Neue Arbeitsmodelle  Bankmitarbeiter packen sich freiwillig ihre Tage voller

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 25.12.2022 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Von nun an ist der Vorstandschef Johann Kramer (von links) für die Auszubildenden Beatrice Babova und Jule Götz nicht mehr „Herr Kramer“ sondern „Johann“. Auch umgekehrt wird nicht mehr gesiezt. Foto: Cordsen
Von nun an ist der Vorstandschef Johann Kramer (von links) für die Auszubildenden Beatrice Babova und Jule Götz nicht mehr „Herr Kramer“ sondern „Johann“. Auch umgekehrt wird nicht mehr gesiezt. Foto: Cordsen
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Die Chefs der RVB Aurich haben allen Mitarbeitern das Du und Vollzeitkräften eine Vier-Tage-Woche angeboten. Prinzip: Gleiche Leistung, aber mehr Freizeit. Wie kommt das an?

Aurich - Vor noch gar nicht so langer Zeit gehörte eine Banklehre zu den besonders gefragten und angesehenen Ausbildungen. „Die Bank war der Inbegriff des Seriösen, wer dort genommen wurde, hatte schonmal was geschafft, sich im Zweifel gegen reihenweise Bewerber durchgesetzt. Das war wirklich etwas Besonderes, und Bankkaufmann war der kaufmännische Beruf schlechthin“, sagt Johann Kramer, Vorstandschef der RVB Aurich. Aus seiner Sicht hat sich an der Qualität der Ausbildung auch nichts geändert. Doch die Digitalisierung hat Berufsbilder verändert, viele Dienstleistungen werden verstärkt online abgefragt, Filialen geschlossen, Stellen im Sparzwang gestrichen. Und so hat der Wandel offenbar auch Kratzer im Lack hinterlassen, wenn es um die Attraktivität von Banken geht.

„Wir bekommen immer noch gute Leute, aber es wird herausfordernder“, sagt Kramer. „Wir müssen uns mehr strecken. Und während wir früher 70, 80 Bewerber auf zwei Stellen hatten, sind es jetzt schon spürbar weniger. Und man merkt, die jungen Leute haben andere Prioritäten, da sind Flexibilität und Zeit etwa Werte die deutlich höher stehen als früher.“

Ziel: Gleiche Leistung in weniger Arbeits- und mehr Freizeit

Eben darauf reagiert die Bank – und wagt Neues. Ab Januar werden 44 der Mitarbeiter – gut ein Viertel aller Beschäftigten – zunächst testweise für ein Jahr von Vollzeit in eine Vier-Tage-Woche wechseln. „Sie ist aber mit einem Anreiz für beide Seiten versehen“, sagt Kramer. „Die Mitarbeiter bekommen einen Tag pro Woche frei, arbeiten fortan nur noch 33 statt 39 Wochenstunden, sie bekommen aber 36 bezahlt. Zugleich soll dies aber zu einer Effizienzsteigerung führen: Das Ziel und auch die Erwartung ist, dass die Kollegen sich so organisieren, dass sie in der verkürzten Zeit aber trotzdem dieselbe Arbeit schaffen, die sie vorher in 39 Stunden erledigt haben“, sagt Kramer. „Damit ist die Frage für jeden verbunden: Wie kann ich mich noch besser strukturieren?“

