Tideunabhängig nach Spiekeroog Start der Fähre „WattnExpress“ verzögert sich
Lieferschwierigkeiten verzögern den Start der kleinen Fähre „WattnExpress“. Die sollte eigentlich schon fahren. Das finden längst nicht alle gut.
Spiekeroog - Mal eben schnell rüber vom Festland aufs Eiland und wieder zurück – was bei einigen Ostfriesischen Inseln schon längst die Gäste begeistert, lässt auf Spiekeroog noch auf sich warten. Dabei sollte der „WattnExpress“ schon diese Woche, spätestens aber nach den Weihnachtsfeiertagen, Fahrt aufnehmen. Tideunabhängig kann die kleine Fähre mit 50 Plätzen und einem maximalen Tiefgang von nur 70 Zentimetern Insulanern wie Urlaubsgästen mehr Flexibilität bei der An- und Abreise bieten. In flotten 20 statt auf der regulären Fähre 45 Minuten geht es dann quasi jederzeit los. Getauft ist das neue, mehr als 20 Meter lange und fünf Meter breite Schiff in Aluminiumbauweise seit dem Wochenende.
Was und warum
Darum geht es: Spiekeroog wird tideunabhängiger. Der Start der neuen Express-Fähre verschiebt sich allerdings zum wiederholten Mal.
Vor allem interessant für: Inselfans
Deshalb berichten wir: Die Erreichbarkeit von Spiekeroog richtet sich noch weitestgehend nach den Gezeiten. Eine Expressfähre bricht damit. Das birgt Chancen, aber auch Risiken. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Zwischen Neuharlingersiel und Spiekeroog pendeln wird es dennoch vorerst nicht. Sehr zum Ärger von Ansgar Ohmes, Geschäftsführer der Nordseebad Spiekeroog GmbH (NSB): „Wir verlieren den gesamten Umsatz des Weihnachtsverkehrs.“ Es fehlt weiterhin die Pontonanlage, an der das Schiff im Hafen festmacht. Die muss per Schwerlasttransport aus Mecklenburg-Vorpommern geliefert werden. Der wurde aber bislang offenbar nicht von den zuständigen Behörden genehmigt. Er hoffe nun, dass die Genehmigung noch dieses Jahr kommt, sagte Ohmes Anfang der Woche auf Nachfrage. Die NSB und die Ems Maritime Offshore GmbH, eine Tochter der Reederei AG Ems, haben sich für das Projekt „WattnExpress“ zusammengetan. Der soll als zusätzlicher Baustein mit drei bis acht Abfahrten am Tag den Fährfahrplan ergänzen. Die Personenfahrgastschiffe „Spiekeroog I“ und „Spiekeroog IV“ der NSB verlassen jeden Hafen im Schnitt bis zu dreimal täglich.
Mehr Flexibilität für Insulaner
Nicht alle sind restlos von der Idee der schnellen Erreichbarkeit dank Leichtbaukonstruktion und optimiertem Rumpfdesign einer indonesischen Werft überzeugt: Sie steht im krassen Gegensatz zum entschleunigten Charme der grünen Insel. Die hat im Gegensatz zu ihren Nachbarn nicht einmal einen Flugplatz. „Im Takt der Gezeiten – das verwässert sich immer mehr“, erklärt Bürgermeister Patrick Kösters (parteilos). „Mit allen Vor- und Nachteilen.“ Aber Fakt ist eben auch: „Immer mehr stellen den Anspruch, die Insel auch außerhalb der Hochwasserzeiten zu erreichen. Das Schiff ist die konsequente Fortsetzung dessen, was seit den 1980ern läuft.“ Damals wurde die Insel zunächst mit einem Kutter tideunabhängig angesteuert.
Um wettbewerbsfähig gegenüber anderen tideunabhängig erreichbaren Inseln wie Langeoog oder Borkum zu bleiben, müsse Spiekeroog da mitziehen. Bislang bietet nur das private Inseltaxi BTS mit rund einem Viertel der Sitzplätze des neuen Expressschiffs tideunabhängige Fahrten nach Spiekeroog an. Der Service wird vorrangig von Handwerkern und Insulanern genutzt, weniger von Gästen. Das Gros der Touristen fährt Fähre. Das dürfte auch so bleiben, sagen der Bürgermeister und Inselpolizist André Basold übereinstimmend. Vorteile sehen beide vor allem für die Spiekerooger selbst. Kösters: „Die neue Verbindung wird das Inselleben bereichern.“ Nicht zuletzt, weil die Spiekerooger flexibler agieren können, unterstreicht Basold. Arztbesuche oder Behördengänge, die auf dem Festland ganz einfach zu regeln sind, seien für Insulaner sehr zeitaufwendig. Basold richtet seine Arbeitszeit stark nach den Fährzeiten und will dies auch weiterhin so handhaben. Bei An- und Abreise sei im Dorf viel los. Im Getümmel geht dann schon einmal ein Koffer oder sogar ein Kind verloren.
Chancen für Fachkräftemangel
Eine echte Chance sieht Kösters für den Arbeitsmarkt auf der Insel. Er könne sich vorstellen, dass für Arbeitnehmer vom Festland ein Job auf der Insel attraktiver werden könnte, denn: „Mit dem neuen Schiff ist ein verlässliches Pendeln besser möglich.“ Es gebe einige Stellen, beispielsweise in der Inselverwaltung selbst, die aktuell nicht besetzt werden könnten. Da herrsche ein katastrophaler Fachkräftemangel. Trotz guter Verdienstmöglichkeiten fänden sich keine Bewerber. Weil es beispielsweise keine Unterkünfte für sie gebe. Andere hätten Familien am Festland – und wollten dort nicht weg: „Der Schritt auf die Insel passt nicht für alle.“ Bislang gibt es Kösters zufolge kaum Pendler auf der Insel. Lediglich eine Handvoll Inselbewohner, die an den Wochenenden heimkehren, nachdem sie unter der Woche auf dem Festland gearbeitet haben. Auf Langeoog sieht das ganz anders aus: Einige Rathausmitarbeiter wohnen am Festland und nehmen die Fähre zur Arbeit.
Auch kurzzeitigere Arrangements wie eine Krankheits- oder Schwangerschaftsvertretung an der Inselschule seien bald besser zu regeln, freut sich Kösters, der aber auch weiß: „Das gilt nicht für alle Jobs.“ Für die Gastronomie mit ihren flexiblen Arbeitszeiten hält er die Anreise von Kräften vom Festland für wenig aussichtsreich. Und vielleicht ist das auch gut so: Einige Pendler vom Festland könnten das Leben auf Spiekeroog mit seinen rund 800 Einwohnern bereichern. Zu viele aber dürften es nicht werden, meint Kösters: „Die Insel darf kein Ort werden, in dem niemand mehr lebt.“ Das zu erreichen, wird eine Herausforderung für Bewohner, Rat und Verwaltung bleiben; „Da gucken wir genau hin.“