Georgsmarienhütte Anne-Marie Großmann: „Ich bin privilegiert, ins eigene Unternehmen einsteigen zu dürfen”
Vor fast zwei Jahren hat Anne-Marie Großmann die Seiten gewechselt: vom Aufsichtsrat in die Geschäftsführung der GMH Gruppe. Ein Generationenthema für die 34-Jährige ist die Nachhaltigkeit - und das Ziel, das Stahlwerk und die Unternehmensgruppe klimaneutral aufzustellen.
Das Unternehmen fit machen für die nächste Generation, das ist das Ziel von Anne-Marie Großmann, wenn es um die GMH Gruppe geht. Vor fast zwei Jahren hat die 34-Jährige ihre Perspektive auf die von ihrem Vater gegründete Unternehmensgruppe gewechselt: Ihren Aufsichtsratsposten hat sie aufgegeben und stattdessen die Geschäftsführung der GMH Holding komplettiert.
Damit steht Anne-Marie Großmann an der Spitze eines Unternehmens, in dessen Branche Frauen eher seltener zu finden sind. „Das Image der Stahlindustrie ist nicht gerade sexy. Leider, sie bietet gut bezahlte Arbeitsplätze und man kann Karriere machen. Ich würde mir mehr Frauen in der Industrie wünschen.” Die Arbeit sei an vielen Arbeitsplätzen nicht so körperlich herausfordernd wie manch einer denken möge. Stattdessen sei „Grips und die Weiterentwicklung von Produkten” gefragt, sagt die Unternehmerin.
Trotz ihres kaufmännischen Hintergrunds fasziniert sie der Werkstoff Stahl, sagt Großmann. „Alles, mit dem wir täglich in Berührung kommen, hat in irgendeiner Weise mit Stahl zu tun: Mobilität vom Auto bis zur Straßenbahn und Wohnen und Bauen sind nur einige Beispiele.” Das Material sei unglaublich vielfältig - und recyclingfähig, ergänzt die 34-Jährige.
Sie selbst ist mit dem Stahlwerk aufgewachsen. Ihr Vater Jürgen Großmann war ein Hoffnungsträger, als er 1993 das damals ins Straucheln geratene Stahlwerk für den symbolischen Betrag von zwei D-Mark vom Klöckner-Konzern übernahm. Dort war Großmann Vorstand. „Das Werk hat meine Geschwister und mich immer begleitet. Für mich ist das eine tolle Chance. Ich bin privilegiert, ins eigene Unternehmen einsteigen zu dürfen.”
Eine Chance, die allerdings auch ihre Herausforderungen mit sich bringt. Die Stahlindustrie ist im Umbruch. Die Stahlerzeugung machte vor der Corona-Pandemie mit mehr als 50 Millionen Tonnen rund 30 Prozent der industriellen und damit 7 Prozent der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland aus. Die Stahlproduktion im Osnabrücker Werk ist dabei vergleichsweise CO2-arm.
Der Grund: Das Stahlwerk produziert im Elektroofen und nicht auf der Hochofenroute. Statt 1,8 Tonnen CO2 pro Tonne produziertem Stahl liegt der Ausstoß somit bei nur 0,4 Tonnen. „Durch die mutige Entscheidung meines Vaters in den 1990er Jahren haben wir einen gewissen Vorsprung in Sachen Nachhaltigkeit”, sagt Anne-Marie Großmann heute. Es war 1994 der erste Gleichstrom-Elektro-Lichtbogen-Ofen Europas, der in Georgsmarienhütte in Betrieb ging. Und eine riesige Investition.
Die Herausforderung in Sachen Nachhaltigkeit liegt heute vor allem darin, grünen Strom für die Produktion zu bekommen. Etwa 600 Gigawattstunden verbraucht alleine der Standort Georgsmarienhütte, insgesamt wird in der GMH Gruppe mit ihren über 20 Standorten etwa eine Terawattstunde Strom pro Jahr benötigt - das ist mehr als die 170.000-Einwohner-Stadt Osnabrück verbraucht.
Eine einzelne Maßnahme wird diesen Bedarf nicht decken. „Unser Ziel ist es, entweder selbst in den Bau von Wind- und Solarparks zu investieren, oder auch Partnerschaften einzugehen”, stellt Anne-Marie Großmann in Aussicht. Eine dieser Partnerschaften haben die GMHütter im September mit Energieversorger EWE geschlossen. Der Solarpark Burhafe in Ostfriesland wird künftig das Elektrostahlwerk Georgsmarienhütte beliefern. Dadurch steigt der Stromanteil, der aus Erneuerbaren gedeckt werden kann, dem Unternehmen zufolge auf 30 Prozent.
