Berlin Krieg und Krise trotzen: Rita Süssmuth sieht keinen Grund zu verzagen
Rita Süssmuth hat viele Krisen erlebt. Im Interview spricht die CDU-Politikerin über den Zweiten Weltkrieg, der ihr Leben prägte. Die frühere Bundestagspräsidentin fühlt sich durch den Krieg in der Ukraine und seine Folgen noch einmal herausgefordert.
Rita Süssmuth wirkt noch immer rastlos. Am Vorabend des Interviews, das wir mit ihr in ihrem Wohnhaus in Neuss bei Düsseldorf führen, ist die 85-Jährige erst von einer Reise nach Budapest zurückgekehrt. Auf ihrem Tisch liegen aktuelle politische Bücher, die sie gerade liest. Sie hat ihren eigenen Blick auf die aktuellen Krisen – und eine Idee, wie man mit ihnen umgehen kann. Das Interview:
Frage: Frau Süssmuth, ist Weihnachten für Sie ein Fest, mit dem sich eine Hoffnung verbindet?
Antwort: Ja. Ich glaube an eine Urkraft, einen Schöpfer und seine Geschöpfe, und daran, dass wir nicht allein das Vernichtende oder Machtüberlegene, sondern den Erhalt unserer Natur und Lebenswelt suchen. Wir sind in der Lage, unser Menschenwerk immer wieder von fataler Verzweiflung zu befreien und neu aufzubauen. Das ist mein Credo.
Frage: Was war die Krise Ihres Lebens?
Antwort: Es gab immer wieder Krisen – privat und beruflich. Die für mich schärfste Krise war das lange Nachwirken des Zweiten Weltkriegs, insbesondere die verbrecherische Vernichtung der Juden und aller Gegner der NS-Diktatur. Mein Leben war durch meine Kindheit im Krieg geprägt.
Frage: Was haben Sie erlebt?
Antwort: Ich habe in meiner Jugend jede Nacht von meiner verbrannten Tante im Treppenhaus geträumt. Mein Vater war im Krieg, meine Mutter schwer krank. Wir waren drei Kinder, nach dem Krieg kamen noch zwei dazu. Ich habe sehr viel Angst gehabt. Manchmal frage ich mich, wie viele Lebensretter ich eigentlich hatte. Aus dieser Zeit habe ich aber auch ungeheure Energien für später geschöpft. Meine Kindheit war nicht fröhlich. Aber ich habe irgendwann begriffen: Das hat dich stark gemacht.
Frage: Worin sehen Sie diese Stärke?
Antwort: Ich habe mich später nicht einschüchtern lassen, wenn die Männer dachten, diese Frau kriegen wir schon klein. Ich bin in der Regel freundlich und heiter, kann aber auch energisch und beharrlich sein, meine Überzeugungen begründen und durchhalten. Ich bin oft gescheitert, aber ich habe immer weitergemacht.
Frage: Gilt das auch heute noch?
Antwort: Sehen Sie, ich bin 85 Jahre alt, aber ich fühle mich gerade wieder neu herausgefordert. Ich halte durch. Zum Beispiel darin, die deutsch-polnische Freundschaft zu erhalten, für die ich mich ein Leben lang eingesetzt habe. Ich habe Rückhalt und Unterstützung, fühle mich nicht allein. Ich bin nur eine einzelne Person in diesem großen Geschehen. Aber auch der kleinste Bereich, in dem ein Mensch handelt, hat Einfluss auf das große Ganze. Wenn jeder sagt, lasst „die da oben mal machen“, dann verkennt er, dass sie „die da unten“ dringend brauchen.
Frage: Woher nehmen Sie die Kraft, sich auch im hohen Alter weiter zu engagieren?
Antwort: Es gehört auch dazu, traurig zu sein, aber ich rappele mich immer wieder auf. Wenn man sich gefordert fühlt, wächst die Energie. Anders als wenn man nicht mehr gebraucht wird. Wir reden gerade viel über Überforderung, aber fragen wir doch erstmal, wie viel Energie entstehen kann, wenn sich der Mensch gefordert fühlt. Ich lebe mit dem Gedanken, zu verändern, was ich verändern kann. In aller Demut, aber auch mit einem Selbstbewusstsein darüber, dass wir nicht ohnmächtig sind.
