Schäden durch Corona-Impfung  Binnen 24 Stunden war sie eine todkranke Frau

Marion Luppen
|
Von Marion Luppen
| 19.12.2022 20:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Corona-Impfung soll vor einer schweren Erkrankung schützen, doch sie birgt auch Risiken. Foto: Martínez Vélez/dpa
Die Corona-Impfung soll vor einer schweren Erkrankung schützen, doch sie birgt auch Risiken. Foto: Martínez Vélez/dpa
Artikel teilen:

Manche Menschen erleiden durch die Corona-Impfung gesundheitliche Schäden. Der Landkreis Aurich will ihnen nun helfen. Ein Arzt sah sich Vorwürfen ausgesetzt.

Aurich/Ihlow - Sie haben Zitteranfälle und Krämpfe. Einige können nicht mehr richtig sehen, nicht mehr richtig sprechen und kaum noch laufen: Bei manchen Menschen löst die Impfung gegen Covid-19 schwere Nebenwirkungen aus. Rund 25 Zuhörer sitzen am Montagnachmittag im Bürgerhaus am Ihler Meer, wo der Gesundheitsausschuss des Auricher Kreistags über das Thema Impfschäden diskutiert. Unter den Zuhörern sind mehrere Betroffene und ihre Angehörigen. Sie schildern in den Einwohnerfragestunden am Anfang und am Ende der Sitzung ihre Sorgen und Nöte.

Die Männer und Frauen wünschen sich eine Anlaufstelle im Landkreis Aurich. Sie haben es satt, an Experten in Berlin oder Marburg verwiesen zu werden. „Da muss man sich mal an die eigene Nase fassen“, sagt Alexander Meding aus Aurich. Der Landkreis Aurich könne „auch mal Vorreiter sein“.

„Ich bin kein Querdenker“

Meding ist in Begleitung seiner Frau Yvonne gekommen. Bis zur Covid-19-Impfung sei sie kerngesund gewesen, sagt der 50-Jährige. „Nicht mal 24 Stunden danach war sie eine todkranke Frau.“ Nur wenn ihr Ehemann sie stützt, kann die 47-Jährige ohne Rollator gehen. Vorher habe sie viermal in der Woche getanzt, sagt sie. „Ich bin kein Querdenker“, betont Alexander Meding. Er sei dreimal geimpft, genau wie seine vier erwachsenen Kinder.

Die Betroffenen fühlen sich von Ärzten nicht ernst genommen. Allzu oft würden ihre körperlichen Beschwerden als psychosomatisch abgetan. Bereits im Oktober hatte Jan Röbkes aus Wiesmoor dem Gesundheitsausschuss vom Schicksal seiner Lebensgefährtin Ann-Katrin Kruse berichtet, die ein Jahr nach der Impfung im Rollstuhl saß. Im November hatten Betroffene auch in der Kreistagssitzung auf ihr Anliegen aufmerksam gemacht. Das Kreistagsmitglied Detlev Krüger aus Südbrookmerland (Freie Wählergemeinschaft) bemüht sich schon seit Längerem um mehr Aufmerksamkeit für das Thema. Die Freien Wähler haben die Einrichtung einer Anlauf- und Beratungsstelle für Personen mit Impfkomplikationen (Post-Vac-Syndrom) beantragt.

„Das ist harter Tobak“

In der Ausschusssitzung referiert der Bremer Mediziner Julien Dufayet. Er ist Arzt für Innere Medizin und befasst sich mit dem Post-Vac-Syndrom und Langzeitfolgen von Covid-19 (Long Covid). Er sei schockiert, dass das Problem von vielen Kollegen belächelt werde, sagt Dufayet. Er behandele Patienten mit Post-Vac-Syndrom aus ganz Deutschland. Tagtäglich meldeten sich Betroffene bei ihm, weil ihre Hausärzte ihnen nicht helfen könnten. Seit zwei Jahren erlebe er die geballte Ignoranz seiner Berufskollegen. „Das ist harter Tobak. Ich bin schockiert.“

