München  Heribert Prantl: Warum Hoffnung bedeutet, zu handeln

Sina Wilke
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Von Sina Wilke
| 19.12.2022 12:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Heribert Prantl im Mai 2022 bei der Verleihung des Memminger Freiheitspreises. Foto: imago images/Nordphoto
Heribert Prantl im Mai 2022 bei der Verleihung des Memminger Freiheitspreises. Foto: imago images/Nordphoto
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Die Zeiten sind schwierig, also her mit der Hoffnung! Der Journalist Heribert Prantl erklärt, warum Hoffnung nie naiv ist, weshalb Hoffnungslosigkeit die Demokratie gefährdet und was ihn politisch zuversichtlich stimmt.

Weihnachten ist das Fest der Hoffnung. Doch vielen ist angesichts der Krisen die Aussicht auf bessere Zeiten abhandengekommen. Heribert Prantl hat das Buch „Die Kraft der Hoffnung“ geschrieben. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, warum sie so wichtig ist.

Frage: Herr Prantl, wir leben in einer Zeit der großen Krisen. Wie geht es der Hoffnung?

Antwort: Es wäre schön, wenn es ihr besser ginge. Wir hatten uns ja alle den Ausgang aus der Corona-Pandemie anders vorgestellt. Nun folgt auf die Pandemie der Ukraine-Krieg und über all dem wölbt sich die Klimakatastrophe. Wir brauchen jetzt nicht einfach nur Aufrüstung, Biontech und Moderna, sondern auch Hoffnung: Ideen, Menschen und Visionen, die eine aus den Fugen geratene Welt neu und gerecht ordnen. Wir brauchen eine Politik, die die gespaltene Gesellschaft wieder zusammenführt.

Frage: Wie kann ihr das gelingen?

Antwort: Ich habe mir immer gewünscht, dass es nach der Coronakrise einen großen runden Tisch gibt, an dem alle ihre Erfahrungen einbringen: Pädagogen, Elternvertreter, Psychologen, Verfassungsjuristen, Mediziner… Und man fragt: Was ist gut oder schlecht gelaufen, was darf nie mehr passieren? So ein runder Tisch wäre auch ein großer Tisch der Hoffnung, dass man die Dinge nicht einfach erleidet, sondern bei der nächsten Katastrophe niedergelegte Erfahrungen hat.

Frage: Spontan würde ich sagen, dass Hoffnung etwas Passives ist. Aber Sie beschreiben sie als aktiv.

Antwort: Hoffnung ist nichts Passives. Optimismus ist passiv, er ist die Überzeugung, dass etwas schon irgendwie gut ausgeht. Hoffnung aber ist eine Lebenskraft. Wenn andere resignieren, ist es die Kraft, den Kopf hochzuhalten. Wenn alles fehlzuschlagen scheint, ist es die Kraft, Rückschläge zu ertragen. Hoffnung ist die Haltung, sich nicht einfach treiben zu lassen, sondern zu sagen: Ich tue etwas im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Frage: Trotzdem fühlt man sich ja machtlos. Der Soziologe Steffen Mau hat kürzlich in einem Interview gesagt: „Wie die Menschen mit Veränderungen zurechtkommen, hängt stark davon ab, ob sie sie passiv erdulden oder die Umbrüche mitgestalten.“ Aber wie kann man zu dieser Selbstwirksamkeit kommen?

Antwort: Mit kraftvoller Zuversicht. Indem man begreift, dass man selbst Teil der Zukunft ist. Nicht jeder ist Politiker und kann mit Putin verhandeln. Aber wenn ich Lehrer bin, kann ich mit meiner Klasse diskutieren, wenn ich Richter bin, kann ich mich fragen, wie ich mit den Klimaschützern umgehe…

Frage: Und wenn ich weder das eine noch das andere bin?

Antwort: Nicht ablenken, wenn über die Zukunftsthemen geredet wird, politisch aktiv sein. Das beginnt mit dem Abschied vom Satz, dass man alleine gar nichts bewirken kann. Das beginnt beim Leserbriefschreiben und beim positiv-hoffnungsvollen Twittern und endet noch nicht mit der Diskussion beim Familienessen. Jeder nutzt Verkehrsmittel. Welche nutzt er und wann? Jeder isst jeden Tag. Was isst er? Das sind Winzigkeiten, aber in der Addition wird aus Winzigkeiten etwas Großes. Und es entsteht das Grundgefühl, dass nicht alles über mich hinwegrollt. Aus der Alltagsgestaltung jedes einzelnen Menschen wird dann Zukunftsgestaltung.

Frage: Wie kann uns Weihnachten Hoffnung geben?

Antwort: Weihnachten hat die schöne Botschaft „Friede den Menschen auf Erden“, aber wenn wir uns die letzten 2000 Jahre anschauen, und wenn wir uns anschauen, was seit dem 24. Februar in der Ukraine passiert, dann stellt man sich schon die Frage: Ist das womöglich eine Art barmherzige Lüge, um die Hoffnung am Leben zu halten?