Frage: Für wie groß halten Sie die Krise, die wir gerade erleben?
Antwort: Wir erleben eine große Krise, weil es wieder Krieg gibt in Europa. Seit Jahrzehnten gibt es immer Krieg auf der Welt, aber dieser Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat uns alle in große Unruhe versetzt. Gleichzeitig haben wir eine Klimakrise. Und wir müssen uns fragen: Schaffen wir jetzt eine Veränderung?
Die Grafik zeigt, wie der Klimawandel sich auf Europa auswirken könnte:
Frage: Wie lautet Ihre Antwort?
Antwort: Zu sagen, das schaffen wir alles sowieso nicht, kommt für mich nicht infrage. Wir müssen uns neu begreifen, verständigen und handeln. Jetzt ist die Zeit, die Krisen anzunehmen. Es ist jedenfalls nicht die Zeit zu sagen: „Wir hatten es doch so gut, erhalte es doch.“ Wir haben längere Zeit keine derartigen Krisen, insbesondere unmittelbare Kriege erlebt – oder sie nicht an uns herankommen lassen. Aber das geht jetzt nicht mehr. Wir müssen uns ihnen stellen und uns zeigen, welche Kräfte wir haben. Wenn wir als Gesellschaft wieder mehr zusammenhalten, wird sehr viel mehr möglich.
Frage: Ist das nicht ein geflügeltes Wort? Was meinen Sie damit konkret?
Antwort: Viele haben bereits konkrete Hilfestellung gegeben und die Notleidenden unterstützt. Jeder kann im Kleinen und im Größeren Einfluss nehmen. Wir haben so viele Hunderttausend Ukrainer privat in Familien untergebracht. Es gibt doch so viele Menschen in Deutschland, die Mitmenschen helfen. Aber wir stellen uns selbst dar, als verzagten wir in der Krise. Krisenzeiten sind für mich Umbruchzeiten und darin steckt auch eine Chance für Veränderung. Wie haben wir bisher gedacht? Was können wir davon erhalten? Was müssen wir verändern? Das sind die Fragen, die wir uns stellen müssen. Wir können unsere Natur pflegen und erhalten, wir können Energiesparen und Menschen mitnehmen, ihren Haltungen und Handlungen vertrauen. So entsteht Tatkraft.
Frage: Der Staat hat milliardenschwere Entlastungen auf den Weg gebracht. Ist das die richtige Antwort auf die Krise?
Antwort: Natürlich müssen die Schwachen vor Überforderung durch die hohen Energiepreise geschützt werden. Aber bei aller Entlastung: Der Staat sollte nicht das Gefühl vermitteln: Wir machen das schon. In dieser Krise braucht der Staat die Schaffenskraft der Menschen im Land. Mir scheint, es wird aber mehr über die sogenannte Work-Life-Balance diskutiert. Jemand, der begeistert ist, von dem, was er tut, schaut doch nicht auf die Uhr. Er macht weiter, weil es in ihm brennt. Ich möchte auch, dass es wieder in unseren Menschen brennt.
Frage: Haben Sie diese Erfahrung des „Für etwas Brennen“ selbst gemacht?
Antwort: Es war die Erfahrung, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht haben. Unsere Eltern haben angepackt und Schutt weggeschafft und wir haben uns wieder hochgearbeitet. Wir müssen uns nicht nur das Ausmaß der Belastungen vor Augen führen, sondern erkennen, dass wir nur gemeinsam auch wieder zu Entlastungen kommen.
Frage: Was halten Sie von einem Pflichtjahr für das Gemeinwesen, wie es der Bundespräsident vorschlägt und auch Ihre Partei, die CDU, einführen möchte?
Antwort: Wir meinen, wir sind moderne Menschen und argumentieren mit den Vokabeln von Gestern. So viele Menschen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich und empfinden es als Selbstverpflichtung. Es wird oft gesagt, die Jugend hätte diesen Gemeinsinn nicht. Aber das stimmt so pauschal nicht. Es hat schon immer Menschen gegeben, die vor allem sich selbst lieben, und sehr viele Menschen, die ein Auge, eine Hand und eine Tat für einen anderen Menschen übrig haben. Man muss die Menschen motivieren, aber doch nicht zwingen mit einem Pflichtjahr.
