Hamburg Wir haben mit dem schönsten Rapper Österreichs über Musik zum „dumm gehen“ gesprochen
Er hat 2022 ein Album rausgebracht, das 2020 hätte erscheinen sollen: Yugo, früher als Judo Ürgens bekannt, erklärt, warum er sich manchmal für seine Mutter schämt und Fans auf Konzerten den Kopf rasiert.
In diesem Artikel erfährst Du:
Treue Fans kennen Yugo noch als „Jugo Ürdens“, seine Familie kennt ihn als „Aleksandar Simonovski“. Der 26-Jährige ist ein österreichischer Rapper mazedonisch-serbischer Abstammung. In seinen Songs kommen weder Waffen noch Gewalt und Drogen vor. Stattdessen thematisiert Yugo seine Herkunft, Sorgen, aber auch sein hübsches Gesicht – letzteres stets ironisch.
Im November dieses Jahres veröffentlichte er nach einer kleinen Pause wieder neue Musik: „Das Album, das schon 2020 erscheinen sollte“. Yugo erzählt im Interview, wie es zu diesem Namen kam, wie er zu seiner Mama steht und wer hinter seinem Song „Milan“ steckt.
Hier siehst Du das Musikvideo zu „Nicht von hier“ von Yugo:
Frage: Du giltst als schönster Rapper Österreichs, sogar als schönster Mann Wiens. Was ist schön an Dir?
Antwort: Das hat sich damals bei meinem Song „Diesdas“ ergeben. Ich habe einen Reim gesucht auf „Irgendwo zwischen Akademiker und Gastarbeiter, zwischen Horo Tanzen und Après-Ski“. Da hat sich „schönster Mann in Wien“ angeboten und ich dachte: Ja, das passt. Dann wurde das von der österreichischen Presse aufgenommen und ist irgendwie an mir haften geblieben.
Frage: In einem Song Deines neuen Albums beschreibst Du Dich aber selbst, nicht die Presse, als „Pretty Motherfucker“.
Antwort: ASAP-Rocky hat der schwedischen Polizei erzählt, dass sein Spitzname „Pretty Motherfucker“ sei. Das fand ich lustig. Dann bin ich in das Studio und habe zu meinem Producer gesagt „Lass uns bitte einen Song machen. So einen richtig dummen“. Ich spiele gerne mit der Bezeichnung „schönster Mann Wiens“ und übertreibe diese Rolle ab und an. Deswegen habe ich das eingebaut.
Frage: Du hast ein Mama-Tattoo auf dem Arm, von wem ist das?
Antwort: Das habe ich gezeichnet, komplett besoffen auf meine Notizen um drei Uhr morgens.
Hier siehst Du das Tattoo von Yugo:
Frage: Wie würdest Du die Beziehung zu Deiner Mama beschreiben?
Antwort: Sie ist schon die mitunter wichtigste Person. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis.
Frage: Deine Familie kommt sehr häufig in Deiner Musik vor. In „Nicht von hier“ zielst Du auf das „Nicht-Zugehörigkeit-Gefühl“ ab. Es heißt: „Ich schäme mich im Restaurant für meinen Vater. Ich schäme mich im Magistrat für meine Mama. Denn man merkt ihnen an, sie sind nicht von hier.“ Wie reagieren sie darauf?
Antwort: Es war am Anfang schwierig, meiner Mama den Song zu zeigen. So ganz aus dem Kontext heraus wirkt es schon sehr böse. Nachdem ich es ihr aber erklärt habe, hat sie es voll verstanden. Vielleicht haben meine Familie und Bekannte ein bisschen Pech, dass ich mein Leben in meine Musik komplett einfließen lasse? Wenn andere Leute so etwas hören, dann nehme ich ihnen schließlich ein bisschen die Privatsphäre. Ich finde es aber wichtig, und bei diesem Song ganz besonders, das möglichst gut und ehrlich zu beschreiben und kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Hier siehst Du Yugo und seine Mama:
Frage: In Deinem Song „Milan“ beschreibst Du, wie Du von einem Familienangehörigen Abschied nimmst und trauerst. Wer ist Milan?
Antwort: Das war mein Cousin ersten Grades. Er war Anfang 20 als er sich das Leben nahm, hat in Amerika studiert, musste wegen Corona aber zurück nach Skopje (Anm. d. Red.: Hauptstadt von Nordmazedonien). Wir hatten früher ganz viel Kontakt, dann ist das ein bisschen auseinandergegangen – trotzdem haben wir immer voneinander gehört.
Antwort: Als ich von seinem Tod erfahren haben, konnte ich wegen der Pandemie nicht direkt von Österreich nach Skopje fliegen. Deswegen war ich nicht beim Begräbnis mit dabei, sondern erst bei der Trauerfeier – die findet bei uns eine Woche später statt.
Antwort: Was soll ich einer Mutter sagen, die gerade ihren Sohn verloren hat? Auf die Schulter klopfen und trösten: „Das wird schon“? Nein, das wird es nicht. Dieses Gefühl verfolgt Dich ein Leben lang und wird für immer da sein.
Frage: Ich wüsste nicht, ob ich als Künstler so einen persönlichen Song mit der Öffentlichkeit teilen würde.
Antwort: Ich habe ganz lange gebraucht, um diesen Song zu schreiben. Zuerst habe ich angefangen, den Beat zu bauen und erst dann kam die Idee von „Milan“. Das war super schwierig und sehr emotional für mich – aber ich habe mir nie die Frage gestellt, ob der Song zu persönlich ist, oder ob den irgendwer nicht gut findet. Ich musste das einfach machen, für meinen Seelenfrieden.
