Osnabrück Ikone des Mutes – droht Ukraines Präsident Selenskyj noch ein tragisches Ende?
Als Antipode zu Wladimir Putin verleiht Wolodymyr Selenskyj dem Widerstand seines Landes gegen den russischen Überfall ein Gesicht – und verschafft dem Anliegen der Ukraine international Respekt und Bewunderung. Doch auch Helden sind fehlbar.
Dem Geehrten wäre es sicher lieber gewesen, er hätte es aus einem anderen Anlass auf die Titelseite des US-Magazins „Time“ geschafft – als schauspielender Komiker, der er einst war, oder als Staatsmann, der die Korruption im Land ein für alle Mal hat ausrotten können. Doch es brauchte den Angriff Russlands auf die Ukraine und den heroischen Widerstand dagegen, um den 44-jährigen Wolodymyr Selenskyj zu dem zu machen, was er nun ist: die „Persönlichkeit des Jahres 2022“.
„Ob der Kampf um die Ukraine einen mit Hoffnung oder mit Angst erfüllt, Wolodymyr Selenskyj hat die Welt auf eine Weise elektrisiert, wie wir es seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben“, ließ „Time“-Chefredakteur Edward Felsenthal zur Begründung wissen. Die diesjährige Wahl sei die eindeutigste seiner Erinnerung.
Tatsächlich hat in diesem Jahr weltweit wohl kein Staatsmann so im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit gestanden wie der ukrainische Präsident – allenfalls noch sein russischer Gegenspieler, Wladimir Putin als luziferischer Schurke, dem man für seine gewaltsamen Völkerrechtsverstöße freilich alles andere als Respekt zollt.
Selenskyjs internationale Beliebtheit erklärt sich auch aus der Rolle des Antipoden zu Putin. Oder biblisch ausgedrückt: Er steht für den Kampf David gegen Goliath.
Putin hat weite Teile der internationalen Staatengemeinschaft gegen sich aufgebracht und droht sein Reich ins wirtschaftliche Abseits zu führen; er steht für Skrupellosigkeit, Kälte, Brutalität, Egoismus und Größenwahn. Selenskyj indes hat eine ungeheure Welle der Sympathie und Solidarität für sein Land entfacht. In seinem Tun spiegeln sich Tugenden, nach denen viele Menschen streben: Mut, Durchhaltevermögen, Kameradschaft, Empathie.
Während der russische Präsident sein Volk mit der Knute beieinander hält, hat Selenskyj seine Bürger auch emotional zusammengeschweißt – nicht zuletzt deshalb, weil er beim russischen Angriff auf Kiew nicht geflohen ist. Bis heute wendet er sich von dort nahezu täglich in grüner Militärkluft mit einer Videobotschaft an sein Volk.
Das Angebot Washingtons, ihn aus der Hauptstadt herauszuholen, quittierte Selenskyj mit dem Bonmot, er brauche „Munition und keine Mitfahrgelegenheit“. Das Signal: Ich werde nicht nur bleiben, sondern im Zweifel auch kämpfen. Möglichen russischen Killerkommandos die Stirn zu bieten, so etwas verschafft Respekt, nach innen wie auf der Weltbühne.
Das Leben von Wolodymyr Selenskyj ist voller Wendungen. Mit 20 war der jüdische junge Mann aus der Indstriestadt Krywyj Rih als Komiker ein Star, Bühne und Filmset waren seine Welt.
Zehn Jahre später führte er zeitweise ein Millionen-Unternehmen. Und im Alter von 40 Jahren verkörperte er in der TV-Serie „Diener des Volkes“ schließlich die Art Präsident, der er sein wollte: einen Außenseiter, der die korrupte Elite der Ukraine aufmischt. Das machte ihn populär – und trieb ihn schließlich in die reale Politik. Die Seifenoper wurde zum Grundstein für Selenskyjs politischen Durchbruch.
Im Jahr 2019 wählten ihn seine Landsleute überraschend zum Staatschef. Die Ukraine hatte unruhige innenpolitische Zeiten hinter sich, lag mit Moskau im gewaltsamen Clinch um den Donbass. Und die Bürger waren der Korruption im politischen Geschäft überdrüssig. So konnten viele, vor allem junge und westlich orientierte Menschen ihre Hoffnungen auf Selenskyj projizieren, dessen politisches Programm im Wahlkampf noch recht vage war.
Auf den frisch gewählten Präsidenten Selenskyj angesprochen, sagte sein Kollege im Kreml auf einem Wirtschaftsforum in St. Petersburg im Mai 2019: „Ernsthaft, es ist eine Sache, jemanden zu spielen, aber es ist etwas ganz anderes, jemand zu sein“.
Offenbar hatte Putin nicht damit gerechnet, den Mann in Kiew jemals ernst nehmen zu müssen. Diese Fehleinschätzung ist ihm inzwischen auf die Füße gefallen. Selenskyj ist in die Rolle des selbstbewussten Staatsmannes erstaunlich schnell hinein gewachsen. Das bekam auch die superreiche Elite des Landes zu spüren.
Tatsächlich haben in der ukrainischen Politik über Jahrzehnte Oligarchen durch Bestechung und und Einflussnahme auf Gesetzesvorhaben kräftig mitgemischt.
Fast allen wichtigen Reformen im Land standen sie im Weg. Diese versteckte Macht einzudämmen, galt seit Jahren als eine der Hauptforderungen der EU Richtung Kiew, wollte man künftig bessere Geschäfte miteinander machen und politisch enger zusammenrücken. Wolodymyr Selenskyj nahm den Ball auf.