Frage: Hat der Westen bisher die richtigen Antworten gegeben auf den Krieg in der Ukraine?
Antwort: Wir haben noch nicht die richtige Balance gefunden. Wir sprechen überwiegend über Waffen und Kriegsmittel. Wir müssen viel stärker klar machen, dass wir alles Erdenkliche versuchen, diesen Krieg zu beenden. Die Zerstörung hat so schreckliche Ausmaße. Wir müssen doch viel mehr fragen, wie der Krieg so schnell wie möglich beendet werden kann, um so viel wie möglich vor Zerstörung zu bewahren. Ich denke, dass diese Bundesregierung in ihrer schwierigen Verantwortung Maß hält und immer auch die Konsequenzen ihres Handels mit bedenkt.
Frage: Also macht sie es genau richtig?
Antwort: Da für Putin derzeit nur die Lösung infrage kommt, dass die Ukraine wieder zu Russland gehört, ist es sehr schwierig. Viele Menschen in Deutschland wünschen sich, dass der Krieg beendet wird. Aber die Politik stößt da im Augenblick an Grenzen, es steht nicht in ihrer Macht, wenn Putin es nicht will.
Frage: Schadet Angela Merkel ihrem Vermächtnis, wenn sie keine Fehler in ihrer Russland-Politik einräumt?
Antwort: Ich stehe zu ihr. Sie hat uns über viele Jahre wunderbar geführt. Jetzt sprechen wir über alles, was sie nicht getan hat und was sie hätte tun sollen. Wir brauchen anscheinend einen Sündenbock, aber keiner ist fehlerfrei. Wenn selbst ein türkischer Präsident Erdogan sagt, sie hatte für jedes Problem immer schon eine Lösung in der Tasche, ist das doch ein unerwarteter Ausdruck von Anerkennung. Sie hatte viel Anerkennung in der ganzen Welt.
Frage: Ihr Lebensthema ist die Gleichberechtigung. Die CDU hat jetzt sogar eine Frauenquote…
Antwort: Ich habe beim Parteitag in Hannover gezittert, als es um die Quote ging. Es wäre fast wieder schief gegangen, wenn am Ende nicht ein paar mutige Frauen und Männer noch dafür geworben hätten. Die CDU muss verstehen, dass sie die Frauen braucht, wenn sie erfolgreich sein will. Ich hoffe, die CDU erfährt diesen Umbruch auch für sich als Notwendigkeit.
Frage: Wie weit sind wir auf dem Weg der Gleichberechtigung?
Antwort: Die Frauenfrage ist für mich eine Gesellschaftsfrage. Dass wir jetzt nur noch über Gendersprache reden, zeigt für mich, dass wir uns an die wirklichen Probleme noch immer nicht herantrauen.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Wir müssen uns doch darauf konzentrieren, dass wir die Frauentalente genauso nutzen wie die Männertalente. Der Rückzug der Frauen in Krisenzeiten in die Familie ist bedenklich. Gott sei Dank haben wir inzwischen auch junge Männer, die sich kümmern. Trotzdem haben wir acht Prozent Männer, aber über 70 Prozent Frauen in Teilzeit. Die Ungleichheiten in der Lebenspraxis sind eher gewachsen als zurückgegangen. Ich setze mich für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in der Politik ein. Wir brauchen eine rechtliche Lösung, um die Unterrepräsentanz von Frauen im Parlament nach über 100 Jahren Frauenwahlrecht endlich zu beenden. Parität, jetzt!
Frage: Was macht Ihnen zurzeit Hoffnung?
Antwort: Menschen. Trotz Krisen suchen sie nach Lösungen, in unserem Land und weltweit. Zum Beispiel die Proteste im Iran. Es sind Menschen, die ihren Freiheitswillen auch nach 40 Jahren nicht verloren haben. Sie wagen das Äußerste und bestehen auf Veränderung. Oder ein anderes Beispiel: Hätten Sie erwartet, dass die Menschen in China es wagen würden, gegen die Corona-Politik der Regierung aufzubegehren?