Auf Feld in Grimersum gefunden 25 Schafe gerissen – deutliche Hinweise auf Wolf
In der Gemeinde Krummhörn ist es kurz vor Weihnachten wahrscheinlich zu einem Wolfsriss gekommen. Am Morgen wurden rund 25 tote Schafe auf einem Feld gefunden.
Grimersum - Wenn es sich bestätigt, ist es einer der größten Wolfsrisse, die bislang in Ostfriesland registriert wurden: 25 tote Schafe wurden am Donnerstagmorgen auf einer Weide bei Grimersum in der Gemeinde Krummhörn gefunden. Für Schäfer Johann Sjuts aus Leybuchtpolder, dem die Schafe gehören, ist die Sache aber schon jetzt klar: Das war ein Wolf.
Das legen auch die ersten Erkenntnisse nahe: „Das Rissbild war wolfstypisch, Fährten wurden auch gefunden“, teilte das zuständige Umweltministerium des Landes Niedersachsen am frühen Donnerstagabend auf Nachfrage mit. Auch die Landwirtschaftskammer Niedersachsen, die mit der Untersuchung vor Ort beauftragt war, bestätigte dies.
Schäfer hat Wolf wohl knapp verpasst
Für Schäfer Sjuts ist der Vorfall ein Schock. Es wäre bereits das zweite Mal, dass seine Tiere Opfer eines Wolfes werden. Bereits Anfang des Jahres habe ein Wolf, so Sjuts, fünf Tiere in einer Herde nahe Wirdum (Samtgemeinde Brookmerland) gerissen.
Wahrscheinlich hat Sjuts den Wolf beim aktuellen Vorfall nur knapp verpasst: Mehrmals fährt er seit einiger Zeit auch nachts zu seinen Tieren, um nach dem Rechten zu sehen. Der Grund: Im Bereich Großheide/Osteel soll ein Wolf gesichtet worden sein. Nah dran, wenn man bedenkt, wie viele Kilometer ein Wolf im Schnitt zurücklegen kann.
Doch in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ist Sjuts am Feld bei Grimersum nichts aufgefallen. Zwischen 23 Uhr und 23.30 Uhr sei er bei den Schafen gewesen, da sei noch alles normal gewesen. Die Nachricht über die toten Tiere bekam er am Donnerstagmorgen von Landwirt Frank Janßen, der einen Hof in direkter Nähe hat. Dieser wiederum hat von den toten Tieren von Elske Engel erfahren.
25 Schafe tot, mehrere Tiere verletzt
Engel war am Donnerstagmorgen auf dem Weg zur Arbeit bei Landwirt Frank Janßen. Als sie den Wirtschaftsweg hochfuhr, fiel ihr auf, dass sich die Schafe auf der Weide anders verhalten als sonst. „Die Herde war unruhig, ängstlich. Ich habe sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt“, schilderte Engelke am Donnerstagnachmittag gegenüber dieser Zeitung. Erfahrung mit Schafen hat sie, 40 Jahre lang habe sie selbst welche gehabt. Erst habe sie die toten Tiere gar nicht gesehen. Erst als sie nachgesehen habe, was mit den Tieren los sei, seien ihr die gerissenen Schafe aufgefallen.
Engel informierte Janßen, Janßen informierte Sjuts, der machte sich am Morgen auf den Weg und informierte die Landwirtschaftskammer Niedersachsen und Wolfsberater. Die Wolfsberaterin und der von der Kammer entsandte Förster waren am Nachmittag vor Ort. Auskunft vor Ort erteilen sie nicht, im Gegenteil. In deutlichem Ton wird dieser Zeitung klar gemacht: Nicht bei der Arbeit filmen oder fotografieren, nicht zu den Schafen gehen, nicht stören.
Doch allein durch die Beobachtung und durch Gespräche mit Sjuts und dem ebenfalls benachrichtigten Tierarzt Tim Janssen aus Norden wird das Ausmaß schnell deutlich. Nicht nur sind 25 Schafe tot, eine unbekannte Anzahl von Tieren ist zudem verletzt. Die gesamte Herde ist traumatisiert. „Die standen hier morgens wie Pfähle, da konntest du durchgehen und die haben sich nicht bewegt“, sagt Sjuts und blickt auf die immer noch dicht beisammenstehenden und verstörten Tiere. 32 Mutterschafe und 47 Lämmer umfasste die Herde noch am Tag zuvor.
