Seit 1. Dezember im Amt  Das plant der neue Leiter des Historischen Museums in Aurich

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 20.12.2022 14:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Hereinspaziert! Dr. Christopher Galler möchte die Besucherfrequenz im Historischen Museum erhöhen. Foto: Boschbach
Hereinspaziert! Dr. Christopher Galler möchte die Besucherfrequenz im Historischen Museum erhöhen. Foto: Boschbach
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Dr. Christopher Galler hat am 1. Dezember die Regie im Historischen Museum in Aurich übernommen. Seine Pläne für die Zukunft sind ehrgeizig. Die Zeichen stehen auf Veränderung.

Aurich - Das Klingelschild am Historischen Museum in Aurich ist noch von gestern. Der Name von Brigitte Junge, der ehemaligen Leiterin, ist darauf gedruckt, schätzungsweise in Punktgröße 9, also sehr klein. Normalerweise muss das Schild niemand lesen können. Die Tür zum Museum ist meistens geöffnet. Jetzt ist Winterpause. Also klingelt die Besucherin von der Zeitung, weil sie mit Dr. Christopher Galler, dem neuen Museumsleiter, verabredet ist. Ein Summton erklingt. Die Tür springt auf. „Tainted Love“, ein Soul-Song aus den 80ern, plärrt aus einem Makita-Radio, das auf den Stufen zum ersten Stockwerk steht. Handwerker haben die Regie im Historischen Museum übernommen.

Exponate sind mit Plastikfolien abgedeckt. Putzschäden werden repariert, Wände gestrichen. Frischer Wind im Museum. „Man muss in einem alten Gebäude immer die Hand dranhalten“, sagt Dr. Christopher Galler. Seit 1. Dezember ist er der Hausherr im Historischen Museum. Er möchte die Einrichtung prägen. Daran lässt er keinen Zweifel. Die derzeitige Ausstellung sei gut, sie müsse aber überarbeitet werden. Aktives Marketing sei erforderlich, um das Museum gerade auch für junge Leute interessant zu machen, sagt der 38-Jährige: „Wir wollen einen Instagram-Account einrichten.“ Es gehe darum, die Jugend zu begeistern.

In Workshops sollen Filme produziert werden

Wie will er das thematisch machen? Die nächste Sonderausstellung möchte er dem Thema Lego und Playmobil widmen. Es sei ein populäres Thema, das jeden anspreche, weil fast jeder in seiner Kindheit mal Berührung damit gehabt habe. Die Schau solle unterlegt werden mit Workshops, in denen die jungen Besucher aufgefordert werden, selbst aktiv zu werden. Dr. Christopher Galler zieht einen Flyer aus dem Regal, der vom Bomann-Museum in Celle stammt, seinem früheren Arbeitgeber. Dort gab es unter anderem die Möglichkeit, sogenannte Brickfilme zu produzieren. Das sind Filme mit Lego-Figuren, die mit einer bestimmten Technik animiert werden.

Ein weiteres Mittel, den Besucher direkt anzusprechen, seien Stadtlabore. Dort könne man im Museum für Sonderausstellungen an bestimmten Themen arbeiten. „Schön wäre es auch, wenn wir das Museum als außerschulischen Lernort etablieren könnten“, spricht der 38-Jährige einen weiteren Punkt an, den er gerne umsetzen möchte. Er selbst hätte es gut gefunden, wenn es in seinem Geschichtsunterricht damals die Möglichkeit gegeben hätte Themen wie die Industrialisierung oder bürgerliche Kultur im 19. Jahrhundert im Museum anschaulich zu machen.

Das Silber soll wieder in Aurich landen

Damit kommt der studierte Historiker und Germanist auf eine Zeit zu sprechen, in der die Basis für seinen Beruf gelegt wurde: „Bereits in der Schule war mein Interesse an geschichtlichen Themen sehr stark ausgeprägt. Es ist durch einen Lehrer forciert worden, der das sehr spannend vermitteln konnte.“ Sein Interesse war geweckt. Zielstrebig hat er nach dem Studium an der Universität in Hannover seine Promotion auf den Weg gebracht und dann beruflich beim Umbau des Bomann-Museums in Celle als Kurator mitgearbeitet. „Das war bestimmt die größte und umfassendste Umgestaltung, die das Museum in 100 Jahren erfahren hat“, sagt er. Daran beteiligt gewesen zu sein qualifiziere ihn auch für einen ähnlichen Prozess beim Historischen Museum in Aurich: „Das strebe ich auch an. Dafür benötigt man natürlich finanzielle Mittel.“

Die sind auch erforderlich, wenn Dr. Christopher Galler neue Exponate für die Dauerausstellung kaufen möchte. Dafür gebe es aber leider keinen Etat, bedauert der Leiter. Bietet also ein Auktionshaus das Porträt eines ostfriesischen Herrschers oder interessantes Silbergeschirr an, muss er sehen, wie er das Geld bei Stiftungen, Lotterien oder anderen Organisationen akquiriert. Das Silberinventar aus dem Auricher Schloss etwa wurde versteigert, als Ostfriesland preußisch wurde. „Es waren Schulden da. So ist das Silber in alle Welt verstreut worden.“ Wenn das irgendwo auftauche, müsse man natürlich sehen, dass man es wieder zurückhole.

Den dafür erforderlichen detektivischen Spürsinn hat Galler in der Vergangenheit schon bewiesen. Er hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bomann-Museums die Herkunft von rund 6000 Exponaten hinterfragt und erforscht. Mehrere Jahre lang hat er vieles, was zwischen 1933 und 1945 im Zugangsbuch verzeichnet wurde, genau unter die Lupe genommen. Mit der Erforschung der Beutekunst widmete er sich einem dunklen und viele Jahrzehnte lang verdrängten Kapitel der deutschen Geschichte. Mit viel Geduld und Forschergeist ist Dr. Christopher Galler der Frage nachgegangen, ob die Exponate auf normalem Weg erworben worden sind oder der Besitzer gezwungen wurde, sie weit unter dem eigentlichen Wert zu verkaufen. Diese Form des wissenschaftlichen Arbeitens nennt sich Provenienzforschung. Dieses Betätigungsfeld wird er in Aurich wohl erst mal auf Eis legen müssen.

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