Energieversorgung Der Kanzler, das LNG-Terminal und eine Botschaft an Putin
„Es geht, unser Land kann auch Tempo“, erklärte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), als er Deutschlands erstes schwimmendes LNG-Terminal vor Wilhelmshaven eröffnete. Nicht seine einzige Botschaft.
Wilhelmshaven - Wetter und Jahreszeit haben einen nicht ganz unpassenden Rahmen für die Eröffnung von Deutschlands erstem LNG-Terminal geliefert: Bei scharfem Wind und knackigen Minustemperaturen hat Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die „Hoegh Esperanza“ am Sonnabendmittag quasi offiziell in Betrieb genommen. „Die Energieversorgung unseres Landes ist in diesem Winter wohl gesichert“, erklärte Scholz an Bord eines Ausflugsschiffes, mit dem er das schwimmende LNG-Terminal vor Wilhelmshaven von der Wasserseite aus begutachtete.
Was und warum
Darum geht es: Deutschlands erstes LNG-Terminal vor Wilhelmshaven wurde vom Bundeskanzler eingeweiht.
Vor allem interessant für: Gaskunden, Küstenbewohner
Deshalb berichten wir: Wir waren mit an Bord. Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de
Dieses Spezialschiff war erst zwei Tage zuvor angekommen. Es liegt fest an einem eigens umgebauten Industrieanleger zwischen Wilhelmshaven und dem nördlich gelegenen Küstenörtchen Hooksiel und wird seinen vollständigen Betrieb voraussichtlich am kommenden Donnerstag aufnehmen. Und das bedeutet: Es wird beginnen, das selbst mitgebrachte verflüssigte Erdgas (LNG) in das deutsche Gasnetz einzuspeisen. In Gasform wohlgemerkt, die „Hoegh Esperanza“ ist technisch in der Lage, verflüssigtes Erdgas zu regasifizieren. Das Schiff ist im Grunde eine schwimmende Industrieanlage.
Die Politik
„Wilhelmshaven ist erst der Anfang“, so Scholz weiter auf dem zugigen Außendeck. In den kommenden Wochen und Monaten würden weitere schwimmende LNG-Terminals folgen, in Lubmin, in Stade und Brunsbüttel. Wilhelmshaven wird noch ein zweites bekommen. Ende nächsten Jahres, so Scholz, werde Deutschland voraussichtlich über eine Importkapazität von mehr als 30 Milliarden Kubikmeter Gas verfügen, allein über die norddeutschen Küsten. Das entspreche mehr als der Hälfte der gesamten Gasmenge, die im vergangenen Jahr durch die Pipelines aus Russland geflossen sei. „Putin hat gedacht, er kann uns erpressen“, erklärte Scholz. Man lasse sich aber nicht erpressen. Deutschland bezog jahrzehntelang den größten Teil seines Erdgases per Pipeline aus Russland. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar beschloss die Bundesregierung, diese Abhängigkeit zu beenden und stattdessen Erdgas aus anderen Ländern zu kaufen, in Form von LNG. Russlands selbst beendete seine Gaslieferungen an Deutschland.
Der Kanzler wollte an diesem Sonnabend noch eine andere Botschaft loswerden: „Es geht, unser Land kann auch Tempo.“ Wenn er im Ausland unterwegs sei, schilderte der Kanzler, begegne ihm oft Ungläubigkeit wegen der Geschwindigkeit, mit der Deutschland sich aus der Abhängigkeit von Russland lösen wolle. Viele, so seine Überzeugung, hätten es den Deutschen wohl auch nicht zugetraut. Nun ging es also doch: Zwischen Scholz‘ Bundestagsrede, in der er eigene LNG-Terminals ankündigte, und der Eröffnung am Sonnabend, liegen knappe zehn Monate.
Der Betrieb
Die „Hoegh Esperanza“ ist eines von fünf Spezialschiffen, die die Bundesregierung im Mai charterte, um möglichst schnell LNG importieren zu können. Diese sogenannten FSRU (englisch: Floating Storage and Regasification Unit, also schwimmende Speicher- und Regasifizierungseinheit) können deutlich schneller in Betrieb genommen werden, als LNG-Terminals an Land; denn die müssen erst gebaut werden. Über Weihnachten soll nun das erste per LNG hertransportierte Gas ins Netz gepumpt werden. Denn die „Esperanza“ kam schon voll beladen, mit rund 170.000 Kubikmeter Gas an Bord.
