Osnabrück  Er macht das Licht an: Besuch bei Lichtkünstler Mischa Kuball

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 21.12.2022 09:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Konzeptkünstler Mischa Kuball in seinem Atelier in Düsseldorf. Foto: dpa
Konzeptkünstler Mischa Kuball in seinem Atelier in Düsseldorf. Foto: dpa
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Er sorgt für helles Licht - nicht nur in dunkler Jahreszeit. Mischa Kuball inszeniert ganze Stadträume. Bei einem Besuch erklärt er, was Licht besonders macht und warum er Weihnachtsmärkte nicht ausstehen kann.

Helle Flecken kreiseln langsam über die weiße Wand. Ein Projektor wirft Lichtphänomene in den leeren Raum. Mischa Kuball legt die Hand an das Kinn, schaut kritisch. „Hier unten bin ich wirklich für mich allein. Hier entwickle ich meine Projekte“, sagt der Mann, der mit seiner Lichtkunst Universitäten und Stadtplätze illuminiert, internationale Ausstellungsprojekte erarbeitet. Was er seine Halle nennt, ist ein Souterrain, irgendwo in Düsseldorf. Gleich darüber befindet sich ein Raum mit langem Tisch und Regalen voller Kunstkataloge. Unten ein Probenraum als Schattentheater, darüber ein Loft als Denkfabrik – Mischa Kuball arbeitet in Sphären, die Licht und Schatten zu entsprechen scheinen. Mal einsamer Tüftler, mal umtriebiger Netzwerker: Wer Kuball besucht, sieht sofort, dass Künstler heute beides sein müssen, weltabgewandt und zugleich mittendrin.

„Mein Atelier ist mein Kopf, mein Raum hat keine Wände“, sagt Kuball, der seine Kunst aus Licht modelliert, jenem Stoff, der ebenso flüchtig wie allgegenwärtig ist. Mit seinen Lichtprojekten war er im Jüdischen Museum Berlin ebenso zu Gast wie in Essen als Kulturhauptstadt Europas, bei der Lichtsicht-Biennale in Bad Rothenfelde nahe Osnabrück ebenso wie in Museen von Wolfsburg bis Leverkusen. Der Künstler als Erfinder, Projektentwerfer, Vordenker, Hochschulprofessor: Mischa Kuball umweht der Zugwind einer Welt der Geschwindigkeit.

„Ich habe ein hohes Energielevel. Mein Ruhepuls liegt bei 40“, sagt der Mann, der jeden Morgen läuft und die FAZ liest. Beschleunigt und tiefenentspannt zugleich, wie macht man das? Kuball lächelt nur und schaut alert durch blanke Brillengläser.

Kunst ist ein Spiel aus Kontakten: Der Düsseldorfer Kuball hat seine Karriere klug aus lauter Bewegungen gewoben. Eine ganze Reihe Kunstpreise, das Stipendium an der Villa Massimo, die Professur an der Kunsthochschule für Medien in Köln: Kuballs Vita, ein Temporausch? Während er seinen kleinen Fiat durch die Düsseldorfer Rushhour steuert, springt er im Gespräch jedenfalls zwischen Stadtpolitik und Platons Höhlengleichnis hin und her und erwähnt gleich noch, dass er Fan von Borussia Dortmund ist. Noch Fragen? Kuball hat die Antworten, im Sekundentakt. Die Fahrt geht nach Monheim am Rhein, das bislang außer dem Blick auf Leverkusens Industrieskyline nicht viel zu bieten hatte. Seit kurzem möbelt jedoch Bürgermeister Daniel Zimmermann die winzige Innenstadt auf – mit Kunst.

Markus Lüpertz hat hier seine Marke ebenso gesetzt wie die Bildhauerkollegen Tony Cragg und Jeppe Hein. Mischa Kuball setzt nun den leuchtenden Schlusspunkt mit seinem „Monheim Cube“, einem Würfel aus Leuchtschienen. Der Clou: Wenn Passanten das Würfelkonstrukt durchschreiten, flammt das Licht gleißend über die Schienen. Das geometrische Konstrukt als Lichtwunder: Der Cube bewegt sich auf der schmalen Grenze zwischen Kunstobjekt und Cityzeichen.

„Das ist ein Statement, oder?“, fragt Kuball mit blitzenden Augen, schaut durch sein Lichtgeviert in den dunklen Dezemberhimmel – und ist im nächsten Moment mit Passanten im Gespräch über sein Objekt, eilt Minuten später in eine Boutique, die eine ganze Kollektion aus Shirts, Hoodies und Caps bereithält, mit Kuballs „Cube“ als Signet. „Ich bin jemand, der Gesten produziert“, resümiert Kuball. Und Images, möchte man hinzufügen.

Er habe in den siebziger Jahren als Euphoriker des Lichts begonnen, erzählt der Künstler im Rückblick. Kein Wunder, erscheint doch seine Kunst als Kind einer Zeit der Machbarkeitseuphorie. Seine Installation „MetaLicht“, die die Bergische Universität Wuppertal seit 2015 abends in eine einzige Lichtspur auf dem Höhenrücken verwandelt, steht stellvertretend für eine Kunst, die ganze Stadträume neu prägen will. „Ich bin vom Lichteuphoriker zum Lichtskeptiker geworden“, beschreibt Kuball seinen Sinneswandel. Licht schaffe Aufmerksamkeit, markiere Öffentlichkeit. Inzwischen gebe es aber zu viel davon, findet Kuball. „Alle schreien nach Bedeutung. Aber was ist schon noch bedeutend? Das ist inflationär geworden“, sagt er, mit kritischer Wendung auch gegen die eigene Kunst der Lichtzeichen.

Und dennoch: „Wir sind Lichtwesen im Wortsinn“, klingt Kuball wieder euphorisch. Der Mensch trage das Licht im Körper. Das Licht bringt Klarheit, als Medium der Wahrheit. Kuball macht sein Medium inzwischen zum Träger kritischer Recherchen. Gerade zeigt er im Kasseler Fridericianum, alle fünf Jahre Hauptort der Documenta, eine Schau, die kritisch Emil Noldes Rolle im Nationalsozialismus untersucht. Kürzlich erst warf Kuball sein Licht auf das Werk des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner. Der Helligkeitszauberer will auch Philosoph, will Forscher sein. Kuball treibt sein Werk voran, indem er das Licht in neue Dimensionen trägt.

In Monheim hingegen schaut er begeistert auf seinen Cube, das neue Wahrzeichen des neuen, kleinen Florenz am Rhein. In einiger Entfernung leuchten die Dekorationen des Weihnachtsmarktes mit Kuballs Lichtwürfel um die Wette. Ob dieser Einsatz nicht inflationär sei, fragt der Künstler. Ein Freund der Weihnachtsmärkte ist er wohl nicht. „Das ist eine Überzeichnung, die etwas Vulgäres hat“, sagt er knapp und wendet sich wieder seinem Kubus zu. Der flammt eben auf, rein und hell und gleißend. Und Mischa Kuball strahlt über seine Kunst, die eine ganze Welt in ihr Licht tauchen soll. 

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