Notfälle in Ostfriesland 103 Minuten auf Rettungsdienst gewartet – massiver Blutverlust
Die Hilfsfrist in Notfällen beträgt in Niedersachsen 15 Minuten. Doch in Ostfriesland kann es 103 Minuten dauern, bis ein einsatzfähiger Rettungswagen kommt. Massiver Blutverlust kann die Folge sein.
Ostfriesland - Wenn Rettungsdienste die Hilfsfrist-Regeln einhalten, heißt das nicht automatisch, dass spätestens nach 15 Minuten Hilfe da ist. Was bedeutet es also, wenn von den Leitstellen in Wittmund und Emden die Information kommt, die Hilfsfristen hätten in diesem Jahr trotz Personalengpässen eingehalten werden können?
Statistisch bedeutet es, dass in mindestens 95 Prozent der Notfälle spätestens 15 Minuten nach dem Notruf der Rettungswagen oder der Notarzt vor Ort war. Doch was kann einem in den Notfällen jenseits der 95 Prozent passieren?
Wie lange ein Zwölfjähriger mit Riesenschnittwunde warten musste
Auf unsere Berichterstattung über die Rettungsdienst-Situation in Ostfriesland hin hat sich ein Großvater aus Großheide gemeldet. Im Sommer sei sein Enkel zu Besuch gewesen und habe sich bei einem häuslichen Unfall „schwer verletzt“. Der Zwölfjährige sei auf einen Schirmständer aus Glas gefallen, der dabei zerbrochen sei. Die Spitze habe eine rund 15 Zentimeter lange und drei Zentimeter breite Schnittwunde am Po verursacht. Eine starke Blutung sei die Folge gewesen. „Der Rettungsdienst brauchte geschlagene 40 Minuten, um von Moordorf nach Großheide zu kommen“, berichtet der Opa – er sei bei weiteren Anrufen vertröstet werden, dass es nun mal nicht schneller gehe. „Erklären Sie einem schwerverletzten 12-Jährigen, dass es fast eine Dreiviertelstunde dauert, bis Rettung kommt…“
Auf Anfrage bei der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland schildert deren Leiter Tomke F. Albers den Vorgang etwas abweichend: „Der Rettungswagen ist 25 Minuten nach Notrufeingang vor Ort gewesen.“ Damit liegt er aber immer noch zehn Minuten über die 15-minütigen Hilfsfrist. Der Grund dafür waren weder dichter Verkehr noch eine grenzwertige Entfernung zur nächsten Rettungswache. „Die Fahrzeuge der Rettungswachen Norden und Nesse waren bereits im Einsatz“, schreibt Albers, daher sei ein Rettungsfahrzeug aus Moordorf gekommen – und das aufgrund der Dringlichkeit mit Alarm. Dem widerspricht der Großvater jedoch: „Der Wagen kam ohne Alarm angefahren.“ Das war am 28. Juni.
Wie lange ein Schlaganfall-Patient warten musste
Auch eine Hausärztin aus Ostfriesland meldete sich auf unsere Berichterstattung hin: „Am 14. Juli hatte ich einen Patienten mit Schlaganfall, den ich in die Neurologie einweisen wollte, bei dem mir die Leitstelle aber keinen Rettungswagen oder gar Notarzt zur Verfügung stellen konnte, weil derzeit nur ein Fahrzeug für ganz Ostfriesland zur Verfügung stünde.“ Ihre Praxis ist im Gebiet der Kooperativen Regionalleitstelle angesiedelt. „Der Patient wurde schließlich von einem Krankenwagen mitgenommen“, berichtet die Medizinerin. „Diagnose des Krankenhauses war ein frischer Schlaganfall.“
Damit konfrontiert, antwortet Leitstellen-Chef Albers, dass die Arztpraxis keinen Rettungswagen, sondern einen Krankenwagen bestellt habe, der „gemäß Dokumentation erst 30 Minuten nach Anruf losgehen“ sollte. Um 11.52 Uhr sei der Anruf eingegangen. Um 11.58 sei ein Fahrzeug der Wache Moordorf alarmiert worden, das aber aufgrund eines Notfalls in Halbemond abgezogen worden sei. Um 12.30 Uhr sei ein Fahrzeug der Wache Norden alarmiert worden, das „vorher aufgrund eines Defekts für 30 Minuten abgemeldet“ gewesen sei. „Alle anderen Rettungsmittel waren bereits im Einsatz. Um 12.44 Uhr sei das Fahrzeug dann am Einsatzort gewesen – also eine knappe Stunde nach dem Anruf.