„Das war der scheiß Wolf“
„Das war der scheiß Wolf“, ist sich Sjuts sicher. Der Elektrozaun habe das Raubtier nicht abhalten können. Welche Szenen sich abgespielt haben müssen, lässt sich nur erahnen. Überall auf dem Feld liegen die toten Tiere verstreut: Mutterschafe und Lämmer gleichermaßen. Ein paar Tiere sind voll mit Schlamm, sie wurden durch den Elektrozaun und durch einen Graben auf ein benachbartes Feld gehetzt. Auch hier liegen weitere Opfer des nächtlichen Vorfalls.
Tim Janssen macht sich, kaum ist er vor Ort, ein Bild vom Rest der Herde. Ein Tier ist schwer verletzt, versucht aufzustehen, als sich der Tierarzt nähert. Vergeblich. Andere Tiere sind blutverschmiert. „Die meisten haben Bisse im Halsbereich“, sagt der Tierarzt nach der ersten Begutachtung.
Wolf hat mehrere Tiere getötet, aber kaum gefressen
Was Schäfer Sjuts wundert: „Letztes Jahr war ein Tier fast komplett aufgefressen“, erinnert er sich. „Jetzt ist nur ein Tier ein bisschen angefressen, die anderen sind einfach nur getötet worden.“ Das Niedersächsische Umweltministerium, welches für Presseanfragen zu Wolfsrissen zuständig ist, erklärt das so: „Wenn Raubtiere mehr Beute- bzw. Nutztiere töten, als sie fressen, spricht man von ‚Surplus Killing‘ bzw. ‚übermäßigem Töten‘“. In der Natur könne ein Wolf meist nur ein Beutetier fangen und töten, da die anderen davonrennen würden. Das Einzeltier würde er in Ruhe fressen. In einem eingezäunten Gehege sei das anders. „Die eingesperrten Tiere laufen panisch hin und her. Das stört den Wolf beim Fressen und löst bei ihm immer wieder den Beutefangreflex aus“, so das Ministerium. „So tötet er mehr, als er letztlich frisst. Nicht selten werden nur wenige Teile der Nutztiere verzehrt, da Wölfe häufig durch uns Menschen oder menschliche Aktivitäten bei der Nahrungsaufnahme gestört werden.“
Dass der Wolf wahrscheinlich durch ein vorbeifahrendes Auto oder Ähnliches gestört wurde, wird auch am Donnerstag vor Ort vermutet. Engel bezweifelt aber, dass der Wolf noch da war, als sie vorbeigefahren ist. „Da standen die Tiere und ich habe auch keinen Wolf gesehen“, sagt sie.
DNA-Proben werden untersucht
Die Zahl der toten Tiere kann unterdessen noch steigen. „Stress ist ein großes Problem“, sagt Tierarzt Janssen. Laienhaft gesprochen: Das Verdauungssystem der Schafe wird durch Angst und Schrecken gestört. Dadurch sammelt sich Luft im Magen des Tieres, welche nicht entweichen kann, die Tiere blähen auf und können daran verenden. „Die nächsten 24 Stunden werden zeigen, ob noch weitere Tiere sterben“, so Janssen.
Woher der Wolf kam oder ob es vielleicht sogar mehr als ein Tier war, kann noch nicht gesagt werden. Auch bis die amtliche Auswertung der DNA-Proben vorliegt, kann es dauern. „Die DNA-Proben werden an das Senckenberg Institut übersendet. Wann ein Ergebnis vorliegt, ist wegen der Feiertage nicht konkret absehbar“, so das Umweltministerium.
Wolf in den vergangenen Tagen in Großheide gesichtet
Auch, ob Sjuts mit seiner Vermutung richtig liegt, dass es sich um einen in Großheide gesichteten Wolf handelt, ist unklar. Dass es Sichtungen eines mutmaßlichen Wolfes in der Gemeinde Großheide in den vergangenen Tagen gegeben hat, bestätigt Kreisjägermeister Dr. Peter Lienau am Donnerstag auf Nachfrage. Das Tier sei auch durch sein Revier gezogen. Mehrere Großheider hätten davon berichtet, auch seine Nachbarin habe ihn gesehen. Gerissene Beutetiere seien Lienau dort aber nicht bekannt.
Heinrich de Vries, ebenfalls Großheider und Vorsitzender der zuständigen Jägerschaft Norden, geht indes davon aus, dass in Grimersum mehrere Wölfe, vielleicht zwei oder drei, gemeinsam jagten. Das erkläre die hohe Zahl an getöteten Schafen. Überraschend seien Vorfälle wie dieser für ihn nicht. Seit Jahren predigten die Jäger, dass der immer größer werdende Wolfsbestand hierzulande zu immer mehr Schäden führen werde. „Man musste davon ausgehen, dass sich die Tiere irgendwann ansiedeln werden und nicht mehr nur vorbeiziehen.“