Berlin Interview: Warum Sigourney Weaver trotz Filmtod in „Avatar 2“ mitspielt
Am Ende von „Avatar“ starb Sigourney Weavers Figur. Trotzdem taucht sie in „Avatar: The Way of Water“ wieder auf. Ein Gespräch über Aliens und Teenager.
Vor 13 Jahren reiste Sigourney Weaver zum ersten Mal nach Pandora. In James Camerons Science-Fiction-Spektakel „Avatar“ spielte sie Dr. Grace Augustine – die wissenschaftliche Leiterin einer Expedition zum Alien-Volk der Na’vi. Mit Einnahmen von 2,9 Milliarden Dollar wurde das Abenteuer zum erfolgreichsten Film aller Zeiten; allein in Deutschland gingen über elf Millionen Zuschauer ins Kino. Sie alle sahen Sigourney Weaver in der Schlussszene – sterben. Trotzdem spielt sie jetzt in der Fortsetzung mit. Wie das?
Kurz vor der Premiere stellt Weaver sich dieser Frage einer Interview-Runde. Zu klären gibt es noch mehr, denn die 73-Jährige ist in „Avatar: The Way of Water“ auch nicht mehr als erwachsener Mensch zu sehen – sondern als das Alien-Mädchen Kiri. Dazu kursieren alle möglichen Erklärungen, von Seelenwanderung bis hin zu einer speziesübergreifenden Liebe, deren Resultat Kiri sein könnte. Weaver sagt über das Verhältnis ihrer beiden Figuren nur dies: „Es gibt eine Verbindung.“ Kiri, erklärt sie weiter, ist ein Mädchen, „das sich mehr den Kreaturen des Waldes verbunden fühlt, den Tieren und Pflanzen – und darin sollte etwas von Grace weiterleben“. Mehr ist in der Kernfrage nicht zu erfahren.
Aber wie spielt man mit 73 Jahren eigentlich einen Teenager? Kiris 14-jähriger Alien-Körper entsteht am Computer; aber müsste nicht schon der Stimme Weavers Alter anzuhören sein? Sie bleibt gelassen: „Ich habe mich in ein paar Highschool-Klassen rumgetrieben, nur um mir die Stimmen anzuhören“, sagt sie. Beobachtet hat sie eine „enorme Spannbreite“ kindlicher und erwachsener Stimmen. Am Set hat dann ein Dialog-Coach geholfen. Weaver ist zufrieden: „Inzwischen habe ich den Film gesehen: Meine Stimme ist einfach Teil der Figur.“
Auch mental war die späte Jugendrolle extrem: „Ich musste eine Zeit in mir wachrufen, die nicht besonders glücklich war“, sagt Weaver. „Ich war schon mit elf Jahren so groß wie jetzt“ – also 1,84 Meter. Sie erzählt von der Mädchenschule, in der sie so zurückgezogen lebte, als wäre sie „noch für ein paar Jahre im Mutterleib geblieben“. Weaver: „Ich war sehr befangen und schüchtern; aber zugleich ist man in diesem Alter sehr leidenschaftlich. Man hat intensiven Gerechtigkeitssinn, ein hohes Gespür für Heuchelei.“ All diese Extreme habe sie ihrer „Avatar“-Figur weitergegeben. Auch in ihr selbst, sagt sie, waren die Gefühle von damals „gar nicht so tief verborgen“. Weaver: „Es hat ziemlich gut funktioniert, das Mädchen, das ich war, zurückzuholen.“
Thematisch erweitert der zweite „Avatar“-Teil das Spektrum; das zumindest legen die 20 Minuten nahe, die der Presse vor dem Interview zur Verfügung standen. Der einstige Soldat Jake Sully, im ersten Teil noch als titelgebender „Avatar“ auf Pandora, ist inzwischen mit seinem künstlichen Alien-Körper verschmolzen. Mit der Außerirdischen Neytiri hat er eine Familie gegründet, eines ihrer Adoptivkinder ist Weavers Kiri. Gewalttätige Konflikte zwingen die Eltern und ihre Kinder, zu einem Volk auszuwandern, das im Wasser lebt. Es geht also um Flucht und Migration, auch um Rassismus – und wieder um die utopische Einheit aller Lebewesen eines Planeten.
Schon der erste „Avatar“ schrieb 2009 technologisch Filmgeschichte. Damals wurden Kinos auf der ganzen Welt umgerüstet, um die digitalen 3D-Bilder zeigen zu können. Auch diesmal hat Regisseur Cameron neue Verfahren entwickelt. Wie im ersten Teil filmt er seine Stars im Motion-Capture-Verfahren. Dabei tragen die Schauspieler Anzüge mit Markierungen, über die der Computer ihre Bewegungen später auf die animierten Alien-Körper übertragen kann. Weil „Avatar 2“ in Pandoras Ozeane abtaucht, musste eine neue Unterwasser-Technologie geschaffen werden. Das kostet. Um profitabel zu sein, sagte Cameron dem Magazin „GQ“, muss der Film der dritt- oder vierterfolgreichste aller Zeiten werden. Das heißt, er muss mehr als 2,2 Milliarden Dollar einspielen.
Wie spielt es sich mit diesem Druck? „Ich muss sagen, dass mir das überhaupt keine Sorgen macht“, antwortet Sigourney Weaver und prophezeit, dass der neue Avatar den ersten Teil sogar noch überholt – weil er nicht nur visuell überwältigt, sondern auch eine gute Geschichte erzählt. „Wenn Sie heute ins Kino gehen – ganz egal, was Sie gucken, Sie sehen immer gleich zehn neue Highlights von ein- und demselben Film; ob das nun Marvel-Filme sind oder sonst was“, sagt Weaver. „Ich hoffe, dass unser Film die Zuschauer daran erinnert, dass wir bessere Geschichten verdienen, vielschichtigere Handlungen, vielschichtigere Figuren. Wir haben jetzt eine derartige Marvel-Kost hinter uns – prima. Aber wir haben auch ein Recht auf gute Filme.“