Osnabrück  „Mord unter Misteln“ - So einen Tatort gab es noch nie

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 19.12.2022 16:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Als Constable Ivor Partridge und Chief Inspector Francis Lightmyer ermitteln Batic (Miroslav Nemec, links) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) im Münchner Weihnachts-Tatort „Mord unter Misteln“. Foto: BR/Bavaria Fiction GmbH/Hendrik Heiden
Als Constable Ivor Partridge und Chief Inspector Francis Lightmyer ermitteln Batic (Miroslav Nemec, links) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) im Münchner Weihnachts-Tatort „Mord unter Misteln“. Foto: BR/Bavaria Fiction GmbH/Hendrik Heiden
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Heute Abend gibt es traditionell einen neuen Weihnachts-Tatort im ARD-Programm: „Mord unter Misteln“ aus München ist wohl der bislang schrägste von allen.

Nein, liebe Tatort-Freunde. Wenn Sie heute Abend nach (fast) überstandenem Fest in den Fernsehsessel sinken, Ihren geliebten Sonntagskrimi ausnahmsweise mal an einem Montag einschalten und dann Bilder wie aus einer angestaubten Sherlock-Holmes-Verfilmung sehen, liegt es nicht daran, dass Sie zu ausgiebig von den Weinbrandbohnen genascht haben. Es ist tatsächlich ein Tatort, sogar einer aus Bayern, aber der soll diesmal etwas ganz Besonderes sein. Jo mei, ist denn dann immer noch Weihnachten?

Robert Löhr ist Schriftsteller und Drehbuchautor, 49 Jahre alt und hat noch nie die Vorlage zu einem Tatort geschrieben. Als die Anfrage des Bayerischen Rundfunks (BR) kam, fühlte er sich in einem Dilemma: „Als Tatort-Erstling sieht man sich einem bestehenden Opus von über 1.200 TV-Kriminalfällen gegenüber. Jede Mord-Methode, jedes Mord-Motiv und jedes Mord-Milieu, scheint es, wurde im Tatort schon einmal erzählt. Schier unmöglich, den Zuschauer da noch zu überraschen.” Aber dann brachte seine Tochter ihn auf eine Idee …

Die ewigen Münchner Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) sind neben ein paar anderen Kollegen von ihrem Assi Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) zu einem Weihnachtsessen eingeladen. Doch als sie dessen Wohnung betreten, fühlen sie sich wie auf einer vorgezogenen Faschingsparty. Denn Kalli hat ein Krimidinner vorbereitet - angesiedelt in einem britischen Herrenhaus vor hundert Jahren - und seine Gäste perfekt mit Kostümen ausgestattet. 

Alles Sträuben ist vergebens, die beiden knarzigen Kommissare verwandeln sich samt Outfit in „Detective Chief Inspector Francis Lightmyer” und „Detective Constable Ivor Partridge”. Und schon springt die Handlung nach Beckford Hall, wo es laut Batic alias Partridge „aussieht wie bei Rosamunde Pilcher”. Dort ist gerade der Butler ermordet worden, während Simone alias Lady Mona Bantam (Sunnyi Melles) ihre kleine Weihnachtsgesellschaft um sich versammelte. Aus diesem Kreis muss der Mörder kommen, den Lightmyer und Partridge nun versuchen zu überführen.

An diesem Punkt kann kein Kritiker mehr mit einfachem Daumen rauf oder runter weiterhelfen. So einen Film mag man oder auch nicht. Vielleicht hilft der Hinweis, dass man sich am besten von der Vorstellung verabschiedet, an diesem Abend gebe es einen neuen Tatort. Oder zumindest Robert Löhr attestiert, dass er zu seinem Debüt einen Tatort geschrieben hat, wie es noch keinen gab. Regisseur Jobst Christian Oetzmann verhalf er damit zu „einem schönen Höhepunkt in meinem beruflichen Leben”. Und dem Zuschauer helfen vielleicht ein paar zusätzliche Weinbrandbohnen.

Für den zuständigen Redakteur Cornelius Conrad ist das, was wir da sehen, aber gar kein Experiment, sondern „letztlich ein sehr klassischer Fall, bei dem die Mördersuche im Mittelpunkt steht”. Bei mittlerweile 90 Fällen für Leitmayr und Batic habe man sich auch mal einen „freudvollen Spaß” erlauben wollen. Seit die ARD dem Tatort eine Experimental-Quote verordnet hat, wird zwar weiter munter experimentiert, das Etikett aber bleibt in der Schublade.

Beim Bayerischen Rundfunk (BR) und der ARD jedenfalls freut man sich über diesen „Weihnachtstatort unter Misteln” und verspricht im Pressetext „ein britisch-bayerisches Winter-Wunder-Whodunit”. Ob da auch Weinbrandbohnen im Spiel waren?

Tatsächlich funktioniert dieses Krimidinner in der Anfangsphase erstaunlich gut. Wortwitz und Situationskomik prägen den Einstieg in dieses Spielchen, die historischen Kostüme und das Setting in auf britisch getrimmten bayerischen Schlössern tun ihr Übriges. Zudem setzt die wunderbare Sunnyi Melles, deren grandioser Auftritt in „Triangle of Sadness” gerade erst mit dem Europäischen Filmpreis (für den Film, warum nicht für sie?) geadelt wurde, dem Ganzen das schauspielerische Sahnehäubchen auf. Hinzu kommt die vom Rundfunkorchester des BR vertonte Musik des Komponisten Sebastian Fillenberg, die das Publikum in die Zeit des Stummfilms zu versetzen scheint.

Doch der anfängliche Zauber verflüchtigt sich so schnell, wie er gekommen ist. Die Dialoge können ihr Niveau nicht halten, mehr und mehr entsteht der Eindruck, einem abgefilmten Theaterstück mittlerer Güte zuzuschauen. Am Ende sitzt man etwas ratlos da und denkt: Daumen rauf oder Daumen runter? Lieber erst mal noch ‘ne Weinbrandbohne.

Tatort: Mord unter Misteln. Das Erste, Montag, 26. Dezember, 20.15 Uhr.

Wertung: 4 von 6 möglichen Sternen

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