Bäume müssen weg  Kahlschlag auch in Ihlow – Anwohner sind irritiert

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 27.12.2022 07:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die beiden Bilder zeigen, wie sehr sich die Landschaft durch die Baumfällaktion (nachher: rechts) verändert hat. Foto: Krüsmann
Die beiden Bilder zeigen, wie sehr sich die Landschaft durch die Baumfällaktion (nachher: rechts) verändert hat. Foto: Krüsmann
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Nicht nur am Großen Meer in Südbrookmerland fallen die Bäume, auch drum herum wird großflächig abgeholzt. Die Menschen sind irritiert. Was genau steckt dahinter?

Ihlow/Südbrookmerland - Erst wurden am Kanal rund um das große Meer die Bäume und Sträucher gerodet und riefen die Bürger auf den Plan. Anfang Dezember stellte Arne Krüsmann dann auch in Ihlow am weit entfernten Meedemoorweg fest, dass hier Ähnliches passiert war. Den Weg, auf dem er bisher mit seinen Hunden spazieren ging, hätte er beinahe nicht mehr wiedererkannt. Dort fehlten nicht nur die Weidenbäume und Erlen, die sich im Straßengraben angesiedelt hatten, sondern auch die Birken am Straßenrand waren verschwunden.

Was und warum

Darum geht es: Es bleibt nicht bei der Abholzung rund ums Große Meer in Südbookmerland, Bäume fallen auch großflächig in Ihlow. Ein schwer zu ertragender Wandel für viele Gäste und Anwohner.

Vor allem interessant für: alle, die sich wundern, warum sich die Landschaft um das Große Meer großflächig gerade stark verändert

Deshalb berichten wir: Leser waren geschockt von den aktuellen Maßnahmen und fragten in der Redaktion an, ob es dort mit rechten Dingen zugeht.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Schutz vor einer steifen Winterbrise ist hier jetzt nicht mehr zu erwarten. So richtig idyllisch sieht es auch nicht mehr aus, findet Krüsmann. „Ich werde hier sicherlich nicht mehr spazieren gehen und muss für mich und die Hunde eine andere Strecke suchen“, sagt er und stellt sich die Frage: „Das soll jetzt wirklich gut für den Naturschutz sein?“. In den Bäumen hätte schließlich der Wiedehopf gesessen, ein ebenfalls schützenswerter Vogel. Und was wohl der Seeadler dazu sagt, der in dem Wäldchen wohnt, das jetzt die einzig verbliebene Baumansammlung weit und breit ist.

Alles für die Wiesenbrüter

Der Landkreis Aurich und der Naturschutzbund (Nabu) hatten zu den Maßnahmen am Großen Meer bereits erklärt, dass die Bäume für die Bodenbrüter in diesem Schutzgebiet eine Gefahr darstellen. Denn Greifvögel nutzen sie als Ansitz und stoßen von hier aus auf die schutzlos am Boden kauernde und laufende flauschige Kinderschar von Kiebitz, Uferschnepfe, Brachvogel und Co. hinab. Zwar ist der Wiesenbrüter-Nachwuchs durch sein getupftes Federkleid beinahe unsichtbar, aber eben nur solange er still an einer Stelle kauert.

Ein Kiebitz mit Nachwuchs: Die Tiere haben sich auf Lebensräume spezialisiert, die durch die Veränderungen der Landschaft und intensive Nutzung gefährdet sind. Foto: DPA
Ein Kiebitz mit Nachwuchs: Die Tiere haben sich auf Lebensräume spezialisiert, die durch die Veränderungen der Landschaft und intensive Nutzung gefährdet sind. Foto: DPA

Als Nestflüchter erkunden die Kleinen aber früh die Umgebung. Auch andere Raubtiere nutzen den Schutz der Bäume, um sich an die noch flugunfähigen Jungvögel und die Gelege heranzuschleichen. Dazu gehören Marder, Fuchs, Katzen und andere Tiere, die nicht nur die Jungvögel, sondern auch die Eier essen.

Wer fällt die Bäume in Ihlow?

Aber: War es an dieser Stelle überhaupt der Landkreis, der die Bäume in Sinne des Naturschutzes entfernen ließ? Schließlich ist das Große Meer weit weg. Landkreis-Pressesprecher Rainer Müller-Gummels bestätigt: „Die Maßnahme fand im Auftrag des Landkreises Aurich statt und ist Bestandteil des Projekts ‚Managementmaßnahmen für den Wiesenvogelschutz in V09 „Ostfriesische Meere“ – Gehölzmanagement und Prädationsschutz‘“. Dieses Vogelschutzgebiet erstreckt sich weit über das Große Meer hinaus – im Osten bis an die Ortschaft Westerende Holzloog und umfasst eben auch den Meedemoorweg.