Auch einen eigenen Solarpark würde das Unternehmen gerne bauen. „Ich hoffe, dass das jetzt schnell geht. Wir brauchen für jeden Standort eine eigene Strategie. Je näher an den Werken die Flächen liegen desto besser können wir den erzeugten Strom direkt verbrauchen”, so Großmann. In Osnabrück hat die Georgsmarienhütte GmbH bereits Pläne. Auf einer ehemaligen Deponiefläche in Malbergen, dem insgesamt um die 30.000 Quadratmeter großen Gelände des ehemaligen Zwischenlagers Westerkamp, plant das Unternehmen die Installation einer rund 20.000 Quadratmeter großen Photovoltaikanlage.
Zwei Millionen Kilowattstunden Strom jährlich sollen aktuellen Berechnungen zufolge dort erzeugt werden. Das Klare Ziel der Gruppe sei es: Null Emission bis 2039 und die Hälfte von der heutigen bis 2030, sagt Anne-Marie Großmann. Dazu leisten auch kleinere PV-Anlagen an den Werken ihren Beitrag.
Ganz autark allerdings werde weder das Stahlwerk in Georgsmarienhütte noch eines der mehr als 20 zur Gruppe gehörenden Unternehmen sein. „Gerade im Stahlwerk müssen wir sicherstellen, dass die Versorgung des Ofens immer gesichert ist. Einen Netzanschluss und zugekauften Strom in Zeiten, in denen wir nicht selbst produzieren können, wird es immer brauchen.”
Das macht auch ein Dilemma deutlich, in dem sich die GMH Gruppe befindet. Sie ist auf die Erzeugung von Grünstrom in Deutschland angewiesen - zu wettbewerbsfähigen Preisen, wie Großmann betont. Die Konkurrenz des Georgsmarienhütter Stahlwerks, das vor allem für die Automobilindustrie produziert, ist nicht nur in Deutschland, sondern europa- und weltweit. Und damit auch in Regionen, in denen Energie deutlich günstiger ist
„Bleiben die Energiekosten auf dem Zehn- bis Zwanzigfachen des Durchschnittspreises der vergangenen Jahre, dann wäre Elektrostahl aus Deutschland nicht mehr konkurrenzfähig”, warnt die GMH-Geschäftsführerin. Kurzfristig habe die Stahlindustrie in Deutschland es geschafft, die Preise an die gestiegenen Produktionskosten anzupassen. „Mittelfristig werden sich jedoch vermehrt Kunden im Ausland nach Alternativen umschauen, wenn die Energiepreise in Deutschland nicht wieder sinken”, prognostiziert Großmann.
Trotz der aktuellen Herausforderungen sieht sie großes Potenzial für Stahl aus Deutschland. „Gerade mit Blick auf grünen Stahl. Auch, wenn die Bereitschaft, höhere Preise zu zahlen, in der Krise nicht hoch ist. Aber das kommt.” An einer umweltfreundlichen Produktion führt für die Anne-Marie Großmann kein Weg vorbei. „Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, wenn wir klimaneutral werden wollen. Und für die Georgsmarienhütte kann eine grüne Produktion langfristig zum Vorteil im Wettbewerb werden.”
Darauf setzt die 34-Jährige und stellt sich den Herausforderungen. In einem anderen Feld zu arbeiten, kann sie sich nicht vorstellen. Auch, wenn die vergangenen 25 Jahre des Familienunternehmens nicht durchweg erfolgreich waren. Die Unternehmensgruppe ist in dieser Zeit stark geschrumpft. „Wir wollen auch in Zukunft in der Lage sein, Arbeitsplätze zu sichern. Da macht es Sinn, Geschäftsfelder rechts und links, die nicht so gut zum Kerngeschäft passen, zurechtzustutzen und nach vorne zu schauen”, sagt Anne-Marie Großmann mit Blick auf diese Zeit. Eine solche Phase habe die GMH Gruppe wie viele andere Firmen durchlaufen. „Jetzt sind wir wieder in der Wachstumsphase.”
Die Auslastung im Stahlwerk sei derzeit gut. Eine Prognose, wie die Situation in einem halben Jahr aussieht, wagt die Unternehmerin aber nicht. „Die kann derzeit niemand geben. Wir stellen uns flexibel auf und sind uns bewusst, dass das für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch eine hohe Belastung ist.”
Sie selbst fühlt sich nach zwei Jahren „wirklich angekommen”, sagt Anne-Marie Großmann mit einem Blick zurück auf den Wechsel ins operative Geschäft. Und schlägt den Bogen zurück zu den fehlenden Frauen in der Stahlindustrie. „Wir werden die Herausforderungen der Transformation nicht meistern, wenn wir nur die Hälfte des Arbeitsmarkts ansprechen.” Die GMH Gruppe selbst habe es sich zum Ziel gesetzt, die bescheidene Frauenquote von 9 Prozent auf mindestens 20 Prozent bis 2030 zu bringen.