Hier kannst Du den Song „Milan“ von Yugo hören:
Frage: Kann man so eine Entscheidung, sein Leben zu beenden, denn nachvollziehen?
Antwort: Ich möchte das Ganze nicht instrumentalisieren. Wir haben aber überlegt, mit dem Song auf das Thema und Präventivberatung aufmerksam zu machen. Schließlich kann das jeden treffen. Bei mir persönlich waren nie Suizid-Gedanken dabei, aber es gab depressive Phasen. Die waren so schlimm, dass ich schon gedacht habe: „Ich glaube, ich kann Dich verstehen. Irgendwann ist es genug“. „Wie kannst Du so etwas machen“, das war nicht mehr die Frage, sondern „okay, Fakt ist, es ging halt nicht anders“.
Frage: Warum ist es wichtig, dass man solche Themen, Depressionen und Suizid, offen anspricht?
Antwort: Im Balkan ist das noch ein viel größeres Tabuthema als hier in Österreich oder Deutschland. Darüber spricht man nicht. In der katholisch-orthodoxen Kirche kommt kein Geistlicher zur Beerdigung, weil man Suizid als Sünde bezeichnet. Der Gedanke dahinter ist: Gott schenkt Dir das Leben und Du darfst das sozusagen nicht wegwerfen. Wie ist das möglich? Ich bin nicht religiös, finde es wichtig, darüber zu sprechen.
Frage: Ich habe bei der Vorbereitung auf dieses Interview gemerkt, dass ich kaum etwas über die Kultur und die Geschichte Deiner Heimat weiß. Musst Du den Leuten häufiger erklären, woher Du kommst?
Antwort: Nein, gar nicht. Weil ich weiß bin, blaue Augen habe und Deutsch sprechen kann, wird meine Herkunft nie zum Thema. In letzter Zeit habe ich aber viele Kommentare unter meinen Videos und Beiträgen gelesen, die mir alle dasselbe vorwerfen: Ich bediene mich an einer Kultur, zu der ich gar nicht gehöre. Da hatte ich ein bisschen Aufklärungsbedarf. Sonst fragt man mich nie, woher ich komme. Ich halte die Fahne eher hoch.
Frage: Apropos Heimat und Yugo: Was für Gemeinsamkeiten hast Du mit dem Kleinwagen, des ehemals jugoslawischen und später serbischen Automobilherstellers Zastava?
Antwort: Er funktioniert.
Funktioniert und sieht dabei gut aus: Yugo als Modell für das Fashion Magazine „L‘Officiel Austria“:
Frage: Du hast auf Instagram über Dein Album geschrieben:“Es ist ein durchmischtes Album mit sehr viel sehr persönlichen Songs, die lange in mir geschlummert haben, aber auch Musik zum dumm gehen kommt nicht zu kurz”. Was ist Musik zum dumm gehen?
Antwort: Pretty Mother Fucker, Eau de Toilette, Kid Cudi: Das ist Musik, die macht eher Spaß. Da geht es um nix.
Frage: Warum ist das Album denn so durchmischt? Ich habe das Gefühl, Du weißt manchmal selbst nicht ganz, wo Du hinwillst.
Antwort: Dabei hatte ich eigentlich einen ganz klaren Plan. Mit „Raus“ angefangen, mit dem letzten Song „Nicht von hier“ aufhören. Ich finde, da ist ein roter Faden. Dazwischen kamen andere Songs. Songs, auf die ich einfach Lust hatte. Vielleicht hat das Album jetzt eher einen Mix-Tape-Charakter. Aber ich hatte einfach den Drang, mir die persönlichen Sachen von der Seele zu reden. Mir war dieser Gedanke „Fuck, das passt ja gar nicht so zusammen“ immer ein Dorn im Auge. Dieses Mal dachte ich aber: egal, wir machen das trotzdem.
Frage: Gab es denn bei dem Namen des Albums Ärger?
Antwort: Das Album hätte ursprünglich „Raus“ heißen sollen und da waren auch schon die ganzen Grafiken und so ready. Da meinte mein Manager „Yugo und Raus, das liest sich irgendwie komisch“. Dann hat er, eigentlich als Gag, einen anderen Titel aufgeschrieben: „Das Album, das 2020 hätte erscheinen sollen“. Da meinte ich „Genau. So nennen wir es“.
Frage: Zum Abschluss, lustige Fragen: Stimmt es, dass Du mit Kelvyn Colt “Call of Duty” zockst?
Antwort: Ja. Zumindest war das in der Pandemie so, mittlerweile haben wir aber nicht mehr so viel Kontakt.
Frage: Bist Du eher ein Drinnie oder ein Partyhengst?
Antwort: Nach Corona musste ich ganz dringend raus. Da habe ich keinen Wochentag und kein Wochenende zu Hause verbracht. Davor war es ganz anders: Durch die vielen Liveshows hatte ich genügend Glückshormone und keine Lust, großartig feiern zu gehen.
Frage: Rasierst Du bei Deinem Konzert wieder jemandem eine Glatze?
Antwort: Ja. Ich picke mir immer die Leute mit den längsten Haaren raus (lacht). OG Keemo und Kollegah haben das schon früher bei ihren Konzerten gemacht. Da fand ich irgendwie witzig und wollte das nachmachen.