Medikamenten-Engpässe  Lauterbach erntet Kritik für Arznei-Vorstoß

Martin Alberts
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Von Martin Alberts
| 20.12.2022 18:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Fieberthermometer und Medikamente liegen auf einem Nachttisch. Gerade sind sehr viele Kinder krank. Auch deshalb ist es schwerer, an Medizin zu kommen. Foto: Weißbrod/DPA
Ein Fieberthermometer und Medikamente liegen auf einem Nachttisch. Gerade sind sehr viele Kinder krank. Auch deshalb ist es schwerer, an Medizin zu kommen. Foto: Weißbrod/DPA
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Gesundheitsminister Karl Lauterbach will die Festbeträge für Kinderarzneimittel erhöhen, um den derzeitigen Engpässen entgegenzuwirken. Landesapothekerverbands-Chef Berend Groeneveld aus Norden fürchtet: „Kurzfristig wird das nichts bewirken.“

Norden/Berlin - Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will die Versorgung mit Kinderarzneimitteln verbessern, indem die Krankenkassen ab sofort mehr für solche Medikamente bezahlen. Damit soll auf die derzeitigen Lieferengpässe reagiert werden, wie der Minister am Dienstag im ARD-„Morgenmagazin“ erläuterte: „Wir müssen diese Arzneimittel für Kinder aus den Festbeträgen herausnehmen, so dass die auch teurer verkauft werden. Da werde ich heute auch schon reagieren, dass die Krankenkassen angewiesen werden, 50 Prozent mehr zu zahlen als diesen Festbetrag“, sagte Lauterbach.

Patentgeschützte Medikamente seien in Deutschland eher teuer, erklärte Lauterbach. Für Arzneimittel ohne Patentschutz würden jedoch in der Regel niedrige Einheitspreise gezahlt, sogenannte Festbeträge. Deutschland sei für Hersteller kein attraktiver Markt, was dazu führe, dass stark gefragte Mittel eher in anderen Ländern wie den Niederlanden verkauft würden. „Da müssen die Preise sofort angehoben werden, das machen wir mit heutiger Wirkung.“

Kritik aus Ostfriesland: Der richtige Ansatz, aber die Umsetzung kommt zu spät

Lauterbachs Ansatz, die Preise anzuheben, sei zwar der richtige, sagte Berend Groeneveld, Vorstandsvorsitzender des Landesapothekerverbands Niedersachsen und Inhaber der Rats-Apotheke in Norden. Der Ostfriese machte mit Blick auf die geplante 50-Prozent-Anhebung aber auch deutlich: „Das wird nicht reichen.“ Die derzeit verfügbaren Fiebersäfte für Kinder etwa seien jetzt schon teurer. Groeneveld ist sich deshalb sicher: „Kurzfristig wird das nichts bewirken.“

Er sieht aber nicht nur Lauterbach und die Ampel-Koalition in der Verantwortung, sondern auch die vorangegangenen Regierungen in Berlin. Schließlich seien die Festbeträge schon lange zu niedrig angesetzt. „Man hat das System ausgeschöpft bis zum Gehtnichtmehr“, sagte Groeneveld unserer Redaktion. Sein Fazit: Lauterbachs Reaktion komme zu spät und die Preisanhebung falle zu gering aus.

Apotheker stehen derzeit vor großen Herausforderungen

Im Blick stehen beim Vorstoß des Ministers auch Apotheken, die sich bei gerade nicht lieferbaren Mitteln um Alternativen für die Kundinnen und Kunden kümmern. Groeneveld berichtete unserer Redaktion, dass die Apotheken darum bemüht seien, nicht verfügbare Medikamente selbst herzustellen. Doch auch hierbei stoße man an Grenzen: Die Wirkstoffe seien wegen der gestiegenen Nachfrage im Einkauf sehr teuer, zudem fehle es durch die derzeit hohe Zahl an Krankheitsfällen auch in Apotheken an Personal. Und letztlich sei auch das Material knapp, also die Flaschen in Medizinqualität, in die Arzneien an die Kundinnen und Kunden gegeben werden. „Die können wir ja nicht einfach in ein Gurkenglas abfüllen“, sagte Groeneveld.

Und was ändert sich nun für die Apotheker? „Ist ein Medikament nicht vorrätig, dürfen sie künftig ein wirkstoffgleiches Arzneimittel abgeben oder aus Pillen Säfte machen“, erläuterte Lauterbach am Dienstag. „Müssen sie dafür mit dem Arzt Rücksprache halten, wird das zusätzlich honoriert.“ Laut den Eckpunkten ist eine Pauschale von 50 Cent vorgesehen. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände nannte den Betrag „eine Frechheit“. Damit werde teils stundenlanger Arbeitsaufwand nicht ansatzweise bezuschusst. Landesverbandschef Groeneveld äußerte sich ähnlich.

Pharmaindustrie äußert sich positiv zu Lauterbachs Plänen

Der Minister hingegen rechnet mit schnellen Erfolgen der von ihm angestoßenen Maßnahmen. Er zeigte sich überzeugt, dass diese „sehr schnell wirken“. Zugleich wies er Kritik der Krankenkassen zurück, die von einem Weihnachtsgeschenk für die Pharmaunternehmen gesprochen hatten: „Ich glaube, das ist in erster Linie mal ein Geschenk an die Kinder.“ Das Geld sei sehr gut investiert. Die Kinder hätten in der Pandemie auf viel verzichten müssen. „Da kann es nicht sein, dass wir in der Weihnachtszeit den Kindern jetzt die Medikamente nicht bieten können. Dieses Geld ist da. Und das werden wir auch zur Verfügung stellen.“

Aus Sicht der Pharmabranche hingegen hat das Ministerium endlich erkannt, dass das „Hauptsache-Billig-Prinzip“ die Versorgung destabilisiere. Das gehe an die Wurzel des Problems, erklärte der Verband Pro Generika. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz erwartet keine kurzfristigen Wunder von den Plänen. „Sparwut der Kassen“ habe Pflegebedürftige und Schwerkranke längst erreicht, sagte Vorstand Eugen Brysch. Es fehlten Antibiotika und radioaktive Arzneimittel. „Das muss ein Ende haben.“

Mit Material von DPA

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