Interview mit Eva-Maria Silber  Begegnung mit Mördern ist ein einschneidendes Erlebnis

Susanne Ullrich
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Von Susanne Ullrich
| 22.12.2022 11:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Eva-Maria Silber hat ein Faible für ungelöste Fälle. Foto: privat
Eva-Maria Silber hat ein Faible für ungelöste Fälle. Foto: privat
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Eva-Maria Silber mordet wie viele andere Krimi-Autoren gern im Norden. Gerade erschien mit „Moorgrab“ das neuestes Werk der ehemaligen Strafrechtlerin. Geschrieben hat sie es auch in Ostfriesland.

Frau Silber, Leichen pflastern ihren literarischen Schaffensweg. Dank „Moorgrab“, erschienen im Verlag DP Digital Publishers, gehen jetzt weitere Tote auf Ihr Konto. Diesmal ist der Tatort ein Moor am Steinhuder Meer. Warum ein Moor?

Eva-Maria Silber: Weil ich trübes Wasser brauchte, in dem über einen so langen Zeitraum niemand die versenkten Fahrzeuge entdeckt! Gerne hätte ich den Fall in einem der ostfriesischen Moore, insbesondere dem Ewigen Meer, angesiedelt. Aber da passten die Örtlichkeiten einfach nicht zu meiner Geschichte.

Was hat es mit diesen versunkenen Autos auf sich?

Silber: Lukas Bauer findet mithilfe eines Anglersonargerätes in einem Tümpel im Toten Moor am Steinhuder Meer zwei vor Jahrzehnten versenkte Fahrzeuge mit insgesamt fünf Leichen. Das muss er mit seinem Leben bezahlen. Unfälle waren das nicht: Die Kofferräume sind voller Steine und die Fahrersitze leer. Kriminalhauptkommissar Montag und Effi Lu, jüngste, dünnste und höflichste chinesisch-stämmige Polizeimeisterin Deutschlands, müssen als neu gegründete Cold-Case-Unit Niedersachsen feststellen, dass der Mörder noch heute über Leichen geht, um sein Geheimnis zu schützen.

Die alten Morde sind ein echter Fall. True Crime liegt im Trend. Was, glauben Sie, macht echte Verbrechen gegenüber fiktiven so reizvoll?

Silber: „Wenn das Erfundene nicht seinen Ursprung in der Realität hat, ist es unglaubhaft. Ohne die Wahrheit oder wenigstens die Möglichkeit erzeugt man keine Spannung.“ Dieser Satz stammt aus dem Film „I wie Ikarus“ und ist mein Schreibmotto. Deswegen basieren alle meine Bücher auf realen, aber vor allem auch ungelösten Fällen. Oder solchen, bei denen Zweifel offenblieben. So bleibt das Schreiben auch für mich spannend, denn ich versuche währenddessen, die Lösung herauszufinden. Dazu recherchiere ich alles Material, das es über den jeweiligen Mordfall gibt, analysiere es und suche die wahrscheinlichste Lösung. In „Schwesterntod“, den ich gemeinsam mit einer Anwaltskollegin geschrieben habe und der auf dem Mordfall Monika Weimar basiert, ist uns das besser gelungen als erhofft. Denn inzwischen hat sich nach über 36 Jahren herausgestellt, dass unsere Lösung in den Fokus der Ermittler geraten ist.

Sie lassen Leichen bevorzugt dort auftauchen, wo Sie selbst leben – Und kündigen am Ende von „Moorgrab“ an, dass ein zweiter Fall die neue Cold-Case-Unit nach Ostfriesland führen wird. Gibt es bald ein Wiedersehen in ihrer Wahlheimat Funnix?

Silber: Funnix war bereits der Tatort meines zweiten Krimis „Niemandsmädchen“. Wo genau im Landkreis Wittmund der zweite Fall der Cold-Case-Unit Niedersachsen angesiedelt ist, wird sich erst im Laufe des Schreibens zeigen. Das hängt entscheidend von den Örtlichkeiten ab, die ich für die Darstellung des abgewandelten realen Falles benötige. Denn damit der Leser mitraten kann, braucht er sämtliche Informationen, also auch die zu den örtlichen Gegebenheiten bei den Morden. Er bekommt von mir sämtliche Details in Krimiform geliefert, die ich auch habe.

Verraten Sie uns bitte, was Sie ausgerechnet in das kleine Dorf nahe Wittmund brachte.

Silber: Ein kluger Makler der erkannte, dass wir als damalige Großstädter, die ein zweites Zuhause suchten, keine Freude an einem Haus in einer Stadt haben werden. Zudem bin ich ein Liebhaber des Land- und Dorflebens. Funnix ist perfekt. Der Ort ist gemütlich und die Nähe zum Meer gegeben, ohne direkt im Tourismusgebiet mit seinen Nachteilen leben zu müssen. Seit nunmehr 26 Jahren leben wir dort, zuerst als Pendler, die jedes Wochenende 1000 Kilometer fuhren, um wenigstens zwei Tage in der Woche dort sein zu können. Als wir endlich beruflich unabhängig wurden, sind wir sofort ganz hierhergezogen. Und haben es keine Sekunde bereut. Und ja, das ist eine Liebeserklärung an Funnix!

