Osnabrück  Warum Yvonne Catterfeld eine ukrainische Familie aufgenommen hat

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 14.12.2022 14:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Schauspielerin und Sängerin Yvonne Catterfeld. Foto: Adam von Mack
Schauspielerin und Sängerin Yvonne Catterfeld. Foto: Adam von Mack
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Yvonne Catterfeld dreht gerade neue Folgen der ARD-Krimireihe „Wolfsland“. Wir haben am Rande der Dreharbeiten mit ihr gesprochen über das schwierige Jahr 2022, ihren Sohn und die ukrainische Familie, die sie aufgenommen hat.

Yvonne Catterfeld macht es sich gemütlich in der Görlitzer Wohnung, die sie während der „Wolfsland”-Dreharbeiten bewohnt, und lacht in den Laptop. Immer wenn es draußen kalt und ungemütlich wird, entstehen neue Episoden der ARD-Krimireihe, von der es am 22. und 29. Dezember neue Folgen zu sehen gibt. Im Video-Interview erzählt die Schauspielerin und Sängerin, wie sie Weihnachten feiert und dass auch sie nicht immer gut drauf ist.

Frage: Frau Catterfeld, es ist 17.30 Uhr und wir können dieses Interview eigentlich nur führen, weil Sie beim Dreh heute früher Feierabend gemacht haben als üblich. Wann haben Sie heute Morgen angefangen?

Antwort: Ich bin um 5.50 Uhr abgeholt worden, deshalb sind alle etwas müde.

Frage: Ist so ein „Wolfsland“-Dreh anstrengender, wenn Sie ihn mit „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ vor 20 Jahren vergleichen?

Antwort: Nein, damals war’s noch stressiger. Eine Daily Soap zu drehen, ist wie Fließbandarbeit, man muss ganz viel innerhalb kürzester Zeit drehen und den Text noch am Abend vorher lernen. Film ist schon etwas Anderes, da hat man etwas mehr Zeit. Nur ist es jetzt so, dass ich bei dem Film, den wir gerade drehen, von morgens bis abends wirklich in fast jedem Bild drin bin. Es ist viel, aber das war auch so gewollt von mir. 

Frage: Warum?

Antwort: Wir drehen immer zwei Filme am Stück, und das ist für mich mit Kind ein kleiner Organisationsmarathon. Es wurde dann so gelöst, dass ich in der Anfangsphase weniger drin bin und ich im letzten Monat dafür sehr geballt drehe. Das ist okay für mich. Mein Sohn ist jetzt acht, da kann ich fünf Tage drehen und fahre dann freitagnachts noch nach Hause. Umso wertvoller sind die Wochenenden, und ich habe natürlich nach so einem Dreh auch wieder monatelang frei. Das hat eben auch Vorteile und ich kann so mehr Zeit mit meinem Kind verbringen, als wenn ich einen Nine-to-five-Job hätte.

Frage: Nun steht Weihnachten vor der Tür – am Ende eines Jahres, das für viele Menschen alles andere als schön oder einfach war. Wie ist Ihr persönlicher Blick zurück auf dieses Jahr?

Antwort: Politisch war es ein sehr anstrengendes und dunkles Jahr. Als es im Februar losging mit dem Krieg, habe ich ewig lang im Netz verbracht, um das alles überhaupt zu begreifen. Wir haben eine ukrainische Familie aufgenommen, die seitdem etwas separat bei uns wohnt, dadurch kriege ich immer etwas mit. Die Mama, die große Tochter und das kleine Mädchen sind im März geflohen und wohnen jetzt bei uns, der Papa ist noch in der Ukraine. Das sind wirklich ganz feine Menschen. Natürlich hat der Krieg alles überschattet, aber es ist auch hier für viele Menschen schwerer geworden – eine Freundin von mir zum Beispiel fragt sich, ob sie sich ihre Miete noch leisten kann. Und ich frag mich, wie viele Rentner das schaffen. Früher habe ich mich sicher und wohl gefühlt, heute sehe ich eine Situation, der ich nicht mehr vertrauen kann. Alles wackelt und wankt.

Frage: Letztes Jahr haben Sie zu Weihnachten die schon länger vollzogene Trennung von Oliver Wnuk öffentlich gemacht, aber gemeinsam noch Weihnachten verbracht. Wie sieht’s dieses Jahr aus?

