Energieversorgung LNG auch für Ostfriesland
Einmal quer durch Ostfriesland: Das verflüssigte Erdgas LNG kommt zwar in Wilhelmshaven an, doch es wird auch in ostfriesischen Speichern landen. Ein zweiter Leitungsbau in Rekordtempo steht an.
Wilhelmshaven/Jemgum - Die LNG-Projekte in Wilhelmshaven werden direkte Folgen in Ostfriesland haben. Konkret sollen Teile des importierten Erdgases in den ostfriesischen Speicherplätzen Jemgum und Nüttermoor eingespeichert werden können. Dafür will die EWE innerhalb weniger Monate eine gut 70 Kilometer lange Pipeline bauen, „eine neue Hauptschlagader für das Erdgasnetz“, wie Volker Diebels erklärt, Sprecher der EWE Netz. Die EWE betreibt die beiden Gasspeicher in Jemgum und Nüttermoor, sowie zwei weitere in Huntorf bei Oldenburg und Rüdersdorf in Brandenburg.
In Wilhelmshaven wird seit Mittwoch Erdgas ins Netz eingespeist, das zuvor in verflüssigter Form (LNG) per Schiff hertransportiert wurde. In diesem Fall hatte das schwimmende LNG-Terminal „Hoegh Esperanza“, das künftig als Anlandepunkt für LNG-Transportschiffe dienen soll, schon Gas an Bord, als es in der vergangenen Woche vor Wilhelmshaven anlegte. Die mitgebrachten etwa 170.000 Kubikmeter Erdgas gelangen über eine neu gebaute gut 26 Kilometer lange Gasleistung ins Netz, über die sogenannte Wilhelmshavener Anbindungsleitung (WAL). Wenn es ins Netz geleitet wird, ist das LNG bereits wieder in seinen gasförmigen Zustand zurückversetzt.
Die neue Leitung
Nun soll sich an diese WAL kurz hinter Wilhelmshaven eine weitere Leitung andocken, die den Rohstoff abzweigen und einmal quer über die ostfriesische Halbinsel transportieren soll. Nach Auskunft des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) sind durch den Trassenverlauf eine ganze Reihe von Kommunen betroffen: Konkret sind das die Gemeinden Sande, Zetel und Bockhorn im Landkreis Friesland, die Stadt Westerstede im Landkreis Ammerland sowie die Samtgemeinden Hesel und Jümme, die Gemeinden Uplengen und Jemgum und die Stadt Leer im Landkreis Leer. Das LBEG ist in Niedersachsen die Genehmigungsbehörde für Gashochdruckleitungen.
Die EWE setzt auf Tempo: Die sogenannte Gasversorgungsleitung Wilhelmshaven-Leer (GWL) soll so schnell entstehen wie die eigentliche Anbindungsleitung WAL. Die war in Rekordzeit entstanden, nach ersten Planungen im März 2022 dauerte deren eigentliche Bauphase von Mitte August bis Mitte Dezember, im Grunde keine vier Monate. „Eine solche Geschwindigkeit ist in Deutschland bisher eigentlich völlig unrealistisch – es sei denn Wirtschaft, Politik, Behörden und Zivilgesellschaft ziehen an einem Strang“, heißt es dazu beim Unternehmen Open Grid Europe (OGE), das diese Leitung baute und nun betreibt.
Das neue Tempo
„Wir rechnen mit einer Bauzeit von acht Monaten“, so Volker Diebels von der EWE Netz. Der Bau der Pipeline solle noch im ersten Quartal 2023 beginnen, bis Ende des Jahres werde sie fertig sein. Normalerweise dauere so ein Projekt fünf Jahre, ergänzt der EWE-Mann noch. Möglich macht dieses Tempo das sogenannte LNG-Beschleunigungsgesetz, im Mai vom Bundestag beschlossen. Das Gesetz ermöglicht den Genehmigungsbehörden, „vorübergehend und unter klar definierten Bedingungen von bestimmten Verfahrensanforderungen, besonders bei der Umweltverträglichkeitsprüfung, abzusehen“. So ist es auf der Bundestagsseite nachzulesen.
Laut EWE wird die neue Gasleitung eine Transportkapazität von bis zu sechs Milliarden Kubikmeter im Jahr haben. Ob und wann das tatsächlich ganz ausgelastet werden kann, ist unklar. Das erste eben in Betrieb gegangene LNG-Terminal vor Wilhelmshaven, die „Hoegh Esperanza“, soll jährlich mindestens fünf Milliarden Kubikmeter Erdgas annehmen und in das deutsche Ferngasnetz einspeisen, teilt das Energieunternehmen Unier mit, das dieses erste Terminal betreibt. Das entspreche rund sechs Prozent des deutschen Gasbedarfs. Allerdings wird Wilhelmshaven noch ein zweites schwimmendes Terminal bekommen, das noch vor Ende 2023 einsatzbereit sein soll. Auch das soll eine Kapazität von mindestens fünf Milliarden Kubikmeter pro Jahr haben. Dieses zweite schwimmende Terminal gehört dem Unternehmen Excelerate, das es gemeinsam mit einem Konsortium der Unternehmen Tree Energy Solutions (TES), Eon Green Gas und Engie betreiben wird.
Vor allem die Firma TES setzt eigentlich eher auf grünen Wasserstoff und plant dafür ein eigenes festes Terminal zur Anlandung des Rohstoffs in Wilhelmshaven. Sowohl die Wilhelmshavener Anbindungsleitung WAL als auch die von EWE Netz geplante Querverbindung nach Ostfriesland sollen in der Lage sein, Wasserstoff zu transportieren. Auch der soll übrigens später mal in jetzigen Erdgasspeichern gelagert werden können. Auf der Kavernenanlage der Storag Etzel in der Gemeinde Friedeburg laufen dazu bereits Forschungen. Die EWE betreibt diese Forschungen nach eigenen Angaben in ihrem brandenburgischen Kavernenfeld bei Rüdersdorf.