Frage: Und – ist es eine?

Antwort: Es ist der Versuch, den Menschen zu sagen, dass sie das Überwinden der von ihnen angerichteten Katastrophen selbst in der Hand haben. Weihnachten ist eigentlich ein possierliches Fest: Der liebe Gott ist dann sehr klein, er ist ein Kind! Jetzt kann man sich fragen, was das soll, dass der Herrgott, der große Gestalter, plötzlich ein Kind ist. Aber es könnte sein, dass die Menschen verstehen sollen, dass sie das Überwinden der Katastrophen nicht Gott dem Herrn überlassen können. Und dann ist Weihnachten gar nichts Possierliches mehr, sondern verlangt viel: nämlich Beten und Arbeiten an einer besseren Welt.

Antwort: Und jetzt sind wir wieder bei der Hoffnung: Es stimmt nicht, dass die Zukunft einfach daherkommt. Es gibt kein historisches Gesetz, dass der Meeresspiegel steigt, die Regenwälder verschwinden, ein Völkermord dem anderen folgt. Für all das gibt es Ursachen. Und wenn der liebe Gott so klein ist wie an Weihnachten, ein Christkind, wird klar, dass man selber was tun muss – denn auf das Kind kann man es nicht abladen. Und Weihnachten könnte darüber hinaus heißen, und das ist ein Hoffnungssatz: Wenn der Gott Mensch werden konnte, kann vielleicht auch der Mensch menschlich werden und etwas dagegen tun, dass es mit dem Kriegführen immer so weitergeht.

Frage: Sie haben mal geschrieben, dass wir in der „Furchtbarkeit der Zeit schwelgen“. Klingt, als würden wir unser Selbstmitleid und unsere Lethargie geradezu genießen.

Antwort: Ja, manchmal propagieren wir es. Dieses „Greueln“, wie es mal der längst verstorbene Kollege Sebastian Haffner formuliert hat, fällt in Zeit der Autokraten nicht so schwer. Es gibt eine Lust am katastrophischen Denken: „Alles wird immer schlimmer.“ Diese negative Lust ist gefährlich, weil sie die Hoffnung zerstört, die nötig ist, um die Krise zu bewältigen.

Frage: Ich habe den Eindruck, dass viele Leser – etwa in den sozialen Netzwerken – destruktiv kommentieren, selten konstruktiv. Wie kommt das?

Antwort: Ich habe auch manchmal das Gefühl, dass die Kommentierung in den Zeitungen destruktiv ist! Die Destruktivität der Leser kann auch ein Echo auf das sein, was in Kommentaren angetippt wird. Was immer Habeck macht, was immer der Kanzler macht – alles ist falsch. Wenn Sie so eine Stimmung verbreiten, führt das zur Gesamtresignation. Hoffnung ist aber die Gewissheit, dass Sinn hat, was ich mache.

Frage: Auch wenn es als dumm oder naiv erscheint?

Antwort: Ich halte unendlich viel von dem Satz, den Václac Havel einmal formuliert hat: „Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Nelson Mandela hockt jahrzehntelang im Gefängnis und hat Hoffnung gehabt. Er lebt, leidet und kämpft für ein besseres Südafrika. Und wenn er gestorben wäre, bevor es ein neues Südafrika gab, wäre seine Hoffnung trotzdem nicht falsch gewesen.

Frage: Hoffnung ist also nie umsonst?

Antwort: Nein. Weil sie den Menschen selber verändert. Wenn ich im Altenheim helfe, schaffe ich es nicht, das Pflegesystem zu ändern, aber ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.

Frage: Inwiefern ist Hoffnungslosigkeit nicht nur ein Symptom von Krisen, sondern auch deren Auslöser?

Antwort: Wenn man sich dahintreiben lässt und eine resignative Grundhaltung hat, dann ist Hoffnungslosigkeit etwas sehr Undemokratisches. Denn Demokratie ist der Wille, Zukunft gemeinsam zu gestalten. Hoffnungslosigkeit aber ist das Gegenteil von Zukunftsgestaltung.

Frage: Also ist Hoffnungslosigkeit eine Gefahr für die Demokratie?

Antwort: Genau.

Frage: Was gibt momentan Anlass zur Hoffnung?

Antwort: Nehmen wir Europa. Das haben viele schon aufgegeben: der Brexit, der Orban, die Polen… Aber die Art und Weise, wie Europa in dieser furchtbaren Kriegssituation gegen Putin zusammensteht, ist für mich ein Zeichen der Hoffnung.

Heribert Prantl: Die Kraft der Hoffnung. Denkanstöße in schwierigen Zeiten. Süddeutsche Zeitung Edition 2017, ISBN 978-3864974236

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