Bleiben wir kurz geografisch: Aufgewachsen sind Sie in einem Ort namens Friedlos. Wie sehr kann so etwas fürs weitere Leben prägend sein?

Silber: Na ungeheuer! So ein Name prägt ungemein und hat sicherlich meine Leidenschaft für Mord und Totschlag ausgelöst. Spaß beiseite. Tatsächlich begann alles mit dem Mordfall Monika Weimar, der Mutter, die dafür verurteilt wurde, ihre beiden Kinder umgebracht zu haben. Ich lebte damals noch in Friedlos, nur wenige Kilometer entfernt vom Wohnort der getöteten Kinder. Ich hörte damals im Radio die erste Suchmeldung nach den verschwundenen Schwestern, las jeden Zeitungsartikel über den Fall, und rätselte wie alle anderen über die große Frage: War es der Vater oder die Mutter? Als Jurastudentin verfolgte ich alle drei Prozesse, die wegen ihrer Besonderheiten sogar Gegenstand der Strafrechtsvorlesung wurden. Danach hat mich der Fall nie mehr losgelassen. Ich hatte das Glück, dass eine Schreibkollegin die Originalfallakten im Hessischen Landesarchiv in Wiesbaden durchstöberte und mir ihre Aufzeichnungen zur Verfügung stellte. Ich habe nie geglaubt, dass es entweder der Vater oder die Mutter war. Tja, und das zeigt sich ja jetzt vielleicht.

Wer Ihre Werke liest, dem fällt möglicherweise auf, wie intelligent Sie Ihre Fäden spinnen. Oft wird man von den Entwicklungen überrascht, weil es an Vorhersehbarkeit fehlt. Macht eben dieser Mangel für Sie den Reiz eines guten Krimis aus?

Silber: Aus gutem Grund sind Whodunit-Krimis seit Agatha Christie äußerst beliebt (Anmerkung: das ist kurz für „Who has done it?“, auf Deutsch „Wer hat es getan?“) . Der Leser weiß nicht , was am Ende herauskommt, wer der Täter war und warum. Nur so kann Spannung entstehen und erhalten bleiben. Zudem komme ich wieder zurück zu meinem Ansatz. Ich will beim Schreiben selbst überrascht werden, sonst wird es langweilig für mich. Und das gebe ich – zwangsläufig – an den Leser weiter.

Sie zeichnen Ihre Charaktere sehr feinsinnig und emphatisch. Ein Beispiel: In „Tell me Lies“ geht es um eine Reihe von Entführungen und Morden. Und doch steht im Zentrum der Handlung die Geschichte einer Freundschaft. Wie wichtig ist für Sie das Spiel von Licht und Schatten?

Silber: Nur Gegensätze sind reizvoll, nur Konflikte fesseln. Für mich sind die Charaktere ungeheuer wichtig, schließlich muss ich mit ihnen ein gutes Jahr leben, eben so lange, wie ich für ein Buch benötige. Und wenn die sich immer alle nur lieben, keinen unterschiedliche Meinungen vertreten, sich nicht manchmal auch nerven, wird es genauso schnell langweilig wie im realen Leben.

Gerade mein „Tell me lies“ ist angelehnt an Platons Höhlengleichnis, in dem es um Menschen geht, die niemals etwas anderes zu sehen bekommen als Schatten, niemals die Menschen, die sie erzeugen. Deshalb lassen sie nichts anderes für wahr gelten als die projizierten Schattenbilder! So ergeht es meiner Protagonistin, die von ihrem Vater völlig isoliert aufgewachsen ist und von ihm nur Lügen erfährt, die er als die Wahrheit ausgibt.

Regionale Krimis erfreuen sich großer Beliebtheit. Was, glauben Sie, unterscheidet Sie hier als schreibende Juristin von anderen Schriftstellern?

Silber: Nun, als Strafrechtlerin kenne ich natürlich das Metier, weiß, wie bei einer strafrechtlichen Ermittlung vorgegangen wird. Das ist ein enormer Vorteil gegenüber Schriftstellern, die sich das erst erarbeiten müssen, um im Krimi oder Thriller überzeugend den Ablauf darstellen zu können. So kann man, hoffe ich, überzeugender rüberbringen, wie so eine Ermittlung abläuft. Zudem habe ich natürlich auch den Vorteil, Vergewaltigern und Mördern tatsächlich begegnet zu sein. Glauben Sie mir, das ist ein einschneidendes Erlebnis.

Hand aufs Herz: Sie sind nicht ganz freiwillig aus Ihrem Beruf ausgeschieden. Kann das Schreiben Sie über den Verlust ihrer Profession hinwegtrösten?

Silber: Vor zehn Jahren wurde ich an Taubheit grenzend schwerhörig, was sich schon lange zuvor angekündigt hatte und mich also nicht unvorbereitet traf. Natürlich war es schlimm, meinen Beruf, der Berufung war, aufzugeben. Schließlich dauert die Ausbildung bis zur Befähigung zum Richteramt über sieben Jahre, zumindest damals noch.

Aber wie überall gibt es nicht nur Schatten: Endlich kann ich meiner nun nicht mehr heimlichen Leidenschaft – dem Schreiben von Krimis und Thrillern – frönen. Zudem können wir dort leben, wo wir schon immer sein wollten: an der Nordsee und im Harz. Dafür bin ich sehr dankbar!

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