Osnabrück Tatort „Das Opfer“ aus Berlin: Super-Solo für Mark Waschke
Solo für Mark Waschke: Im Tatort „Das Opfer“ aus Berlin ermittelt er heute Abend nach dem Tod seiner Kollegin Nina Rubin (Meret Becker) als Robert Karow allein. Großartig.
Es gibt ein paar Namen, die sind beim Fernsehkrimi so etwas wie Garantiescheine. Erol Yesilkaya ist so einer. Das Publikum wurde wohl noch nie enttäuscht, wenn der heute 46-Jährige das Drehbuch zu einem Tatort geschrieben hatte. So lieferte er die Vorlage für die herausragende Dresdner Folge „Das Nest” (2019) ebenso wie für den bärenstarken Berliner Tatort „Meta” (2018). In der Hauptstadt kennt sich Yesilkaya also aus. Für „Das Opfer” hat er sich wieder ans Werk gemacht. Mit einem wichtigen Unterschied.
Nina Rubin ist tot. Den letzten Berliner Tatort hat sie nicht überlebt. Weil ihre Darstellerin Meret Becker genug hatte von diesem Engagement und weiterziehen wollte. Im Gegensatz zu Mark Waschke, der in 15 zumeist starken Krimis ihr Partner Robert Karow war. Er hat in Corinna Harfouch zwar schon eine neue Partnerin - die allerdings erst im nächsten Jahr als Susanne Bonard zum Einsatz kommt. Also gibt es ein Zwischenspiel. Ein Solo für Karow.
Dieser Fall wird ihn verändern, das sieht auch Darsteller Waschke so, der im Senderinfo sagt, der Ermittler sei „buchstäblich hinterher ein anderer als vorher”. Und als Zuschauer erfährt man endlich, warum er wurde, wie er ist.
Als Maik Balthasar (Andreas Pietschmann) tot in einem Waldstück aufgefunden wird, deuten Messerschnitte in den Mundwinkeln und der aufgesetzte Kopfschuss auf die Hinrichtung eines Verräters im Milieu. An der Tatwaffe werden Fingerabdrücke des berüchtigten Clanchefs Sinan Günes (Ugur Kaya) gefunden, dem die Berliner Justiz schon lange vergeblich auf den Fersen ist.
Balthasar hatte sich als verdeckter Ermittler sein Vertrauen erschlichen, vor allem aber war er ein Jugendfreund Karows, der nach Nina Rubins gewaltsamem Tod nun schon den zweiten ihm nahestehenden Menschen verliert. Immer wieder eingestreute Rückblenden machen deutlich, wie eng und wodurch Karow und Balthasar seit Jugendtagen miteinander verbunden waren.
Karow glaubt zwar nicht an Günes’ Täterschaft, doch Staatsanwältin Sara Taghavi (Jasmin Tabatabai) untersagt ihm Ermittlungen in diesem Fall. Der Kommissar nimmt Sonderurlaub - natürlich um zu ermitteln. Autor Yesilkaya und Regisseur Stefan Schaller führen ihn dabei bis an seine Grenzen und darüber hinaus. Es ist vielleicht nicht Karows Fall, aber es ist sein Film. „Wie hat irgendwer mal so schön gesagt: Die einzige Kontinuität, die ich in meinem Leben ausmachen kann, ist der ständige Wandel,” zitiert Waschke seine Figur. „Insofern dehnt sich das Karow-Universum durchaus in einige Richtungen aus, von denen er vorher nicht mal was geahnt hat.”
Das Drehbuch zu „Das Opfer” habe die Möglichkeit geboten, die Schichten von Karows Persönlichkeit etwas frei zu legen und tiefer zu blicken, ergänzt Regisseur Stefan Schaller. „Wichtig war uns dabei, dass wir Karow nicht ,verraten’. Trotz aller Verletzlichkeit, die er in diesem Film hat, sollte er gegenüber anderen Figuren nicht auf einmal total empathisch werden, bzw. haben wir versucht, eine gewisse Wandlung bei ihm sehr dezent zu erzählen. Wie gehst du damit um, wenn du jemanden verloren hast? Für Karow geht es in diesem Fall darum, sich dieser Frage wirklich zu stellen. Das hat mich sehr berührt.”
Schallers Tatort ist wahrlich nichts für schwache Nerven. „Das Opfer” ist extrem spannend, und das nicht nur am Ende. Da wird dann die Staatsanwältin zum Kommissar sagen „Sie sind ein seltsamer Mensch, Herr Karow”. Vermutlich bleibt Mark Waschke genau deshalb dem Berliner Tatort treu - solche Rollen findet man selten. Sein Solo zumindest ist im doppelten Sinne einsame Klasse und lässt Mark Waschke in einem der besten Tatorte des Jahres zu absoluter Höchstform auflaufen.
Im nächsten Jahr hat Karow dann wieder eine Partnerin: Corinna Harfouch (68) spielt in „Nichts als die Wahrheit” die 62-jährige Susanne Bonard, laut Sender „eine ehemalige LKA-Größe, die inzwischen an der Polizeiakademie lehrt, eine Koryphäe, deren Standardwerk jeder kennt”. Als eine junge Polizistin vermeintlichen Suizid begeht, wird sie Karow bei dessen Ermittlungen zur Seite gestellt. Gedreht wurde im letzten Sommer, ein Sendetermin steht noch nicht fest. Man darf gespannt sein, ob das Experiment gelingt, eine Schauspielerin jenseits des Pensionsalters für Polizisten als neue Tatort-Kommissarin einzuführen.
Tatort: Das Opfer. Das Erste, Sonntag, 18. Dezember, 20.15 Uhr.
Wertung: 6 von 6 Sternen