Ab Mitte Januar soll dann wöchentlich ein LNG-Transportschiff nach Wilhelmshaven kommen, neben der FSRU anlegen und die Fracht übergeben. Nach Angaben des Energieunternehmens Uniper, das das schwimmende Terminal im Auftrag der Bundesregierung betreibt, dauert das ein bis zwei Tage. An Bord der „Esperanza“ wird das mit 162 Grad minus angelieferte Flüssigerdgas erwärmt, regasifiziert und über einen Zeitraum von vier bis fünf Tagen ins Netz abgegeben. Übrigens: Drohen schwere Stürme, stellt die „Esperanza“ ihren Betrieb ein, löst sich vom Anleger und fährt raus auf See. Uniper rechnet nach eigenen Angaben damit, dass das ein bis zweimal im Jahr passieren kann.
Der Aufwand
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) war am Sonnabend ebenfalls mit an Bord des Ausflugsschiffs „Helgoland“, und er fand ein paar treffende Worte zu Art und Umfang dieses Politikertermins: „So viel war hier nicht los seit der Eröffnung des Hafens durch Kaiser Wilhelm!“ Gut möglich. Zur Eröffnung waren der Bundeskanzler und seine beiden Minister für Wirtschaft (Robert Habeck, Grüne) und Finanzen (Christian Lindner, FDP) angereist sowie Weil selbst mit zwei weiteren Landesministern. Dazu kamen gut 400 weitere Gäste aus Politik, Unternehmen und Behörden und noch einmal 100 Journalisten.
Aus Sicherheitsgründen startete diese Besichtigungstour auch nicht – wie andere in den vergangenen Monaten – im Hooksieler Außenhafen. „Die Helgoland“ startete vom Marinestützpunkt im südlichen Wilhelmshaven. An Bord kam nur, wer angemeldet und mehrfach kontrolliert worden war.
Die Kritik
Am Sonnabend hatte sich gut ein Dutzend Demonstranten in der Nähe des Sammelplatzes für die Gäste der LNG-Terminal-Eröffnung eingefunden. Scharf beobachtet von mindestens der gleichen Zahl an Polizisten. Das Tempo, mit dem die LNG-Vorhaben vorangetrieben werden, schien anfangs viele Umwelt- und Naturschutzverbände etwas abzuhängen. „Wir hecheln der Politik hinterher“, erklärte Constantin Zerger von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) schon während eines Interviews im April. Das war auch bei Umweltverbänden vor Ort in den ersten Monaten immer wieder zu hören. „Wir können gar nicht mithalten bei dem, was wir hier ständig auf den Tisch kriegen“, kritisierte Rainer Büscher vom BUND Wilhelmshaven im Mai am Rande einer Demo in der Jadestadt. Andere Kritiker gingen gleich konkret zu Werke: Mitte August besetzten mehrere hundert Mitglieder der Gruppierung „Ende Gelände“ eine Baustelle, auf der die Rohre für die neue LNG-Leitung lagerten. „Dies ist ein Tatort für Klimaverbrechen“, erklärte eine Sprecherin die Aktion.
Die Kritiker eint, dass sie die weitere Nutzung fossiler Energie ablehnen; ganz besonders wenn es um Erdgas geht, das möglicherweise durch klimaschädliche Fracking-Verfahren gewonnen wurde. Das auf diese Weise aus der Erde geholte Gas wird in der Regel als LNG verschifft. Im konkreten Fall der „Hoegh Esperanza“ haben die Kritiker aber noch ein Verfahren im Blick, das sie für besonders umweltschädlich halten. An Bord des Schiffes werden Biozide eingesetzt, um ein Rohrsystem frei von Algen und Muscheln zu halten. Durch dieses Rohrsystem wird Nordseewasser gepumpt, das auf diese Weise beim Erwärmen und Regasifizieren des flüssigen LNG helfen soll. Biozide sind Chemikalien oder Mikroorganismen zur Bekämpfung von Schädlingen. Und gelangt nach dem Durchspülen der Rohre in die Nordsee. In diesem Fall geht es auch um Chlor.
Eine erste Klage gegen das LNG-Projekt in Wilhelmshaven gibt es nach Auskunft der DUH schon. Nun will der Verband weitere rechtliche Schritte einleiten, um den Betrieb der geplanten LNG-Terminals in Deutschland zeitlich stärker einzuschränken. Die Bundesregierung hat die fünf FSRU für zehn bis 15 Jahre gechartert.
Erstes schwimmendes LNG-Terminal hat an Küste festgemacht
LNG-Leitung wird an Gasnetz angeschlossen
LNG-Terminal in Wilhelmshaven – Kritik und eine erste Klage