Die Uferschnepfe ist bei der Wahl ihrer Brutgebiete wählerisch und sie ist selten. Deshalb ist sie eine wichtige Zielart bei Bodenbrüterschutz. Foto: Böning
Die Uferschnepfe ist bei der Wahl ihrer Brutgebiete wählerisch und sie ist selten. Deshalb ist sie eine wichtige Zielart bei Bodenbrüterschutz. Foto: Böning

An der Fällaktion führt kein Weg vorbei. Dass hier eine solche Reinigung durchgeführt werden muss, leitet sich laut Müller-Gummels aus dem Managementplan für das Vogelschutzgebiet und dem Schutzzweck der Verordnung für das Landschaftsschutz „Ostfriesische Meere“ (LSG AUR 32) ab. Würde der Landkreis Aurich die darin selbst gesteckten Ziele nicht verfolgen, drohen Strafzahlungen. Denn bei der Ausweisung des Schutzgebietes wurde verbindlich festgelegt, dass die ursprünglich offene Meedelandschaft (Wiesenlandschaft) wiederhergestellt werden soll. Eben zum Schutz der Wiesenvögel.

Der Kreistag hat dafür gestimmt

Das Vorgehen haben die Mitglieder des Kreistags damals abgesegnet. Dafür, dass hier die Bäume zum Schutz der Bodenbrüter verschwinden, fließt auch Fördergeld des Landes Niedersachsen und der Europäischen Union über das Programm „Erhalt und Entwicklung von Lebensräumen und Arten“ (EELA). Andere Arten müssen sich dem festgelegten Schutzzweck unterordnen. Der Wiedehopf gehört zum Beispiel nicht zu den Zielarten des Gebiets. Allerdings wurde laut Landkreis vorher geprüft, ob andere schutzbedürftige Arten von der Abholzaktion betroffen sind.

„Einige Fledermausarten nutzen zum Beispiel linienhafte Strukturen wie Hecken als Flugrouten und flächige Gehölzstrukturen als Jagdhabitat“, so Müller-Gummels. Wo diese Fledermäuse jagen und unterkommen, dürfen die Bäume bleiben. Auch der Brutplatz des Seeadlers ist der Unteren Naturschutzbehörde bekannt. Deshalb bleibt das Wäldchen aus artenschutzrechtlichen Gründen stehen. Das steht sogar bereits im Managementplan für das Vogelschutzgebiet V09 „Ostfriesische Meere“. Allerdings sind solche Fälle eher die Ausnahme.

Nur mit den Landwirten wird die Aktion ein Erfolg

Werden sich Vögel wie die Uferschnepfe nach dem Kahlschlag im gesamten Schutzgebiet ausbreiten, auch wenn diese Flächen noch immer landwirtschaftlich intensiv genutzt werden? Laut der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises ja: Die erwartet zukünftig mehr Brutpaare der Zielarten, sogar auf den intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Der Erfolg hätte sich auf Intensivgrünland in anderen Bereichen des Gebiets bereits gezeigt. Besonders, wenn sich die Landwirte an Projekten wie dem Küken- und Gelegeschutz beteiligen. Dann werden die Gelege vor der Mahd oder Bearbeitung abgesteckt und diese Bereiche umfahren. Dafür bekommen die Landwirte eine Entschädigung.

Wie die jetzt hergestellte offene Meedelandschaft erhalten werden sollen, legt der Landkreis aktuell in einem Managementkonzept fest. Je nach Bedingungen soll es unterschiedliche Lösungen geben. Denkbar wäre laut Landkreis eine landwirtschaftliche Nutzung, mit oder ohne Weidehaltung, der Schilfschnitt könnte wieder eingeführt werden, Blühstreifen und Ähnliches angelegt und dauerhaft gepflegt werden. Was auch immer hier passieren wird, soll in enger Absprache mit den Flächeneigentümern erfolgen. Die Landschaft in diesem fast 6000 Hektar großem Vogelschutzgebiet offenzuhalten, ist für den Landkreis eine Daueraufgabe. Sie wurde in den letzten 50 Jahren nicht erfüllt. Die Zuständigen müssen jetzt am Ball bleiben, damit es in 50 Jahren nicht wieder einen großen Aufschrei in der Bevölkerung gibt.

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