„Die Schulmedizin allein scheint es nicht zu schaffen, die Symptome und die Ursachen zu klären“, sagt Dufayet. Es gebe therapeutische Ansätze und Ideen, wie man den Betroffenen helfen könne. Konkret wird der Arzt trotz Nachfragen der Ausschussmitglieder nicht. Auch den genauen Zusammenhang zwischen den Symptomen und der Impfung kann er nicht erklären. Wegen der zeitlichen Nähe sei die Ursache jedoch offensichtlich, sagt Dufayet. Wenn nach der Impfung der Alltag des Betroffenen plötzlich ganz anders aussehe, könne man diesen Zusammenhang nicht leugnen. „Da gibt es nichts zu deuteln.“

„Wir müssen dem Glauben Wissen folgen lassen“

Der Ton wird schärfer: Das Kreistagsmitglied Theo Wimberg (SPD) aus Norden weist darauf hin, dass sich Dufayet auf seiner Homepage gegen die Covid-19-Impfung ausspreche. Das weist dieser zurück. Er sei kein Impfgegner. Er mache nur die vierte Corona-Impfung nicht mit, weil sie zu einer überschießenden Immunantwort führen könne. Wörtlich heißt es auf der Homepage: „In meiner Praxis werden keine Coronaimpfungen durchgeführt.“ Es gebe Alternativen, um sich vor Infektionen zu schützen, sagt Dufayet den Ausschussmitgliedern, ohne ins Detail zu gehen. Auf seiner Homepage ist von einem Mundantiseptikum die Rede. Vielversprechende Impfstoffe zur lokalen Anwendung im Nasenbereich seien in der Entwicklung, heißt es dort.

Ein anderer Arzt nimmt zu dem Vortrag Stellung. Der Chefarzt Dr. Jens Bräunlich vom Zentrum für Innere Medizin am Klinikum Emden weist auf den Unterschied zwischen Glauben und Wissen hin: Die Medizin wisse nicht, welche Symptome des Post-Vac-Syndroms wodurch ausgelöst würden, „und wir wissen schon gar nicht, was dagegen hilft“. Das alles müsse untersucht werden. „Wir müssen dem Glauben Wissen folgen lassen. Wir müssen untersuchen, was wir wirklich tun können.“

„Ohnmacht in der Ärzteschaft“

Soll der Arzt aus Bremen, der extra in den Ausschuss eingeladen worden ist, etwa als Corona-Leugner, als Impfgegner, als Querdenker hingestellt werden? Die kritischen Nachfragen der Ausschussmitglieder und die Entgegnung des Emder Chefarztes werden von den Zuhörern offensichtlich so empfunden. Der Umgang mit dem Mediziner sei „sehr respektlos“ gewesen, beklagt einer von ihnen. „Man hatte den Eindruck, er sitzt auf der Anklagebank.“

Ann-Katrin Kruse berichtet, sie sei von Mitarbeitern des Gesundheitsamtes verhöhnt worden, als sie ihre Symptome schilderte. Der Amtsarzt Dr. Sebastian Brückel zeigt sich davon sehr betroffen: „Ich bin schockiert. Ich kann Ihnen versichern, dass ich diese Problematik sehr, sehr ernst nehme.“ Er beobachte „eine gewisse Ohnmacht in der Ärzteschaft“, so Brückel. Diagnostik und Therapie von Impffolgen müssten dringend erforscht werden.

Landkreis gründet Arbeitsgruppe

Die Ausschussmitglieder wirken rat- und hilflos. Doch sie haben die Dringlichkeit des Problems erkannt und wollen sich um Hilfe für die Betroffenen bemühen. Mitte Januar soll sich eine Arbeitsgruppe treffen und Vorschläge erarbeiten, wie man dem Post-Vac-Syndroum begegnet. Jede Kreistagsfraktion wird einen Vertreter entsenden. Auch Betroffene sollen mitreden. Der Erste Kreisrat Dr. Frank Puchert will zudem die Kassenärztliche Vereinigung und die Kliniken mit ins Boot holen.

Unter den Zuhörern befindet sich der Bundestagsabgeordnete und Kreistagspolitiker Johann Saathoff (SPD, Pewsum). Er habe das Thema in der Landesgruppe angesprochen, berichtet er nach der Sitzung. In Ostfriesland scheine es besonders zu drängen. „In der Dramatik ist es in anderen Teilen Niedersachsens nicht beobachtet worden.“ Zumindest sei es nicht an die Abgeordneten herangetragen worden. Auch Saathoff betont, wie ernst er das Thema nehme. Es dürfe auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass negative Folgen der Impfung von der Politik verharmlost werden.

Ähnliche Artikel