Keine Medikamente für kranke Kinder Fiebersaft verzweifelt gesucht
Lieferengpässe lassen Eltern verzweifeln. Viele Kinder sind krank – aber schmerzlindernde und fiebersenkende Säfte und Zäpfchen mit den Wirkstoffen Ibuprofen und Paracetamol sind rar.
Ostfriesland - Der Krankenstand in ostfriesischen Kindertagesstätten und Schulen ist hoch: RSV, Influenza, Magen-Darm-Erkrankungen, Fieber – die Liste der Gründe hierfür ist lang. Durch die Isolation im Lockdown und Corona-Schutzmaßnahmen sei „das übliche Trainingslager für das Immunsystem“ für zwei Jahre ausgefallen, erklärt der Emder Kinder- und Jugendarzt Götz Gnielka. Das Ergebnis: Auf eigentlich banale Erkältungsviren reagieren die Kleinsten jetzt viel empfindlicher und werden damit öfter und schlimmer krank als in anderen Wintern. Linderung bei so ziemlich all diesen Erkrankungen verschaffen die Wirkstoffe Paracetamol und Ibuprofen. Die aber sind in der für Kinder zugelassenen und auch machbaren Darreichungsform kaum zu bekommen.
Was und warum
Darum geht es: Fiebermedikamente für Kinder sind knapp. Woran liegt es und wie können Eltern sich helfen?
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Die Lage spitzt sich zu: Eltern klappern derzeit auf der Suche nach Schmerzmitteln nicht selten mehrere Apotheken ab oder rufen an, sagt Wolfgang Waßmus, Inhaber der Löwen-Apotheke in Aurich. „Wir erleben Kunden, die ganz verzweifelt sind.“ In der Apotheke am Markt in Wittmund sieht das ganz ähnlich aus: Oft helfe nur reden, sagt Michael Völker. „Da ist viel Verständnis der Eltern gefragt.“ Ein akuter Mangel bei Arzneimitteln für Kinder herrscht seiner Einschätzung nach derzeit in allen deutschen Apotheken, denn alle greifen auf den Großhandel zu. Die Lieferengpässe bei Medikamenten für Kinder wie Erwachsene nehmen zu, sagt er. Schon 2019 war der Wirkstoff Ibuprofen einmal knapp. Im Frühjahr war es Tamoxifen zur Behandlung von Brustkrebs, jetzt seien es teilweise bestimmte Blutdruckmedikamente. Pantoprazol ist ein gängiges Mittel, das die Bildung von Magensäure verringert. Und das, so Völker, könne er trotz 50 Hersteller momentan nicht bekommen. Gleiches gilt für Antibiotika für Kinder, berichtet Völker. Diese Einschätzung teilt auch Gnielka, der in Emden in der Praxis am Kattewall gemeinsam mit Kollegen praktiziert: „Einfachstes Penicillin gibt es nicht mehr.“ Völker beobachtet zudem Engpässe bei Mucosolvan zur schleimlösenden Behandlung von Bronchien und Lungen der Kinder.
Nicht zu früh zu Fiebersaft greifen
Wenn überhaupt, können von den Apotheken stets nur geringe Mengen von mittlerweile einer Vielzahl von Medikamenten bestellt oder geliefert werden. Das ist ein großes Problem, meint Dr. Tanja Brunnert, Niedersächsische Pressesprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Mediziner hätten keine Alternative zu den Wirkstoffen bei der Behandlung ihrer kleinen Patienten: „Wenn Kinder hohes Fieber mit Beeinträchtigung des Allgemeinzustands haben, dann brauchen wir Ibuprofen oder Paracetamol als Saft oder Zäpfchen.“ Sie appelliert: Eltern sollten sich jetzt nicht bevorraten – und damit den Mangel noch verschlimmern.
Zudem rät sie dazu, nicht zu schnell zu fiebersenkenden Medikamenten zu greifen: „Fieber soll insbesondere bei sehr jungen Kindern gesenkt werden, wenn es sehr hoch ist oder wenn das Kind leidet. Ansonsten kann man Kinder auch mal fiebern lassen.“ Oder Wadenwickel machen. Die Kleinsten bis maximal 39,5 Grad Celsius Körpertemperatur. Ältere Kinder sollten Tabletten nehmen, wenn die Dosierung das zulässt. In den Apotheken wird hierzu umfassend beraten. Manche Tabletten könnten auch aufgelöst werden, um sie den Kindern zu geben, heißt es aus den Apotheken. Allerdings beobachten Mediziner wie Apotheker gleichermaßen ein Phänomen bei den Mitteln, die sie als Alternativen heranziehen können: Auch die seien nach und nach schwerer zu bekommen. Im Kern nämlich sind die Wirkstoffe die gleichen. Nur Dosierung und Darreichungsform unterscheiden sich.
Gleiche Mengen Medikamente für mehr Erkrankte
Für Säuglinge und Kleinkinder aber gibt es keine Alternativen zu Fiebersaft und Zäpfchen. „Frühestens ab dem Schulalter können Kinder niedrig dosierte Tabletten schlucken“, schreibt dazu der Landesapothekerverband Niedersachsen (LAV) in der aktuellem Ausgabe der Fachzeitschrift „Spektrum“. Dort wird beleuchtet, warum Kinder speziell für sie entwickelte oder zumindest geprüfte Medikamente brauchen. Es reiche nicht aus, die für Erwachsene zugelassenen Medikamente auf das Gewicht von Kindern herunterzurechnen. Kinder würden viele Arznei- und andere Fremdstoffe nicht vertragen. Ihre Auswahl an Mitteln auf dem Arzneimittelmarkt ist damit ohnehin stark eingeschränkt. Kreativität ist gefragt: „Wir gucken gemeinsam, was geht“, erläutert Waßmus. Für ihn als Apotheker ist diese Situation zutiefst frustrierend: In Deutschland sollten Standard-Arzneien jederzeit verfügbar sein, fordert er. „Es geht ja um die Gesundheit von Kindern. Die sind das schwächste Glied.“
Vom LAV werden im Kern drei Gründe für die Lieferengpässe genannt: „Erhöhte Nachfrage, weniger Anbieter, ungleiche Verteilung“. Dabei werde auch jetzt noch die gleiche Menge Fiebersaft und -zäpfchen hergestellt wie vor der Pandemie benötigt wurden. Das schreibt der Beirat für Liefer- und Versorgungsengpässe des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte in einer Information aus dieser Woche. Zugleich hat der aber festgestellt, dass die Menge dieser produzierten Medikamente die „aktuell erhöhte Atemwegsinfektionsrate bei Kindern“ nicht decke.
Also greifen einige Apotheken zur Selbsthilfe, um verzweifelten Eltern Alternativen zu Fiebersäften bieten zu können. „Apotheken in Emden mischen diese selbst“, teilt Gnielka mit. „Manche Apotheken fangen wieder an, Zäpfchen zu gießen“, weiß auch Völker aus Gesprächen mit seinen Kollegen. Das Herstellen eigener Rezepturen ist eine Kernkompetenz in den Apotheken. Mit einem Haken: Diese Rezepturen sind Handarbeit und damit teurer als ihr industriell hergestelltes Pendant. Das kann zu Problemen bei der Abrechnung der Apotheken und Kinderärzte mit den Krankenkassen führen. Denn die zahlen in der Regel nur den Preis für das industriell gefertigte Mittel. Nicht zuletzt müssen die Rohstoffe auch lieferbar sein, unterstreicht Waßmus. Und auch die gibt es nicht.