Antwort: Ich feiere mit meinen Liebsten, Oliver und ich sind immer noch sehr gut miteinander und durch unser Kind eng verbunden. Ich würde mal behaupten, besser als wir es – auch mit unserem Sohn – halten, kann man es gar nicht machen.

Frage: Freuen Sie sich eigentlich auf Weihnachten oder sind Sie eher der Typ, der froh ist, wenn’s vorbei ist?

Antwort: Ich freue mich eigentlich immer sehr auf Weihnachten. Ich gehöre auch tatsächlich zu den Leuten, die im Oktober schon Lebkuchen kaufen, wenn es die ersten gibt (lacht). Ich hatte oft auch schon im Oktober die ersten Geschenke – das ist in diesem Jahr anders, aber ich denke auch, dass diesmal auch weniger mehr ist. Früher, als ich noch sehr viel mehr gearbeitet habe, war Weihnachten immer wie Urlaub für mich, eine Auszeit, in der man einfach in Ruhe gelassen wird. Ich bin ja sonst fast immer erreichbar und schreibe oft auch nachts noch Emails – wobei ich meine Arbeit gut vergessen kann, wenn ich zu Hause und mit meinem Sohn zusammen bin.

Frage: Wie sieht’s mit dem Weihnachtsessen aus?

Antwort: Eine Tradition in dem Sinne haben wir eigentlich nicht. Ich hab mit meiner Mama und Oliver einmal eine Gans gemacht – das war so stressig, dass ich es nicht nochmal will. Jetzt grillen wir wieder – mein Papa steht draußen und brät Würste, dazu gibt es Sauerkraut und Kartoffelbrei. Dann muss man nicht den ganzen Abend in der Küche stehen.

Frage: Welche Musik gibt’s zu Weihnachten – und welche auf gar keinen Fall?

Antwort: Ich mag diese Weihnachtsklassiker wie „Last Christmas“ von Wham überhaupt nicht, dabei war ich früher mal George-Michael-Fan. Ich höre lieber alten Swing oder auch Jazz, Gospel und Soul. Dieses Jahr will ich mit meinem Sohn mal etwas Eigenes vorbereiten, ich hab ihm schon gesagt: Du musst jetzt Weihnachtslieder lernen, das geht so nicht weiter (lacht). Vielleicht spielt er ja auch ein bisschen Gitarre oder Klavier.

Frage: Haben Sie einen Herzenswunsch zu Weihnachten?

Antwort: Als Kind war eine übliche Antwort, ohne dass wir wirklich wussten, was Krieg bedeutet: Frieden. Auch wenn wir nicht am eigenen Leib wissen, wie es sich anfühlt, haben wir Mitgefühl und ich bin mir sicher, dass sich die meisten tatsächlich gerade jetzt das am meisten wünschen. Ich hoffe, dass dieser Krieg endlich vorbei ist und die Proteste im Iran zu Freiheit, zu mehr Glück, Achtung und Ruhe führen. Ich bezweifle jedoch, dass die Welt im nächsten Jahr besser wird.

Frage: In den letzten Jahren haben Krieg, Corona, Klimakrise und Inflation die Schlagzeilen und Diskussionen bestimmt. Sie haben einen achtjährigen Sohn – machen Sie sich Sorgen um seine Zukunft?

Antwort: Ja, ich habe schon manchmal Bilder vor Augen, die früher in meiner Gedankenwelt nicht vorgekommen wären. Ich bin sehr visuell, mir kommen oft Bilder, die ich gar nicht sehen will. Es ist erstaunlich, was unsere Kinder schon mitbekommen – und trotzdem ist es ja noch im Rahmen verglichen mit dem, was Kinder in der Ukraine oder auch im Iran erleben. Hier haben die Kinder durch Corona natürlich viel verpasst und sind zurückgefallen – mein Sohn dagegen hat’s genossen, er fand es super zu Hause zu sein und hat mich gefragt, ob ich nicht seine Lehrerin werden kann (lacht).

Frage: Sie haben also viel Homeschooling gemacht?

Antwort: Ja klar, aber für mich war es mit dem einen Kind ja auch einfach – meine Freundin hat in einer Erdgeschosswohnung mit drei Kindern gesessen, ich weiß gar nicht, wie die es geschafft hat. Jedenfalls hat man das Gefühl, es hört alles nicht mehr auf, wir brauchen mal eine Verschnaufpause.