Mit dieser Leitstellen-Antwort konfrontiert, hat die Hausärztin nochmal mit ihrer Medizinischen Fachangestellten gesprochen. Ergebnis: „Sie hat definitiv einen Rettungswagen bestellt, wie es unserem Qualitätsmanagement für Notfälle entspricht. Die Leitstelle hat dann übermittelt, dass alle Fahrzeuge besetzt seien und – so hat sie es direkt nach dem Anruf dokumentiert – ,nur ein Fahrzeug für ganz Ostfriesland‘ zur Verfügung stehe und sie nur einen Krankentransportwagen schicken könnten. Da der Patient stabil war, hat sie dann den Krankentransportwagen in der Not aber akzeptiert, weil weitere Optionen ja nicht angeboten wurden.“ Dass es sich um einen Schlaganfall handle, sei mit angegeben worden, so die Ärztin. Dass da nicht beliebig Zeit sei, „sollte auch der Leitstelle bekannt sein“. Und: „Uns wurde mitgeteilt, dass es etwas dauern würde, bis ein Fahrzeug bei uns sein würde.“ Eine Praxis-Mitarbeiterin sei an jenem Tag krank gewesen und die andere habe nur bis 12.30 Uhr Kinderbetreuung gehabt: „Deshalb kann sie sich gut an den Zeitrahmen erinnern.“
Unsere Zeitung hat bei der Rettungsleitstelle nachgehakt, auf welcher Grundlage die Antwort erfolgt sei. Tomke F. Albers teilte mit, dass er den Anruf der Praxis nicht mehr abhören konnte, da die Telefongespräche nur 30 Tage gespeichert würden. Laut Einsatz-Dokumentation der Leitstelle sei ein Krankentransport angemeldet worden und der Patientenzustand nicht kritisch gewesen. Es sei ein Mehrzweckfahrzeug entsandt worden, das „höherwertiger ausgestattet und besetzt“ gewesen sei.
Wie lange Frau mit „starker Blutung aus dem Kopf“ warten musste
Eine Facharztpraxis aus Ostfriesland meldete sich ebenfalls auf unsere Berichterstattung hin. Sie schilderte einen Notfall vom 30. September: Eine Patientin sei morgens mit „starker Blutung aus dem Kopf“ gekommen, die in der Praxis nicht gestillt werden konnte. Es sei ein Rettungswagen zum Transport in die Oldenburger Klinik angefordert worden. Das erste Fahrzeug, das gekommen sei, sei ohne Patientin wieder abgezogen worden. Erst gegen Mittag habe die Abholung geklappt. Seitens der Leitstelle habe es geheißen, dass von vier Rettungswagen nur zwei besetzt seien. Die Patientin habe einen „massiven Blutverlust“ erlitten, der eine Infusion erforderlich gemacht habe. Sie sei wegen der Folgen immer noch in Behandlung.
Leitstellen-Chef Albers berichtet vom Eingang des Notrufs um 9.53 Uhr. Um 10.30 Uhr sei das erste Fahrzeug alarmiert worden, das „wegen eines anderen Notfalls in Norddeich“ wieder abgezogen worden sei. Um 11.08 Uhr sei die Rettungswache Moordorf alarmiert worden. Ankunft des Fahrzeugs: 11.36 Uhr.
Albers erläutert: „Es wurde bei Notrufeingang auf Wartezeit hingewiesen, da derzeit keine Rettungsmittel frei waren.“ Bei einem erneuten Anruf der Arztpraxis, wonach der Transport schneller gehen sollte, habe die Leitstelle darauf hingewiesen, „dass keine Fahrzeuge verfügbar sind“.
„An diesem Tag war ein sehr hohes Einsatzaufkommen und einzelne Mehrzweckfahrzeuge waren abgemeldet, so dass die Leitstelle priorisieren musste und auch gelegentlich vorgeplante Rettungsmittel umdisponieren musste“, so Albers. Mit dem Ergebnis, dass die genannte Patientin eine Stunde und 43 Minuten lang warten musste.
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