Elektrolyse-Pläne in Borssum Können Emder künftig günstig heizen?
EWE plant in Borssum den Bau eines Elektrolyseurs im Kraftwerksmaßstab. Quasi als Abfallprodukt der Wasserstoff-Produktion entsteht jede Menge Wärme. Was passiert mit der Energie?
Emden - Um sich unabhängiger von Erdgas zu machen und Firmen die Ansiedlung in einem geplanten Gewerbegebiet schmackhaft zu machen, haben sie sich in Wiesmoor intensiver mit dem Thema Fernwärme auseinandergesetzt. Und siehe da: Die Stadtwerke Bremen, die im Auftrag der ostfriesischen Blumenstadt mit ihren Gewächshäusern eine Machbarkeitsstudie erarbeitet haben, kommen zu einem guten Ergebnis. Grundsätzlich ließe sich bislang ungenutzte Energie aus einem 2012 ans Netz gegangenen Biomasse-Kraftwerk im Wiesmoorer Süden verwenden, um Schulen, das Rathaus und vielleicht sogar die Blumenhalle und das Hallenbad zu versorgen. Profitieren könnten – wie etwa in vielen Ortschaften in der Nähe von Biogasanlagen – die Haushalte größerer Siedlungen wie Hinrichsfehn.
Was und warum
Darum geht es: Fernwärme statt Gas. Der geplante Bau eines Elektrolyseurs in Borssum bietet im Emder Osten neue Möglichkeiten der Energieversorgung.
Vor allem interessant für: Anlieger, Unternehmer und alle, die von einer Fernwärme-Nutzung profitieren könnten
Deshalb berichten wir: EWE will in Emden im großen Stil Wasserstoff herstellen. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Ganz ähnliche Gedanken kann man sich gerade in Emden machen. Denn dort, genauer am östlichen Stadtrand in Borssum, bereitet der Konzern EWE den Bau einer mächtigen neuen Energiequelle vor. Im Oktober präsentierte Unternehmenschef Stefan Dohler im Rummel des alten Rathauses Pläne für eine Wasserstoff-Produktionsstätte im Kraftwerksmaßstab. Schon ab Ende 2026, so der Wunsch der EWE-Ingenieure, soll ein 320 Megawatt starker Elektrolyseur im großen Stil eines der Schlüsselelemente für den angestrebten Ausstieg aus fossilem Gas liefern. Die schöne Kehrseite der energieintensiven Produktion: Bei der Herstellung des grünen Wasserstoffs entsteht – ähnlich wie in Wiesmoor und sozusagen als Abfallprodukt – jede Menge Wärme.
Auch in Borssum gibt es bald wieder ein Freibad
Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten vor allem im nahegelegenen Borssum, wo es schon bald nicht nur ein frisch sanierten Freibad, sondern auch einen Hafen mit Industriebetrieben und Hallen und viele größere Wohnblocks gibt. Kerstin Kuwan, die bei EWE als technische Leiterin das Emder Wasserstoff-Projekt vorantreibt, kennt diese Standortdetails. „Es könnte eine gute Lösung sein, die Wärme für schlecht gedämmte Gebäude zu nutzen“, sagt sie ausweichend auf die Frage, ob sich da nicht etwas machen ließe.
Wird es konkreter oder fragt man gezielt nach, blocken sie und der Pressesprecher bei EWE schnell ab. Beide verneinen nicht, dass es Gespräche dazu gebe. Aber sie bitten um „Verständnis dafür, dass wir in der jetzigen Phase des Projektes das Thema der möglichen Abwärmenutzung noch nicht öffentlich bewerten.“
Fernwärme für das Volkswagen-Werk
Wie sich Fernwärme in Emden in größerem Maßstab einsetzen lässt, zeigt gar nicht weit vom geplanten Standort der EWE-Elektrolyse das Kooperationsbeispiel Statkraft – Volkswagen. Tief unter dem Hafen verläuft ein Tunnel, dessen Existenz vielen Emderinnen und Emdern vermutlich nicht bewusst ist. In zwei dicken Rohren fließt über eine fünf Kilometer lange Leitung heißes Wasser aus dem Biomasse-Heizkraftwerk des norwegischen Unternehmens zu den Hallen und Gebäuden der Autofabrik.
Bei einem Kontrollmarsch durch den begehbaren Tunnel schüttelte Kraftwerks-Leiter Jens Thomas im Jahr 2017 im Gespräch mit der Ostfriesen-Zeitung noch den Kopf. „So einen Tunnel würde heute keiner mehr bauen“, sagte er. Was damals kaum jemand ahnen konnte. Fünf Jahre und einen russischen Angriff auf die Ukraine später haben sich die Berechnungen für Energie und Gas kolossal geändert. Eine Investition für einen Fernwärme-Tunnel unter dem Hafenbecken will noch immer wohlüberlegt sein. Aber die konstante Abwärme aus einem Elektrolyseur in Borssum dürfte erfinderisch machen, wenn die Heizkostenpreise nicht spürbar sinken.
Stadtwerke antworten wortreich und nichtssagend
Dennoch: Wofür die künftig potenziell verfügbare Energie genutzt wird, und ob überhaupt, ist abhängig von einer noch zu schaffenden Infrastruktur, die sich erst rechnet, wenn es ausreichend Abnehmer gibt. „Sie müssen investieren in Pumpen und Leitungen. Und die brauchen Kunden – nicht nur einen, sondern zig“, gibt Jens Thomas zu bedenken. Rein technisch sei die Fernwärme-Nutzung machbar und „wirklich attraktiv“, sagt der Kraftwerksleiter.
Das Thema hat deswegen auch der Netzbetreiber und kommunale Energieversorger Stadtwerke Emden auf dem Schirm. Auf Anfrage gibt man sich dort jedoch ebenso betont zurückhaltend wie auch bei Kerstin Kuwan und Co. bei EWE: „Leider ist es noch zu früh, um konkrete Angaben zu dem Projekt oder weiteren Planungen zu machen. Aber grundsätzlich sind wir als Stadtwerke Emden der Meinung, dass der Elektrolyseur der EWE mit seinen Auswirkungen ein sehr spannendes Projekt für Emden darstellt. Wir befinden uns diesbezüglich natürlich im Austausch mit der EWE“, heißt es schriftlich so wortreich wie nichtssagend.
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