Das Modell hat – vorausgesetzt, die Idee klappt wie gedacht – auch klare Vorteile für die Bank selbst: Denn dann schafft sie Anreize, die die Mitarbeitenden motivieren, ihnen mehr Freizeit ermöglichen, zugleich aber auch deren Tage etwas dichter packen und die Personalkosten für die Kollegen um etwa acht Prozent senken helfen, bei der gleichen Leistung. „Wir haben im September allen Vollzeitkräften angeboten, dies Vier-Tage-Modell anzunehmen. Und ich war skeptisch, dass viele den Schritt wirklich gehen, habe gedacht: Vielleicht machen es zehn. Gerade angesichts steigender Kosten hätte ich eher mit verhaltenen Reaktionen gerechnet.“ Die Idee entstand, nachdem im Frühjahr bekannt wurde, dass das Auricher Einrichtungshaus Rudnick Mitarbeitern eine Vier-Tage-Woche anbietet. „Da haben wir schon überlegt, ob und wie sowas auch für uns passen kann – und wenig später kam unsere Ausbildungsleiterin Heike Janßen und fragte, welche Perspektiven sie insbesondere jungen Mitarbeitern bieten kann“, sagt Kramer. „Das hat einiges bei uns ins Rollen gebracht.“ Und der Druck zu punkten ist da.

Personaldruck in der Branche ist hoch

Wie groß der Personalmangel branchenweit ist, zeigt eine exklusive Erhebung der Personalmarktforschung Index für das „Handelsblatt“: Demnach hatten die Banken in ganz Deutschland im ersten Halbjahr dieses Jahres 81 Prozent mehr unbesetzte, offene Stellen ausgeschrieben als im Vorjahreszeitraum. Gut 65.000 waren es bundesweit. „Der Wettbewerb um gute Leute hat sich spürbar verschärft“, sagt Kramer. Laut einer Erhebung der Strategie- und Managementberatung ZEB wird bis 2030 rund ein Drittel der heute noch in Banken Beschäftigten in Rente gehen, der Altersschnitt liegt bei 47 Jahren. Zugleich steige der Anteil derjenigen, die sich mehrfach beruflich umorientieren: „Zwischen 2018 und 2021 ist die Zahl der Mitarbeitenden, die aktiv einen Job suchten, von 4 auf rund 14 Prozent gestiegen“, heißt es von ZEB. Auch bei der RVB war das spürbar. „Früher war es oft so: Die Leute haben ihre Lehre gemacht und sind geblieben. Haben sich vielleicht noch weitergebildet, sind aufgestiegen. Aber gefühlt hatte man einen Haken dran: Die bleiben für immer“, sagt Kramer. „Aber das hat sich gedreht, und wir haben durchaus tolle, junge Kollegen, die sich nochmal neu orientieren wollen, studieren gehen, vielleicht was ganz Anderes ausprobieren möchten.“ Eben diese jungen, dynamischen, gut ausgebildeten Kollegen würde Kramer schon am liebsten komplett halten. Und hofft gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen André Kasten und Mario Baumert, mit den neuen Impulsen auch Anreize zum Bleiben zu setzen. „Wichtig ist uns, hier keinen Marketing-Gag zu veranstalten, sondern etwas zu entwickeln, das gewünscht ist, das gelebt wird, das etwas bringt und allen Seiten nützt“, sagt Kramer.

Auf der anderen Seite des Marktplatzes, bei der Sparkasse Aurich-Norden, hat es einen Generalvorstoß mit einem solchen Vier-Tage-Angebot an alle Vollzeitkräfte bisher nicht gegeben. Doch betont auch das Kreditinstitut, man lege Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Daher bestehen seit Jahren etablierte Gleitzeitregelungen und Teilzeitvereinbarungen. Auch Führungspositionen werden bei Bedarf in Teilzeit besetzt“, heißt es. „Eine weitere Veränderung der Arbeitszeitmodelle ist aktuell nicht geplant, auch wenn wir den Bedarf weiter beobachten werden.“

Skandinavien macht es vor

Auf Interesse stieß das neue Modell: 70 Beschäftigte ließen sich Muster-Gehaltsabrechnungen für die Vier-Tage-Woche geben, um zu prüfen, welche Einbußen sie erwarten. 48 Mitarbeiter bewarben sich konkret. „In vier Fällen haben wir es am Ende doch abgelehnt, weil es Kollegen in der telefonischen Beratung sind. Da sind Effizienzsteigerungen, auf die wir ja auch hoffen, schlicht nicht möglich, weil schneller telefonieren ist nicht das Ziel, und steuern, wer wann anruft, kann man auch nicht“, sagt Kramer. „Diese Kollegen können aber natürlich, wenn sie wollen, trotzdem um einen Tag verkürzen, nur eben zu den üblichen Konditionen.“