Frage: Ihre Verschnaufpause lässt noch ein bisschen warten – Sie drehen gerade in Görlitz neue „Wolfsland“-Krimis. Die meisten anderen Filme entstehen im Frühjahr oder Sommer, warum drehen Sie immer zu dieser Zeit?

Antwort: Das frage ich mich auch manchmal – wir drehen hier ja auch viel draußen und können den Text kaum noch sagen, weil es uns so kalt ist, trotz warmen Klamotten und Wärmepflastern. Aber es soll nun mal schön dreckig aussehen, düster und kahl (lacht).

Frage: Sie haben mal von einer Sehnsucht gesprochen, nicht immer nett und gut gelaunt sein zu müssen.

Antwort: Ich bin schon meistens glücklich oder zumindest fröhlich, das genießen andere Menschen auch. Aber es gibt natürlich auch bei mir Tage, Wochen oder längere Phasen, in denen ich über das Leben und meine Situation nachdenke und auch mal unzufrieden bin. Oder Tage, an denen ich einfach niemanden außer meinen Liebsten sehen will. Früher habe ich vieles unterdrückt, mittlerweile bin ich sehr impulsiv geworden und kann Dinge nicht mehr zurückhalten, die ich sagen muss, wenn es zum Beispiel um Ungerechtigkeiten geht. Natürlich will nicht jeder meine Meinung hören, aber heute sage ich mir: Warum eigentlich? Wenn mich etwas stört, muss ich das auch sagen. Ich bin vielleicht nicht so unkompliziert, wie ich manchmal scheine, aber komplizierte Menschen können ja auch spannend sein.

Frage: Ihre „Wolfsland“-Figur Viola Dellbrück hat eine manchmal missmutige Seite – mögen Sie sie eigentlich?

Antwort: Ich mag die sehr. Es gab allerdings auch ein paar Folgen, bei denen ich gedacht habe: Warum spiele ich die jetzt so aggressiv? Da fand ich mich selbst sehr unsympathisch (lacht). Das geht übrigens einigen Menschen, die mich kennen und mir sehr nahestehen, ähnlich. Sie mögen mich in der Rolle nicht. Aber es macht einfach Spaß, weil ich als Schauspielerin genau die Sachen tun kann, die man sonst nicht macht. Wobei ich schon auch mal gerne eine Komödie spielen würde. Mir wird ja nachgesagt, dass ich privat eine einzige Comedy-Show bin.

Frage: In der Folge „20 Stunden“ sieht man Sie die meiste Zeit als Entführungsopfer, gefesselt und geknebelt. Wie spielt es sich eigentlich, wenn man ständig so ein Stück Stoff im Mund hat?

Antwort: Das Tuch, das ich im Mund hatte, musste öfters ausgetauscht werden, weil es sich natürlich total vollgesogen hatte. Das war voll eklig (lacht). Aber sonst hat’s Spaß gemacht. Eigentlich mag ich ja keine Krimis, sondern bin eher ein Thrillerfan. Sobald wir also etwas Thrillermäßiges haben, dann mag ich das mehr, als wenn wir nur die Fakten abfragen. Aber Wolfsland ist ja auch mehr als nur ein Krimi (schmunzelt).

Frage: Es ist beim deutschen Film ja so, dass Frauenrollen oft mit Schauspielerinnen besetzt werden, die zehn Jahre jünger sind als die Figur, die sie spielen. Bei Ihnen und Viola Dellbrück ist umgekehrt – die Dellbrück ist 35, Sie sind 43. Was ist anders an Ihnen als an allen anderen?

Antwort: (Lacht) Das ist total lustig. Vielleicht haben es die Autoren einfach nett gemeint. Ich hatte es sogar vergessen, dass ich im Film erst 35 bin. Die 40 hing über Schauspielerinnen immer schon mit 30 wie ein Damoklesschwert. Mit 30 ist alles noch gut, mit 40 wird’s schwer – das hat mir wirklich jeder gesagt. Ich habe tatsächlich von einigen Kolleginnen gehört, dass es zwischen 40 und 50 schwierig war und dann aber wieder die Rollen gekommen sind. Ich war in den letzten Jahren durch „The Voice“ und „Wolfsland“ so ausgelastet, dass ich auch noch genug Zeit für mein Privatleben hatte. Nächstes Jahr will ich mir mal wieder Gedanken machen, aber ich habe auch keine Angst. Noch nicht… Aber mit Sicherheit herrscht auf Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, ein anderer Druck wegen Ihres Äußeren.

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