Bei seinem Amtsantritt versprach der neue Präsident, etwas gegen das Geschwür der Korruption zu unternehmen und die Ukraine zu reformieren. Doch anfänglich fehlte der Schwung; schließlich hatte Selenskyj selbst von einem Fernsehsender als wichtige Stütze im Wahlkampf profitiert, den der Oligarch Ihor Kolomoyskyi kontrollierte.
Im September 2021 verabschiedete das ukrainische Parlament schließlich aber ein Gesetz, das die Macht der Oligarchen eindämmen sollte. Doch dann kam die russische Invasion dazwischen. Der Krieg hat auch politische Gegner im Land Burgfrieden miteinander schließen lassen.
Seit dem 24. Februar befindet sich die Ukraine im Ausnahmezustand. Und mit ihm der Präsident. Anzug und Krawatte hat er gegen olivgrüne Funktionskleidung getauscht. Die Strapazen der vergangenen zehn Monate und die damit verbundene Verantwortung sieht man dem Mann inzwischen an.
Oft hat er gerötete Augen, sieht unausgeschlafen aus. Die Haut ist teigig und blass. Und doch wirkt er zehn Monate nach Beginn des Angriffskrieges weder verzagt noch eingeschüchtert. Manchmal schimmert sogar ein verschmitztes Lächeln auf. Sein Sinn für Humor helfe ihm, sagte Selenskyj kürzlich in einem Interview mit dem US-Moderator David Letterman, „nicht den Verstand zu verlieren.“
Selensky mischt sich unter die Menschen und zeigt Präsenz. Westliche Organisationen und Politiker laden ihn zum Gespräch, oft per Video. Und wenn sie ihm beim Besuch in Kiew die Hand schütteln und sich für ein Foto neben den kleinen Mann stellen wirkt es bisweilen, als hofften sie darauf, es möge doch ein wenig von seiner großen Strahlkraft auf sie abfärben.
Klar, als ehemaliger Schauspieler weiß sich der 44-Jährige in Szene zu setzen. Dabei wirkt er jedoch selten abgehoben – außer vielleicht, als er sich mit seiner Frau Olena, mit der er zwei Kinder hat, im Modemagazin „Vogue“ vor Kriegstrümmern und Soldaten ablichten ließ. Dafür gab es viel Kritik.
Aber war es nicht doch eher clever gemachte PR, um dem Westen verlässlich Solidarität und Waffen abzutrotzen? Um seinem Land die Aufmerksamkeit zu garantieren, die es braucht, um von der Weltöffentlichkeit nicht vergessen zu werden?
Apropos Kritik: Manchmal schießt Selenskyj übers Ziel hinaus. So sorgte sein Vergleich der Zerstörungen im Ukraine-Krieg mit der „Endlösung“ in Israel für Empörung. Das sei „an der Grenze zur Holocaustleugnung“, hieß es.
Bei Auskünften zu seinem Millionen-Vermögen soll Selenskyj laut der „Panama Papers“-Enthüllungen aus dem Jahr 2021 Beteiligungen an Offshore-Firmen verschwiegen haben.
Und hat Selenskyj nicht auch Kriegswarnungen der US-Geheimdienste verschwiegen? Entsprechende Vorwürfe waren im Spätsommer laut geworden, wonach der Präsident die Bürger nicht frühzeitig und ernsthaft genug auf die drohende Kriegsgefahr hingewiesen habe.
Tatsächlich hätten die USA ihn ab Herbst 2021 vor einer russischen Invasion gewarnt, sagte Selenskyj in einem Gespräch mit der „Washington Post“. Er habe aber auf offene Kriegsvorbereitungen verzichtet, um die Menschen nicht in Panik zu versetzen. Trotz aller Verehrung – auch Helden sind fehlbar.
Selenskyj duckt sich nicht weg, geht aus der Verteidigung gern in die Offensive. Den Bürgern in der Ukraine gibt er damit Halt und Orientierung – und eine Möglichkeit zur positiven Identifikation, die es in Kriegszeiten so dringend braucht. Oder, um es in Anlehnung an den Psychologen und Business-Coach Nico Rose zu formulieren: Große Krisen können „Booster für das Charisma“ sein und große Politiker formen.
Ob der ukrainische Präsident dereinst als solcher in die Geschichte eingehen wird? Eine Garantie dafür gibt es nicht; auch ein tragisches Ende scheint noch nicht ausgeschlossen. Sicher wird Selenskyjs politische Zukunft vom Ausgang des Ukraine-Krieges abhängen.
Sich zu Friedensverhandlungen bereitzuerklären, bevor sich die russische Armee aus den besetzten Gebieten zurückgezogen hat, kommt Selenskyj nicht in den Sinn – offenbar machen die Alliierten bislang keinen entsprechenden Druck. Es wäre wohl auch das politische Aus für den Präsidenten. Wie wollte er seinen Bürgern dann die erbrachten Opfer erklären, den Blutzoll und die Zerstörung?
Im Jahr 2024 stehen reguläre Präsidentschaftswahlen an. Nach Lage der Dinge ist es äußerst fraglich, ob der Krieg bis dahin vorbei sein wird. „Bis zu unserem Sieg werde ich aber Präsident sein“, sagte Selenskyj dieser Tage. Und dann? Einfach mal „ans Meer und ein Bier trinken“.