Die Idee fußt auf Studien aus Skandinavien, die ergeben haben, dass mehr Freizeit die Menschen zufriedener macht, sie aber auch ausgeruhter sind und dadurch effektiver und produktiver. In Leer etwa geht der Friseur „Profi-Team“ auch diesen Weg und öffnet samstags nicht mehr, dafür in der Woche länger – um den Mitarbeiterinnen mehr Wochenende und Freizeitausgleich zu ermöglichen, sagt Chefin Stephanie Schüler. Auch in der Gastronomie setzen Betriebe allmählich auf neue Schichtmodelle, führen zur Mitarbeiterbindung zusätzliche Schließtage ein.

Auf Du und Du mit dem Bankchef

Auch an einer weiteren Stelle hat die RVB Aurich, die zuvor schon für Aufsehen sorgte, weil sie die Krawattenpflicht aufhob und mit Janina Goltz absehbar die erste weibliche stellvertretende Vorständin bekommt, alte Schlipse abgeschnitten: „Wir wollen auch in der Kommunikation mehr Augenhöhe. Deshalb haben wir entschieden, das traditionelle Siezen, gerade gegenüber Führungskräften, sein zu lassen – und haben auf der Weihnachtsfeier allen geschlossen das Du angeboten. Das gilt vom Azubi bis zum Vorstandschef“, sagt Kramer. „Dabei geht es auch um Wertschätzung und Gleichbehandlung, denn auch in der Vergangenheit haben sich ja immer wieder Situationen ergeben, in denen man sich mit bestimmten Kollegen aufs Du verständigt. Wir nehmen als Bank auch an Matsch-Läufen teil. Da wäre es absurd, wenn eine Kollegin fragte: ,Soll ich Ihnen helfen, Herr Kramer?‘“, sagt der RVB-Chef. „Wir wollen hier keine Kumpelei von oben verordnen, das funktioniert nicht. Aber wir wollen eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Es gab da durchaus auch Skeptiker – auch unter den jüngeren Kollegen, aber bislang ist das Feedback durchweg positiv.“

Auszubildende findet den Schritt gut

„Man muss das schon erstmal über die Lippen bringen, die ersten Male sind schon seltsam“, sagt Vorstandsassistentin Jessica Stock, selbst Mitte 20. „Aber es verändert das Miteinander positiv, macht den Umgang miteinander weniger steif, unverkrampfter.“ Auch die Auszubildende Beatrice Babova sagt: „Ich musste mich schon dran gewöhnen. Man hat ja auch Respekt. Aber das ändert sich ja nicht. Und es entspannt vieles, macht die Atmosphäre lockerer, und das ist schön. Bei Kollegen, bei denen man manchmal nicht genau wusste, wie man sich nun anreden soll, duzen oder siezen? Da verhindert es Fettnäpfchen. Ich finde den Schritt gut.“

Bei der Sparkasse Aurich-Norden mischen sich Du und Sie weiterhin: „Ich bin der Meinung, dass ein respektvoller Umgang miteinander sowohl mit der Du-Anrede als auch mit dem Sie möglich ist“, sagt Vorstandschef Oliver Löseke. „Wir setzen auf die Freiwilligkeit der Mitarbeitenden und lassen jede und jeden selbst entscheiden, mit wem er oder sie welche Anrede pflegt. Es wird immer Menschen geben, mit denen ich mich gerne duze und Menschen, mit denen ich – aus welchen Gründen auch immer – lieber beim Sie bleibe. Das Recht gestehe ich auch unseren Mitarbeitenden zu.“

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