen wollte, musste erst schwer schleppen. Allein dieser Umstand habe Backen zur Männersache gemacht. Vor zwei Jahrzehnten etwa wurden die Säcke kleiner, rückenschonender und letztendlich auch frauenkompatibler. In Ostfriesland starteten dieses Jahr elf neue Bäckerazubis in die Ausbildung, darunter drei weibliche. Das teilt die Handwerkskammer für Ostfriesland in Aurich auf Nachfrage mit. Im Vorjahr wurden von 13 Lehrverträgen fünf von jungen Frauen unterschrieben. Die Anzahl der Frauen ging damit leicht zurück gegenüber 2016 (sechs) und 2017 (sieben). Allerdings ging auch die Anzahl der Auszubildenden insgesamt zurück: 2016 waren es noch 16 Berufseinsteiger, 2017 ergriffen 18 das Bäckerhandwerk. Bianca Edzards aus Groß Holum hat ihre Ausbildung in diesem Jahr mit Bravour abgeschlossen. Die 20-Jährige wurde Kammersiegerin der hiesigen Handwerkskammer. Vor einem Jahr war sie als „Lehrling des Monats“ bereits die Beste von insgesamt 32 Auszubildenden im Bäckerhandwerk in Ostfriesland.

Begeisterung für Lebensmittel

„Ich bin begeistert“, sagt der Chef angesichts seines ambitionierten Nachwuchses. Heute überhaupt Auszubildende zu finden, ist nicht leicht. In Hinrichs‘ Backstube ist noch Platz, eigentlich für einen Lehrling pro Ausbildungsjahr. Immer weniger junge Menschen können sich fürs Handwerk begeistern: Die Zahlen gehen sukzessive zurück. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks meldete für das Jahr 2014 noch mehr als 20.500 Auszubildende. 2021 waren es nur noch rund 12.250. Neue Bäckereifachverkäuferinnen auszubilden, ist Hinrichs zufolge fast unmöglich. Ohne viel Eigeninitiative, Kontakte und dazu ein Quäntchen Glück geht es längst nicht mehr: Seit vier Jahren führt das Arbeitsamt den Traditionsbetrieb, resümiert Baetke. Geschickt habe es in der Zeit nicht einen Bewerber. Auch dem Horster Bäcker Stefan Meyer konnte es kein Personal für seine Backstube vermitteln. Alle Anstrengungen vom vorherigen Obermeister der Bäcker-Innung für Ostfriesland und seiner Frau Heike, Leute für die Arbeit in der Backstube zu gewinnen, liefen ins Leere. Sie zogen die Notbremse, schlossen ihren Betrieb.

Bianca Edzards stellt die niedrigen Temperaturen ein, bei der Brötchen vor dem Backen gelagert werden. Dank dieser Technik beginnt der Arbeitstag bei Hinrichs deutlich später als in vielen anderen Bäckereien. Foto: Ullrich
Bianca Edzards stellt die niedrigen Temperaturen ein, bei der Brötchen vor dem Backen gelagert werden. Dank dieser Technik beginnt der Arbeitstag bei Hinrichs deutlich später als in vielen anderen Bäckereien. Foto: Ullrich

Bianca Edzards bleibt Johann Hinrichs nun sogar als fester Teil seines Teams erhalten. Auch, wegen des guten Betriebsklimas, sagt sie. Ihr Chef ist überzeugt von seinem täglich Brot: „Ich finde, es ist einer der schönsten Berufe.“ Seine Begeisterung für den Umgang mit Lebensmitteln ist ansteckend. Spaß habe Bianca Edzards immer, versichert sie. Auch Ann-Kathrin Werb steht stets mit einem Lächeln in der Backstube. Beide genießen die kreativen Freiheiten, die ihnen ihr Chef lässt: „Jugend forscht“ nenne der es, wenn sie Zutaten neu mischen und unbekannte Rezepte ausprobieren, verrät Edzards mit einem Lachen. Sie ist wissbegierig und strebt einen Meistertitel an. Auch eine zweite Ausbildung zur Konditorin reize sie.

Auf Umwegen in die Backstube

Dabei hatte sie sich ursprünglich in einem ganz anderen Beruf gesehen. Bei einem Praktikum im Büro war dann aber schnell klar: „Das war gar nichts für mich.“ Ganz anders in der Neuharlingersieler Bäckerei. Das Praktikum dort brachte den Aha-Effekt. Werb ging es ganz ähnlich. Ihr Tipp für Interessierte: „Ausprobieren!“ Im Betrieb merke man schnell, ob es passt, so Edzards. Heute könne sie sich nichts anderes als die Arbeit mit Teig vorstellen. Selbst den Arbeitszeiten von in der Urlaubssaison meist 4.30 Uhr bis mittags kann sie etwas Positives abgewinnen: „Da hat man noch was vom Tag.“

Die Bedienung des großen Backofens gehört für Ann-Kathrin Werb zum Arbeitsalltag. Foto: Ullrich
Die Bedienung des großen Backofens gehört für Ann-Kathrin Werb zum Arbeitsalltag. Foto: Ullrich

Auch Ann-Kathrin Werb kam ursprünglich nicht mit dem Wunsch nach Neuharlingersiel, Bäckerin zu werden. Sie wollte nach der Schule lediglich „was Kreatives“ machen, sich ausprobieren. Ein Freiwilliges Soziales Jahr hatte die 21-Jährige von Frankfurt am Main nach Wittmund verschlagen. Als sie anschließend zurückging, vermisste sie Ostfriesland. Kurzentschlossen kam sie zurück. Bei Hinrichs am Hafen fragte sie dann nach einem Praktikums-, und bekam einen Ausbildungsplatz. In der Berufsschule winkte man sie direkt ins zweite Lehrjahr durch. Ein Spaziergang ist Backen dennoch nicht, unterstreicht Werb: „Es ist ein harter Job. Wenn es einem nicht genug zurückgibt, macht man das nicht auf Dauer.“ Anders als Edzards plant sie nicht langfristig in Neuharlingersiel zu verweilen. Sie will Konditorin werden, vielleicht auf Walz gehen. Baetke bedauert das, weiß aber auch: „Die jungen Leuten muss man ziehen lassen.“

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